Fachkräfte

Nachwuchs finden mit den AusbildungsScouts

Thorsten Jochim ©
Azubi Pitt Eskens (l.) mit Ausbildungsleiter Torsten Bötzow an einem Messaufbau

Sabine Hölper, Ausgabe 02/2020

Mehr als 400 AusbildungsScouts und knapp 20 KarriereScouts sind derzeit in Oberbayern aktiv. Sie berichten in Schulen von ihrem Alltag im Betrieb. Mit Erfolg: Immer mehr Unternehmen finden auf diesem Wege Azubis.

Als Pitt Eskens (18) sich bei der Ketek GmbH bewarb, wurde er auch gefragt, wie er denn auf das Unternehmen aufmerksam geworden sei. Der junge Bewerber verwies auf einen AusbildungsScout der Firma. Der hatte Eskens’ Realschulklasse besucht und den Schüler mit einem spannenden Vortrag für den Beruf des Elektronikers für Geräte und Systeme begeistert. Dabei hörte er auch von Ketek, einem führenden Hersteller von Detektoren zur Materialanalytik. Eskens’ Antwort zeigt, dass das Konzept der IHK AusbildungsScouts bestens funktioniert: Sie helfen den teilnehmenden Unternehmen, dringend benötigten Nachwuchs zu gewinnen. In dem Projekt, das vor etwa vier Jahren startete, sind mittlerweile mehr als 400 AusbildungsScouts aktiv. Hinzu kommen zahlreiche ehemalige Scouts, die nicht mehr an Bord sind, weil sie ihre Ausbildung beendet haben. Einige von ihnen gehören jetzt zu den ersten IHK KarriereScouts, die seit Ende 2018 Schulen besuchen. Sie sind ehemalige Azubis, die eine Weiterbildung machen oder diese bereits abgeschlossen haben. Sie wenden sich vorrangig an Eltern und zeigen ihnen, welche Karrierechancen engagierten jungen Leuten nach einer dualen Ausbildung offenstehen. Während die KarriereScouts noch recht neu sind, haben sich die AusbildungsScouts bereits fest etabliert. Mehr als 400 Unternehmen aus Oberbayern beteiligen sich. Das heißt: Sie stellen einen oder mehrere Lehrlinge wenige Tage im Jahr für ein paar Stunden frei, damit diese in den Vorabgangsklassen aus ihrem Berufsalltag berichten können. Davon profitieren die Azubis auch selbst. »Es ist eine Präsentationsschulung«, sagt Ketek-Ausbildungsleiter Torsten Bötzow (56). Und Präsentierenkönnen sei heutzutage wichtig. »AusbildungsScouts sind die idealen Multiplikatoren, um neue Auszubildende zu gewinnen«, sagt Bötzow: Viele Schüler hörten von den AusbildungsScouts zum ersten Mal von den vorgestellten Berufen oder von den Firmen. Bei zahlreichen Schülern wird der Besuch aus den Betrieben so zur Initialzündung, sich genau dort zu bewerben.

So war es auch bei Eskens, der im vergangenen September bei Ketek startete. Er befand sich noch »in der Orientierungsphase«, wie er sagt, als der AusbildungsScout von seiner Ausbildung als Elektroniker für Geräte und Systeme bei Ketek berichtete. »Ich kannte die Firma vorher nicht, sie ist ja relativ klein«, sagt Eskens. Auch bezüglich des Berufswunschs schaffte der Scout Klarheit. »Der Vortrag hat mich in die Richtung gelenkt. Ich war begeistert, also habe ich mich im Anschluss beworben.« Der Rest ist bekannt. Heute ist Eskens nicht nur ein glücklicher angehender Elektroniker für Geräte und Systeme beim führenden Hersteller von Silizium-Drift-Detektoren mit 110 Mitarbeitern. Seit rund einem Jahr ist er selbst als AusbildungsScout tätig. »Das Tolle ist, dass man praktische Erfahrungen weitergeben kann«, so Eskens. Da AusbildungsScouts und Schüler nahezu gleich alt sind, können die Erfahrungen aus der dualen Ausbildung authentisch und glaubhaft geschildert werden – das ist der Kern des erfolgreichen Projekts. Immer mehr Firmen finden auf diesem Weg engagierte Azubis – so wie zum Beispiel die Peter Praunsmändtl GmbH & Co. KG in Ingolstadt. Der Mercedes-Benz-Händler bildet rund 70 Auszubildende in fünf Berufen aus. Damit machen Azubis 20 Prozent der gesamten Belegschaft aus. Diese hohe Quote ist laut Personalleiterin Petra Buchberger (32) »Teil der Unternehmenskultur. Wir vertrauen auf den Mix aus althergebrachtem Wissen und frischem Wind.« Wenn eine Firma jedes Jahr rund 25 neue Azubis rekrutieren möchte, muss sie sich etwas einfallen lassen. Zwar »zieht der Stern«, sagt Buchberger. Dennoch habe man für die Berufe im Bereich Nutzfahrzeuge »massive Probleme« offene Stellen zu besetzen.

Finaler Anstoß

Die Firma Praunsmändtl ist daher von Anfang an bei den AusbildungsScouts mit dabei. Etwa zehn Azubis sind bereits als Botschafter für die Ausbildung in die Schulen gegangen. Das Engagement zahlt sich aus: Alina Hackenberg (18), derzeit im dritten Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement, ist über einen Besuch eines AusbildungsScouts in ihrer Klasse auf das Unternehmen aufmerksam geworden. »Es war der finale Anstoß für sie, sich hier zu bewerben«, sagt Buchberger. Auch Hackenberg ließ sich sofort nach der viermonatigen Probezeit zum AusbildungsScout ausbilden. Hier zeigt sich: Wer auf diese Weise den nötigen Impuls bekam, geht später gern selbst in die Schulen, um junge Menschen zur Ausbildung zu animieren. Denn die jungen Azubis wissen noch genau, wie es damals war, als sie keine genauen Vorstellungen hatten – und sich diese dann formten, nachdem sie hörten, was alles möglich ist. Ralf Kammler hat es genau so erlebt. Seit September vergangenen Jahres lernt er den Beruf des Mikrotechnologen bei Dr.Johannes Heidenhain GmbH in Traunreut. »Vorher hatte ich überlegt, Chemielaborant zu werden«, sagt er. »Ich hatte sogar schon zwei Praktika absolviert.« Doch nachdem ein AusbildungsScout die Aufgaben des Mikrotechnologen vorgestellt hatte, fand er diesen Beruf viel spannender. »Er vereint Chemie, Physik und Elektronik«, sagt der 18-Jährige. Kammler bewarb sich bei dem Mess- und Steuerungstechnik-Unternehmen – und wurde genommen. Nur zwei Monate nach seinem Ausbildungsbeginn startete er selbst als AusbildungsScout. In drei Einsätzen hatte er schon »zwei Schüler, die sehr interessiert nachgefragt haben«. Vielleicht ergibt sich etwas daraus. Aus dem Unternehmen waren etwa zehn AusbildungsScouts an mindestens 25 Schulen. »Das Procedere ist so einfach«, sagt Ausbilder Frederic Scherrer (27). »Die IHK fragt per E-Mail an, ob ein Azubi an diesem oder jenem Tag Zeit hat, man antwortet, fertig.« Vor allem aber ist Scherrer überzeugt vom Erfolg der Maßnahme: »Wir haben Herrn Kammler angeworben.« Das sage alles.

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