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Früh starten, um rechtzeitig aufzuhören

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Neue Chefin gefunden – gute Vorbereitung hilft dabei

In der Coronakrise haben viele Unternehmer die Suche nach einem Nachfolger aufgeschoben. Dabei lohnt es sich, das komplexe Thema frühzeitig anzugehen. Wie die Übergabe gelingt – auch wenn kein Nachfolger in der Familie vorhanden ist.

SABINE HÖLPER, Ausgabe 06/2022

Seit einigen Monaten hat Michael Hepf richtig viel Freizeit. Er besucht sein Enkelkind und fährt Rennrad oder Mountainbike, so oft es geht. Der 63-jährige Unternehmer hat sich seinen Ruhestand verdient, schließlich waren die vergangenen beiden Jahre herausfordernd: Gemeinsam mit seinen beiden Mitgesellschaftern Ulrich Dobler und Hanspeter Angerbauer leitete er die Nachfolge der W. Ulrich GmbH in Eresing in die Wege – mit Erfolg.

Drei Monate Einarbeitung

Seit Januar führt nun Fabian Schneider (33) das Unternehmen, das eine Vielzahl von Rohstoffen für Schlüsselindustrien im Bereich Lebensmittel, Pharmazeutik und Kosmetik vertreibt. Drei Monate lang begleitete Hepf den neuen Geschäftsführer zumindest stundenweise und arbeitete ihn ein. Nun liegt es an Schneider, das vor 90 Jahren von Werner Ulrich gegründete Traditionsunternehmen erfolgreich weiterzuführen.

Kein »nach mir die Sintflut«

Die Nachfolge zu planen, stellt die meisten Unternehmer vor große Herausforderungen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Kinder kein Interesse an der Übernahme haben oder gar keine Nachkommen vorhanden sind. Wer nicht in Kategorien wie »nach mir die Sintflut« denkt, ist besonders gefordert. Es gilt, ein Lebenswerk zu erhalten und den Angestellten eine Perspektive zu geben.

In den vergangenen beiden Coronajahren haben zahlreiche Firmenlenker das Thema Nachfolge auf Eis gelegt. Zu schwerwiegend war die Krise, zu viele andere Aufgaben mussten bewältigt werden, vom Umsetzen von Schutzmaßnahmen bis zum Beheben von Lieferengpässen. Nun, da die Pandemie zumindest vorübergehend abgeflacht ist und die Firmen langsam, aber sicher zur Normalität übergehen, steht das Thema Weitergabe wieder vermehrt im Fokus. »In den vergangenen zwei Jahren haben sich zahlreiche Nachfolgen aufgestaut«, sagt Georg Schulte-Holtey, betriebswirtschaftlicher Berater der IHK für München und Oberbayern. »Jetzt laufen die Aktivitäten wieder an.«

Mehr übergabereife Firmen

Das aktuelle Nachfolge-Monitoring Mittelstand der KfW Research bestätigt seine Einschätzung: Während im Krisenjahr 2020 ein ungewöhnlich hoher Anteil mittelständischer Unternehmer keine Überlegungen zur Nachfolgeplanung angestellt hatte, waren es im vergangenen Jahr mit 39 statt zuvor 33 Prozent schon wieder deutlich mehr. »Der Coronaknick scheint überwunden«, schreiben die Forscher der KfW und schätzen, dass in Deutschland bis Ende 2022 rund 230.000 kleine und mittlere Unternehmen eine Nachfolgelösung anstreben.

In den kommenden Jahren dürfte die Zahl der Übergaben allein schon wegen der demografischen Entwicklung zunehmen. Denn die Zahl der älteren Firmeninhaber steigt kontinuierlich. Gegenwärtig sind 28 Prozent der Unternehmer 60 Jahre oder älter – das sind deutschlandweit mehr als eine Million.

»Renaissance der Familie«

Auffallend für die beiden Krisenjahre 2020 und 2021 war die »Renaissance der Familie«, so das KfW-Monitoring. Das heißt: Der Anteil der familieninternen Übergaben ist gestiegen. Vor der Krise zogen circa 45 Prozent der Unternehmer die Übergabe an ein Familienmitglied in Betracht. Im Jahr 2020 sprang dieser Wert auf 61 Prozent.

Das verwundert nicht. In Zeiten von Reise- und Kontaktbeschränkungen war es noch schwieriger als zuvor, einen externen Nachfolger zu finden. Alle Verhandlungen online zu führen, ist angesichts der Wichtigkeit des Projekts nicht jedermanns Sache.

Jetzt ändern sich die Verhältnisse wieder. Zwar bevorzugen die meisten Unternehmer eine Übergabe innerhalb der Familie. Doch wer sich extern nach einem Nachfolger umschauen möchte, kann das wieder leichter bewerkstelligen als zuvor.

