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Wertvolle Begegnungen

Messe München/Andreas Pohlmann ©
Klaus Dittrich ist seit 2010 Chef der Messe München

Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, über Großveranstaltungen »nach Corona«, seine Vorfreude auf die IAA 2021 und die Messe von morgen.

Ausgabe 05/2020, Uli Dönch

Herr Dittrich, zuerst einmal: Wir hoffen, es geht Ihnen und Ihrem gesamten Messeteam gut. Wie bleibt die Messe München in der Coronakrise arbeitsfähig?
Wir arbeiten seit einigen Wochen ausschließlich im Homeoffice, alle Bereiche inklusive der Geschäftsführung. Wir schalten uns aber täglich zusammen – derzeit rein über digitale Tools. Das funktioniert sehr gut, auch weil wir vor zwei Jahren MS 365 eingeführt haben und nun auf MS Teams global Videokonferenzen durchführen können. Unsere Arbeitsplätze wurden schon vergangenes Jahr auf mobile Endgeräte umgestellt, wir haben eine Betriebsvereinbarung zu »Mobiles Arbeiten« im Einsatz. Wir nehmen das »Social Distancing« also sehr ernst.

Wann, schätzen Sie, können Sie in München wieder die erste Messe eröffnen?
Am liebsten sobald wie möglich. Aber natürlich nur, wenn die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter, Kunden und Partner garantiert sind. Stand heute, Anfang April 2020, mussten wir alle für Anfang März bis Anfang Juli geplanten Messen in Deutschland sowie in China beziehungsweise Russland absagen oder sie auf die Zeit ab September verschieben.

Was bedeuten all diese Ausfälle für die Messe München?
Die Coronakrise hat unsere Branche als erste schnell und hart getroffen, so wie auch alle anderen Veranstaltungen, wo viele Menschen persönlich zusammenkommen. Wir müssen im schlimmsten Fall mit einem Umsatzeinbruch in Höhe von bis zu 240 Millionen Euro rechnen. Andererseits konnten wir aufgrund des turnusschwachen Messejahres zahlreiche Ausweichtermine und -flächen im zweiten Halbjahr finden. Das gibt uns Hoffnung!

Allerdings leiden auch die Aussteller und deren Dienstleister.
Und nicht nur die, sondern auch die Hotels, die Gaststätten, die Caterer, der Einzelhandel, das Taxigewerbe und so weiter. Es gilt die Faustformel: Ein Euro Umsatz für die Messe initiiert zusätzlich zehn Euro Umsatz für Dritte – im positiven, aber auch im negativen Sinn. Um unsere Servicepartner zu unterstützen, haben wir erst kürzlich ein Onlinekrisentreffen organisiert – mit bayerischen Förderbanken und der Arbeitsagentur. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr und wollen unseren Dienstleistern helfen. Wir wissen, was wir an ihnen haben, und wollen auch nach der Krise mit ihnen zusammenarbeiten.

2019 als erfolgreichstes Jahr der Messe München

Wie steuern Sie dagegen, wie machen Sie die Messe München krisenfest?
Unser erstes Ziel ist, schnell die Kosten zu senken und die Liquidität zu sichern. Wir sparen, wo wir können, verschieben geplante Investitionen und haben seit dem 1. April 2020 umfassend Kurzarbeit eingeführt. Wir profitieren davon, dass 2019 das erfolgreichste Jahr in der Geschichte der Messe München war. Diese Finanzreserven können wir jetzt sehr gut einsetzen, aber auch die sind natürlich endlich.

Wie wird sich die Messe München verändern? Wird es jemals wieder eine klassische Messe mit Hunderten Ausstellern und Hunderttausenden Besuchern geben?
Ganz sicher! Plattformen zur persönlichen Vernetzung sind wichtiger denn je. Wir sind aber so realistisch zu erwarten, dass die Coronakrise Großveranstaltungen aller Art besonders lange beeinflusst: Es wird länger dauern, bis der Staat hier seine Schutzmaßnahmen lockert. Deshalb kann der Umsatz der Messe München auch nicht so schnell wieder steigen, wie er ab März 2020 eingebrochen ist.

Wie könnte die Messe von morgen aussehen? Wie lassen sich die klassischen stationären Ausstellungen und die neuen Onlineplattformen verbinden? Und wollen Ihre Kunden das überhaupt?
Die aktuelle Krise zeigt uns, wie viel Wert wir Menschen auf persönliche Begegnungen legen. Das ist gut für unser klassisches Messegeschäft. Sie zeigt uns aber auch, dass zusätzliche Onlineangebote immer wichtiger werden. Unser Ziel ist es, mit unseren digitalen Produkten 365 Tage Plattformen für Geschäftsaktivitäten unserer Kunden zu bauen. In Zukunft werden wir nicht nur Messeveranstalter, sondern Plattformmanager sein.

