Betrieb + Praxis

Zertifizierte Kompetenzen

Was Mitarbeiter können – ValiKom dokumentiert Kompetenzen

Auch in schwierigen Zeiten brauchen Unternehmen Fachkräfte. Das Programm ValiKom macht die Fertigkeiten von Menschen ohne Berufsabschluss sichtbar. 

Sabine Hölper, Ausgabe 10/20

Beim Schongauer Unternehmen Hoerbiger Antriebstechnik GmbH arbeiten rund 400 Mitarbeiter in der Produktion. Einige von ihnen haben keine Ausbildung in dem Bereich, in dem sie tätig sind, manche verfügen über gar keine abgeschlossene Ausbildung. Sie machen ihre Arbeit gut, teilweise seit vielen Jahren. Dennoch fehlen hier und da Detailkenntnisse. Vor allem aber ist für sie der Aufstieg in höhere Positionen schwieriger. In zahlreichen Unternehmen ist die Situation ähnlich: Einerseits werden Facharbeiter dringend benötigt, um sich im internationalen Wettbewerb behaupten zu können. Andererseits aber kann man aus dem eigenen Pool nur bedingt schöpfen, wenn einem Teil der Beschäftigten die formale Qualifikation für eine berufliche Weiterentwicklung fehlt.

Vorkenntnisse aus Berufserfahrung

Das Programm ValiKom kann in dieser Situation helfen, weil mit ihm beruflich relevante Kompetenzen erfasst, dokumentiert, bewertet und zertifiziert werden können. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt das Beispiel Hoerbiger. Das Unternehmen qualifiziert engagierte Beschäftigte ohne adäquates Ausbildungszeugnis im Betrieb zum »Hoerbiger Facharbeiter« weiter.

Sowohl 2018 als auch 2019 nahmen je neun Mitarbeiter aus der Produktion an der einjährigen Weiterbildung teil. Im Anschluss durchliefen sie ValiKom. Aufgrund ihrer Vorkenntnisse aus der internen Maßnahme und ihrer langjährigen Berufserfahrung waren sie in der Lage, an einer Validierung teilzunehmen.

Gleichwertige Kompetenzen wie gelernter Maschinen- und Anlagenführer

Seither halten sie ein wichtiges Zertifikat in den Händen: Es bescheinigt ihnen, gleichwertige Kompetenzen wie ein gelernter Maschinen- und Anlagenführer zu haben. »ValiKom ist die Krönung der internen Ausbildung durch ein Siegel«, sagt Werkleiterin Jutta Michel (50). Das habe den Mitarbeitern einen ungeheuren Motivationsschub verpasst.

Höher dotierte Positionen erreicht

Vor allem aber konnten die meisten von ihnen in der Firma aufsteigen. »Weit mehr als die Hälfte der Teilnehmer arbeiten seither in verantwortungsvolleren und damit auch höher dotierten Positionen«, sagt die Werkleiterin. Das gebe den Angestellten ein Gefühl der Wertschätzung. Zudem profitiert das Unternehmen von qualifizierten Mitarbeitern. Dringend benötigte Fachkräfte konnten auf diesem Weg gewonnen werden.

ValiKom startete 2015. Damals hatten sich das Bundesbildungsministerium, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie der Deutsche Handwerkskammertag zusammengetan, um eine Lücke im System zu schließen: Menschen ohne formale Berufsqualifikation sollte der Zugang zum Arbeitsmarkt und zu höherwertigen Tätigkeiten ermöglicht beziehungsweise erleichtert werden. Viele von ihnen haben aus unterschiedlichen Gründen keine verbriefte Berufsqualifikation oder arbeiten in fachfremden Gebieten. Sie sehen sich häufig in einer beruflichen Sackgasse, insbesondere, wenn es um das Weiterkommen geht.

Allgemeingültige Verfahrensstandards und Gütekriterien

Mit ValiKom haben die Initiatoren allgemeingültige Verfahrensstandards und Gütekriterien entwickelt, um das, was die Mitarbeiter in ihren Jobs gelernt haben, zu bewerten und – sofern die Kenntnisse ausreichend sind – zu zertifizieren. »Die Kompetenzen sind ja vielfach vorhanden«, sagt IHK-Expertin Veronika Horneber. »Mit ValiKom werden sie dokumentiert.«

Regulären Berufsabschluss nachholen

Das Programm kann aber auch die Grundlage für mehr sein: Erfolgreiche Teilnehmer werden motiviert, im Anschluss den regulären Berufsabschluss nachzuholen. Ob gering qualifiziert, von Arbeitslosigkeit bedroht oder ohne Aufstiegsperspektiven: Betroffene sollten die Chance nutzen, sich weiterzubilden und Zertifikate einzuholen. Dafür stehen mehrere Wege offen, für ausländische Mitarbeiter etwa auch die Anerkennung ihres Abschlusses.

Mittel der Personalplanung

Die Arbeitgeber nutzen ValiKom als Instrument in der Personal- und Karriereplanung. Auch Hoerbiger Antriebstechnik will an dem Programm festhalten. »Sobald die Coronarestriktionen aufgehoben sind, wird eine weitere Gruppe mit mindestens sechs Mitarbeitern am Zertifizierungsprogramm teilnehmen«, sagt Werkleiterin Michel. »Wir haben in der Vergangenheit gesehen, wie groß der Nutzen für beide Parteien ist: Die Mitarbeiter spüren ein großes Zutrauen, wenn sie die Validierung positiv abschließen, das Unternehmen profitiert fachlich.«

Perspektive für den Aufstieg

Der entscheidende Pluspunkt von ValiKom liege darin, dass eine Firma ihren Angestellten »Perspektiven für eine Weiterentwicklung geben« könne. Ulrike Scheiner, Leiterin Aus- und Weiterbildung beim Münchner Einzelhändler Tretter-Schuhe GmbH&Co.KG, sieht das ähnlich. Sie unterstützte ihre Mitarbeiterin Aysem Cakir beim Validierungsverfahren. 19 Jahre lang hatte diese ohne Ausbildung im Unternehmen gearbeitet. Dann, mit 39 Jahren, lernte sie noch einmal Theorie dazu und erhielt schließlich das begehrte ValiKom-Zertifikat, das ihr gleichwertige Kompetenzen zu denen einer Kauffrau im Einzelhandel attestiert. Für die Angestellte wie auch für Tretter ein Gewinn: Cakir wechselte in eine große Filiale und stieg zur Substitutin auf.

Das Programm ValiKom:

Die IHK München validiert folgende Ausbildungsberufe schwerpunktmäßig:

  • Kauffrau/mann für Büromanagement
  • Fachkraft für Lagerlogistk
  • Hotelfachfrau/fachmann und Hotelkauffrau/kaufmann
  • Verkäufer/in und Kauffrau/mann im Einzelhandel
  • Maschinen- und Anlagenführer/in
  • einzelne industrielle Elektroberufe

ValiKom richtet sich an Angestellte, Freiberufler, Arbeitslose. Teilnehmen können Personen mit und ohne Berufsabschluss. Sie müssen mindestens 25 Jahre alt sein und einschlägige Berufserfahrung vorweisen können.

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