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Online auf der sicheren Seite

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Dunkle Absichten – das Risiko von Hackerangriffen sollten Onlinehändler nicht unterschätzen

Nicht zuletzt wegen der Coronakrise bieten immer mehr Firmen ihre Produkte und Dienstleistungen auch im Internet an. Das kurbelt das Geschäft an und schafft neue Perspektiven – wenn die Risikovorsorge stimmt.

Eva Müller-Tauber, Ausgabe 10/2021

Ein eigener Onlineshop? Für Telsche Peters war das lange kein Thema. Die Inhaberin von ToscaBio TP in Eching-Deutenhausen wickelt ihre Geschäfte gewöhnlich über reale Kontakte ab, bietet private Verkostungen und Events. Ihre ausschließlich kleinen Produzenten kennt die gebürtige Mainzerin alle persönlich. Das gilt ebenso für viele ihrer Abnehmer, die bei ihr ausgewählte italienische Bio-Weine, zertifizierte Olivenöle und Feinkost kaufen. »Doch die Coronakrise hat mich eiskalt erwischt«, gesteht die Unternehmerin.

So entschied sich Peters Mitte 2020 dazu, doch in den E-Commerce einzusteigen, und beauftragte dazu einen auf den Vertrieb von Wein spezialisierten Dienstleister aus der Region. Dieser kümmert sich um alles – von der Bestellung über die Zahlungsabwicklung bis hin zur Lieferung an die Kunden.

Für die 52-Jährige hat sich die Investition gelohnt: »Der Shop läuft besser als ursprünglich gedacht, und das ohne großes zusätzliches unternehmerisches Risiko, weil ich dieses weitgehend ausgelagert habe und der Dienstleister für die gesamte Webshopabwicklung verantwortlich zeichnet.«

Fast 15 Prozent mehr Umsatz im E-Commerce

Wie Peters verfuhren zuletzt zahlreiche Unternehmen: Sie setzten im Zuge der Coronapandemie erstmals auf das Internet als direkten Vertriebskanal oder weiteten ihre Online-Aktivitäten stark aus. Der Umsatz von Waren im E-Commerce stieg vergangenes Jahr um 14,6 Prozent auf 83,3 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr, ermittelte der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) in Berlin.

Doch völlig sorglos sollten Unternehmen den Internethandel nicht betreiben. »Vor allem, wer erstmals oder verstärkt auf diese Art seine Waren und Services vertreibt und das Risiko nicht an einen externen Dienstleister auslagert, sondern einen eigenen Webshop führt, muss seine Risikovorsorge überprüfen und gegebenenfalls anpassen«, rät Rainer Bradl, betriebswirtschaftlicher Berater bei der IHK für München und Oberbayern. Denn beim E-Commerce lauern mitunter neue Gefahren oder solche, gegen die es sich stärker abzusichern gilt als bei einem stationären Shop.

Schranken zur Sicherheit einzubauen

Beispiel Forderungsausfälle: »Beim E-Commerce besteht ein höheres Risiko als im Direktverkauf, auf Betrüger hereinzufallen, die beispielsweise eine falsche Rechnungsadresse angeben«, erläutert Eva Behling (35), Rechtsanwältin beim Branchenverband BEVH. Schließlich sei der Kunde quasi unsichtbar. Es gelte daher, gewisse Schranken einzubauen. So könne es sinnvoll sein, Kunden die Zahlungsart Rechnung nicht bei ihrer ersten Bestellung anzubieten oder sie ihnen nur nach einer vorherigen Bonitätsprüfung zu gewähren. Möglich sei zudem, Zahlungsdienstleister wie etwa PayPal oder Klarna einzuschalten und so den Geldeingang für die Ware zu sichern. Denn das Ausfallrisiko trägt hier in der Regel der jeweilige Dienstleister.

Welche Policen sind notwendig?

»Je nachdem, wie wertvoll die zu versendenden Waren sind, kann auch der Abschluss einer Forderungsausfallversicherung sinnvoll sein«, sagt Behling. Gleiches gelte für eine zusätzliche Transportversicherung, »denn die ausliefernden Dienstleister haften zumeist nur bis zu einer bestimmten Obergrenze« – zumindest im Endkundengeschäft. »Im B2B-Handel liegt das Transportrisiko in der Regel beim Kunden.« Eine Inhaltsversicherung wiederum sichert Inventar, Warenbestand und Vorräte im Schadensfall ab.

