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Charme des Temporären

Thorsten Jochim ©
Sind die Köpfe hinter dem Münchner Lovecraft im ehemaligen Galeria-Kaufhaus am Stachus: Lissie Kieser und Michi Kern

Lissie Kieser und Michi Kern haben bereits einige Zwischennutzungen von Immobilien umgesetzt. Sie schildern, wie solche Projekte für alle Beteiligten zum Erfolg werden.

Von Eva Elisabeth Ernst, IHK-Magazin 11-12/2023

Frau Kieser, Herr Kern, warum ist das Interesse an Zwischennutzungen zuletzt so deutlich gewachsen?
Michi Kern: Wir sprechen generell lieber von Umnutzungen von Gebäuden, wobei eine Zwischennutzung die kurzfristige Spielart einer Umnutzung ist.
Lissie Kieser: Es handelt sich dabei um einen kreativen Umgang mit Leerstand. Das Thema ist nicht neu, rückt aber derzeit mehr in den Fokus, weil der Einzelhandel aus den Flächen herausgeht und ein berechtigtes Interesse verschiedenster Akteure daran besteht, diesen Leerstand nicht hinzunehmen.

Welche Akteure sind das?
Kern: Vor allem die Politik, die Stadtgesellschaft, normale Bürger, aber auch Gastronomen, Vereine, Künstler und Kreative, die Räume suchen und sich normale Mieten nicht leisten können.

Zwischennutzung hält attraktiv

Und die Eigentümer der Immobilien?
Kern: Die natürlich auch. Da findet seit etwa 15 Jahren ein Paradigmenwechsel statt. Früher gab es bei Zwischennutzungen häufig Bedenken wie „schmutzig, laut, wird man nicht wieder los“. Das hört man heute gar nicht mehr. Die Immobilieneigentümer wollen mittlerweile die Leerstandskosten senken und ihre Immobilien weiterhin präsentieren. Durch eine gelungene Zwischennutzung werden sie nämlich sichtbar und auch attraktiver für die anschließende Vermarktung. Und selbst bei den Behörden hat sich die Haltung zu diesem Thema verändert: Sie sind heute sehr kooperativ und man merkt, dass sie fast schon Lust auf kreative Umnutzungen haben.

Erfolgsbedingung: gute Angebotsmischung

Wie wird ein solches Projekt zum Erfolg?
Kern: Originalität finde ich sehr wichtig. Im „Lovecraft“ haben wir zum Beispiel eine Indoor-Skatebahn gebaut und die Rolltreppen überbaut und in Rutschen verwandelt. Und mit dem „Lovelace“ haben wir 2003 aus einem Stadtpalais, das zwischenzeitlich als Büro fungierte, ein Pop-up-Hotel gemacht. Originalität macht Lust, sich das einmal anzusehen und auszuprobieren.
Kieser: Auch die Größe einer Immobilie spielt eine Rolle: je größer, desto besser. Dann gibt es mehr Spielraum für künstlerische Gestaltungskonzepte und die unterschiedlichen Bausteine aus kontinuierlichen Angeboten und Events. Beim Nutzungskonzept kommt es darauf an, die richtige Mischung aus Angeboten zu finden, die einerseits die räumlichen Gegebenheiten und andererseits die Bedarfe vor Ort berücksichtigen, was zum Beispiel die Aufenthaltsqualität, aber auch konsumfreie Angebote betrifft.
Und letztlich trägt auch das Prinzip der Kollaboration dazu bei: Wir stellen den Rahmen, die Inhalte ergeben sich durch das Zusammenwirken der verschiedenen Akteure: Künstler, Vereine, Gastronomen, Gäste.

Eigenes Investment plus Refinanzierung

Welche Rolle spielt die Finanzierung?
Kern: Die ist natürlich immer ein Thema. Früher wurden unsere Projekte lediglich von der Getränkeindustrie unterstützt, mittlerweile engagieren sich auch Immobilieneigentümer und private Investoren. Seit Corona gibt es auch öffentliche Fördermittel von Stadt, Freistaat und der Europäischen Union. Dennoch kommen wir bei Projekten in unserer Größenordnung nicht ohne eigenes Investment aus. Das beginnt bei 300.000 Euro und ist nach oben offen. Bei den Nutzungskonzepten denken wir daher natürlich immer auch an die Refinanzierung über Vermietungen und Veranstaltungen.