Übergabe an Externe

Auch beim Unternehmen W. Ulrich kam nur die Übergabe an einen Externen in Betracht. Die Nachkommen der bisherigen Geschäftsführer hatten abgelehnt, die Übergabe an einen der rund 20 Mitarbeiter gelang ebenfalls nicht. »Wir hatten mehrfach Angebote von großen Handelshäusern«, sagt Ex-Chef Hepf. »Wir waren im Gesellschafterkreis aber der Meinung, dass deren Interesse lediglich dem internationalen Produkt- und Kundenstamm diente, der Firmenname mit der Zeit verschwunden wäre.« Das wollten die Alteigner nicht. »Unser Ziel war, dass ein aktiver Gesellschafter und Geschäftsführer das Unternehmen als Familienbetrieb weiterführt.«

Nachfolgebörse nexxtchange

Also suchten die Geschäftsführer Hepf, Dobler und Angerbauer auf Deutschlands größter Nachfolgebörse nexxtchange nach einem Interessenten – und fanden fast 30. Manche kamen auch aus dem Ausland, aus Großbritannien etwa oder China. »Ich war überwältigt von der großen Resonanz in so kurzer Zeit«, sagt Hepf.

Allerdings begann damit auch eine arbeitsintensive Zeit. Die Inhaber wollten keinem der Interessenten sofort absagen, sondern vielmehr prüfen, wer am geeignetsten für die Übergabe war. Diesen Prozess an eine spezialisierte Unternehmensberatung abzugeben, kam wegen der hohen Kosten von bis zu 150.000 Euro nicht infrage. So zogen die Alteigner zeitweise einen Berater hinzu, mit dem sie schon zusammengearbeitet hatten. Dieser führte mit allen 30 Interessenten Vorgespräche.

Fragenkatalog für die Kandidaten

Um die Gesprächsrunden zu strukturieren, hatten die Unternehmer einen Katalog mit zehn Fragen entwickelt, der mit allen Kandidaten durchgegangen wurde. So erfuhren sie, wie es um die Führungserfahrung der Interessenten steht, um das Branchenwissen und andere wichtige Faktoren.

Am Ende blieben fünf potenzielle Nachfolger übrig. Die Bewerbung des heutigen Geschäftsführers Schneider habe dabei schon herausgestochen, erinnert sich Hepf. Schneider hatte als einziger einen Businessplan entworfen und mitgeschickt. Außerdem hatte er Erfahrungen im Handel mit Rohstoffen, dem wichtigsten der drei Geschäftsfelder des Unternehmens.

Mit Skype durch die Firma

Nun setzte sich Hepf selbst an den Rechner, führte Gespräche via Skype oder Zoom. Anders ging es nicht, es tobte die Pandemie. »Das war schon kurios«, sagt Hepf – und beschreibt, wie die Verhandlungen mit Schneider liefen, der damals noch in Shanghai arbeitete: »Schneiders Vater lief mit dem Handy durch die Firma und zeigte seinem Sohn den Betrieb via Skype.« Auch beim späteren Notartermin saß der Vater am Tisch, mit einer Vollmacht des Sohns ausgestattet. Erst danach, kurz vor Antritt seiner neuen Tätigkeit als Chef des Unternehmens mit zuletzt rund sechs Millionen Euro Umsatz pro Jahr, kam Schneider junior zum ersten Mal nach Oberbayern.

Trotz dieser besonderen Umstände ist der Nachfolgeprozess vorbildlich. »Die Übergabe des Traditionsunternehmens ist wie im Lehrbuch abgelaufen«, sagt Claudia Rottmann, betriebswirtschaftliche Beraterin der IHK für München und Oberbayern. »Die Gesellschafter haben die Übergabe sehr gut vorbereitet, vor allem frühzeitig.«

Für Unternehmer Hepf war schon lange klar gewesen, dass er mit Anfang 60 aufhören wollte. Er wusste zudem, dass das Unternehmen in die digitale Zukunft geführt werden musste, er selbst dafür aber nicht die nötige Affinität zum Digitalen mitbringt. Da er sich außerdem darüber im Klaren war, dass eine externe Übergabe nicht von heute auf morgen über die Bühne geht, hatte er bereits 2019 mit den ersten Schritten begonnen.

Frühzeitige und aktive Planung der Nachfolge

Wie wichtig eine gute Planung bei der Nachfolge ist, bestätigen Übergabeexperten. Die Studie »Unternehmensnachfolge in Bayern« des Bayerischen Wirtschaftsministeriums führt unter den Erfolgsfaktoren für eine gelungene Übergabe die frühzeitige und aktive Planung des Prozesses ganz oben auf: »Je früher der Übergeber die Nachfolge anpackt, umso mehr Zeit bleibt für die notwendige Informationsbeschaffung, eine ausführliche Beratung durch Experten, eine systematische Planung sowie die erfolgreiche Übergabe.«

Finanzierung klären

Als weiteren entscheidenden Punkt, der ebenfalls so früh wie möglich geklärt werden müsse, nennen die Experten die Regelung der Finanzierung – bei Bedarf auch mithilfe von Förderkrediten oder Bürgschaften.

Initiative »Unternehmensnachfolge Bayern«

Das Bayerische Wirtschaftsministerium hat gemeinsam mit den bayerischen IHKs (BIHK) und der Arbeitsgemeinschaft der bayerischen Handwerkskammern die Initiative »Unternehmensnachfolge Bayern« angestoßen. Das Projekt verfolgt das Ziel, die Nachfolge noch stärker im Bewusstsein der bayerischen Familienunternehmen zu verankern. Es will die Unternehmer für eine frühzeitige Beschäftigung mit der Frage des Generationenwechsels sensibilisieren.

Die Angebote der Initiative wie zum Beispiel Tipps zur Nachfolgeregelung, Expertenkontakte und Hinweise zu Veranstaltungen sowie weiteres Informationsmaterial finden Unternehmen auf der Webseite des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.

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