Digitale Produkte für zusätzliche Relevanz und Reichweite

Wie kann das funktionieren?
So wie bei der leider ausfallenden Messe OutDoor by ISPO. Wir arbeiten als Alternative zu dieser abgesagten Veranstaltung an einem digitalen Konferenzformat mit dem Titel ISPO Digitize. Thema wird die Digitalisierung in der Sportartikelbranche und im Sportfachhandel sein. Bei der ISPO haben wir in den vergangenen zehn Jahren schon ein Portfolio an digitalen Produkten entwickelt. Wir haben das Newsportal ispo.com aufgebaut, das bereits sieben Millionen Besucher nutzen – geschäftliche Kunden ebenso wie private. Mit all diesen und weiteren Maßnahmen verschaffen wir der ISPO – und all unseren Veranstaltungen – zusätzliche Relevanz und Reichweite.

Das gilt sicher auch für die Internationale Automobilausstellung IAA. Sie findet 2021 erstmals in München und nicht in Frankfurt am Main statt. Was wollen Sie anders machen?
Die IAA sah sich in den vergangenen Jahren mit großen Herausforderungen konfrontiert. Es kamen immer weniger Aussteller, die Zahl der Besucher hat sich fast halbiert. Aus diesem Grund hat der Veranstalter, der Verband der Automobilindustrie VDA, das Konzept radikal verändert: Die IAA soll nicht mehr ausschließlich neue Automobile präsentieren, sondern eine international führende Plattform für die Mobilität der Zukunft werden. Sie will sich öffnen für einen kontroversen Diskurs über die Zukunft der Mobilität und für neue Zielgruppen.

Wie wollen Sie das in München erreichen?
Indem wir neben der traditionellen Automobilpräsentation auf dem Messegelände in München-Riem auch einen öffentlichen Messeraum für die Bevölkerung schaffen. Dafür wollen wir innerstädtische Plätze nutzen, etwa den Königsplatz, den Odeonsplatz, den Max-Joseph-Platz oder den Marienplatz. Möglichst viele Menschen sollen die neuen Mobilitätskonzepte kennenlernen und auch ausprobieren können – vom E-Scooter über das wasserstoffbetriebene Auto bis hin zum autonom fahrenden Kurzstreckenbus oder dem Flugtaxi mit Elektroantrieb.

München als internationale Smart City etablieren

Das alles kann die Messe München aber nicht allein schaffen. Wer hilft Ihnen?
Allen voran das Land Bayern und die Stadt München. Ziel ist, München zu einer international beachteten Smart City zu machen. Dazu sind beträchtliche Investitionen nötig. Nicht in die Messe, sondern in die Mobilitätsinfrastruktur und in fortschrittliche, umweltfreundliche Verkehrskonzepte. Die VDA-Mitglieder haben klar signalisiert, dass sie bereit sind, ihren Anteil mitzutragen. Das hat mich ganz besonders gefreut.

Die Erwartungen an die neue IAA sind hoch – auch an Sie persönlich. Es war sogar schon zu lesen »Klaus Dittrich soll die IAA retten! «
Also »retten« muss die Autoindustrie ihre internationale Leitmesse schon selbst. Aber wir als Messe München werden ihr die bestmögliche Plattform für ein überzeugendes Zukunftskonzept für Mobilität bauen. Was ich schon jetzt deutlich spüre, ist, dass die Stadt München sich auf diese neue IAA freut. Das zeigen die vielen Anrufe und Mails, die ich bekomme. Die Entscheidung des VDA für München wird weltweit positiv registriert. Die IAA ist eine tolle Chance für den Standort München – aber auch für den Standort Deutschland. Wir können zeigen, dass es dieses Land schafft, zukunftsweisende Mobilitätskonzepte zu entwickeln.

Was aber, wenn die IAA trotz aller Anstrengungen floppt? Hat die Messe München nur diesen einen Versuch und der muss sitzen?
Richtig ist: Der VDA muss die Chance einer rundum erneuerten IAA nutzen. Wir als Messe München werden mit aller Kraft daran mitarbeiten, dass es gelingt. Dabei werden wir sicherlich nicht in erster Linie auf neue Besucherrekorde schielen – diese Zeiten sind vorbei. Viel wichtiger ist es, zusätzlich zu den reinen Autofans auch neue Zielgruppen zu erreichen, denen das Thema Mobilität in all ihren Facetten ein Anliegen ist. Das wird am Ende der entscheidende Erfolgsfaktor sein.

Zur Person

Klaus Dittrich (65) ist seit Januar 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München. Der studierte Germanist und Politikwissenschaftler trat 1980 in den öffentlichen Dienst des Freistaats Bayern ein. 2002 kam er als stellvertretender Geschäftsführer zur Messe München. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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