Wie viel trägt die Gastronomie dazu bei?
Kern: Das ist bei uns eher in den Hintergrund getreten. Denn unsere Projekte sind keine reinen Party- oder Konzertlocations mehr, bei denen es häufig Probleme mit den Nachbarn gibt und kaum Angebote für Kinder, Jugendliche und Senioren.  
Kieser: Wir vermieten an Gastronomen. Das wird dann auch viel interessanter, als wenn wir das selbst machen würden.

Größter Kampf: Bauantrag und Brandschutz

Was sind die größten Herausforderungen bei Umnutzungen?
Kieser: Das sind eindeutig Bauantrag und Baugenehmigung – sowohl finanziell als auch inhaltlich. Daran sind viele Experten beteiligt und es geht immer auch um die Frage, welche Voraussetzungen ein Objekt erfüllt und was man mit den Behörden verhandelt bekommt. Da gibt es viel zu besprechen, nachzujustieren und immer wieder neue Lösungen zu finden. Man darf auch nicht vergessen, dass viele Objekte renovierungsbedürftig sind.
Kern: Der Brandschutz ist an vorderster Front: Da werden natürlich auch bei temporären Nutzungen keine Kompromisse gemacht. Als große Herausforderung von Zwischennutzungen sehe ich die Nachhaltigkeit: Viele Dinge, die man in ein Objekt einbaut, müssen schließlich nach zwei, drei Jahren wieder raus.

Kleinste Sorge: Akzeptanz des Publikums

Ihre Projekte bekannt zu machen, ist kein Problem?
Kieser: An Publikum hat es noch nie gemangelt. Sowohl die Neugier als auch die Akzeptanz ist groß, wozu wohl auch der Charme des Temporären beiträgt. Für uns ist die Akzeptanz unserer Projekte der Maßstab für den Erfolg unserer Leistungen. Und besonders gut finden wir es, wenn wir ein gemischtes Publikum ansprechen – sowohl altersmäßig als auch soziokulturell.

„Ganze Stadt ein Spielplatz“

Wie stellen Sie sich die lebendige Innenstadt der Zukunft vor?
Kieser: Eine lebenswerte Innenstadt ist auf die konkreten Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet – und nicht wie jetzt auf kommerzielle Handelskonzepte, Autos und die Theorien zur Stadtplanung des letzten Jahrhunderts. Mein Zukunftsbild ist eine Innenstadt, die unterschiedlichste Qualitäten berücksichtigt und realisiert. Und dazu gehört für mich auch die Transformation bestehender Immobilien.
Kern: Ich habe einmal die Forderung gehört, dass die ganze Stadt ein Spielplatz sein sollte. Die Idee dahinter gefällt mir sehr gut. Es gibt mittlerweile in vielen Städten der Welt Beispiele dafür, wie Plätze oder ganze Stadtviertel umgewidmet werden, um das Leben wieder mehr nach draußen in den öffentlichen Raum zu verlagern. Das wäre sogar relativ einfach zu erreichen. Und wenn die Menschen sich ihre Städte wieder aneignen, um sich zu treffen und auszutauschen, dann macht auch der Einzelhandel in der Innenstadt wieder Sinn.


Zu den Personen: Lissie Kieser und Michi Kern

Lissie Kieser studierte Kunstgeschichte und war anschließend in der Gastronomie tätig.

Michi Kern studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften, konzentrierte sich dann auf Gastronomie und Clubkultur. Er eröffnete unter anderem das erste vegane Restaurant Münchens und gründete eine erfolgreiche Kette Münchner Yogastudios

Mit dem „Lovecraft“ im ehemaligen Galeria-Kaufhaus am Stachus und dem „FatCat“ im Gasteig bespielt das Team um Lissie Kieser und Michi Kern derzeit gleich zwei prägnante Münchner Immobilien. Zu ihren bisherigen Zwischennutzungsprojekten zählen das weltweit erste Pop-up-Hotel „Lovelace“ in einem Gebäude, in dem sich zuvor Vorstandsbüros einer Bank befanden, genauso wie das „Lost Weekend“, ein Mix aus Buchladen, Café und Veranstaltungsort auf dem Gelände der LMU München, oder das „Sugar Mountain“, ein Kulturprojekt inklusive Skaterpark in einem stillgelegten Betonwerk in München-Sendling.

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