Generell haben vor allem Chefs kleinerer Unternehmen, die einen eigenen Shop aufziehen, das Thema Risikovorsorge und Versicherungen selten von Beginn an auf dem Radar, weiß Behling aus ihrer Beratung: »Neulinge im E-Commerce müssen so viel beachten, da geht das Thema oft etwas unter.« Vor allem, wenn es wie im vergangenen Jahr wichtig ist, möglichst schnell online zu gehen. Auch sei schon das Erstellen einer rechtssicheren Website ohne Shop mitunter eine Herausforderung. »Daher kann auch eine Rechtsschutzversicherung hilfreich sein, um sich beispielsweise gegen Abmahner zu wehren, die unlauteren Wettbewerb oder Verstöße gegen Informationspflichten etwa aus der Datenschutz-Grundverordnung anprangern«, sagt die Juristin.

Versicherungen nach individuellem Bedarf

Welche Versicherungen bei einem Onlineshop insgesamt notwendig sind, ergebe sich – wie beim stationären Geschäft – aus einer individuellen Bedarfsanalyse, so Behling. Unabdingbar seien zumeist Haftpflichtversicherungen wie eine Betriebs-, eine Vermögenschadens- und/ oder eine Produkthaftpflicht, also Policen, die das Unternehmen gegen Schadenersatzansprüche Dritter absichern.

Mittlerweile sind auch Komplettangebote für den Onlinehandel auf dem Markt. Diese Webshoppolicen bündeln Einzelversicherungen. »Inwieweit eine solche Paketlösung sinnvoll und passend ist, sollte jeder Firmenchef für sich genau prüfen«, so IHK-Experte Bradl. Um dem individuellen Risiko eines Betriebs gerecht zu werden, also weder über- noch unter- oder falsch versichert zu sein, biete sich wie beim stationären Handel zumeist eher ein maßgeschneiderter Versicherungsschutz an.

Cyberversicherungen

Recht neu auf dem Markt sind sogenannte Cyberversicherungen. Sie decken en bloc verschiedene potenzielle Gefahren ab, die infolge eines Hackerangriffs drohen – ein Risiko, das bei einem Internetshop meist deutlich höher ist als bei einem stationären Geschäft. »Je abhängiger die Betriebe von der Technik sind, desto gravierender können die Folgen eines solchen Angriffs sein«, erläutert Peter Graß, Experte für Cyberversicherungen beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Gemäß den unverbindlichen Musterbedingungen für Cyberversicherungen von kleinen und mittleren Unternehmen, die der Verband für seine Mitglieder formuliert hat, übernimmt eine solche Police in der Regel Eigenschäden, die durch Betriebsunterbrechung entstehen, die Kosten für die Wiederherstellung der Daten sowie die Systemrekonstruktion.

Mehr Wissen und Handlungsbereitschaft im Mittelstand

Das Wissen um Cyberrisiken und die Absicht, vorzubeugen und sich gegen sie abzusichern, steige im Mittelstand, beobachtet Versicherungsexperte Graß. Bei kleinen Firmen allerdings sieht er noch starken Nachholbedarf: »Sie glauben, sie seien zu winzig und zu uninteressant für Hacker. Aber gerade Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern werden überdurchschnittlich oft Opfer erfolgreicher Cyberangriffe«, erläutert der GDV-Experte. Knapp ein Drittel von ihnen (32 Prozent) hatte es laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des GDV schon mindestens einmal mit Kriminellen zu tun, die Daten abgegriffen oder Systeme gesperrt haben. Von den mittleren Firmen mit 50 bis 249 Mitarbeitern waren immerhin 28 Prozent betroffen.

Wie findet ein Unternehmer nun eine für ihn passende Versicherung? GDV-Experte Graß rät, sich eingehend beraten zu lassen, etwa von einem unabhängigen Makler, oder drei alternative Angebote einzuholen und diese zu vergleichen. Hilfreich seien mitunter auch Vergleichsportale im Web. Zu einem solchen Angebotsvergleich rät auch Bradl, »denn es gibt mittlerweile doch einige Anbieter von Cyberpolicen am Markt«. Der IHK-Fachmann empfiehlt, die Leistungen genau unter die Lupe zu nehmen und zum Beispiel zu prüfen: Inwieweit sind Schäden gegenüber Dritten mitversichert? Reicht die Höhe der Schadenabdeckung?

Den Bedarf genau analysieren

Zudem sollten Unternehmer die Kosten-Nutzen-Frage stellen. »Egal, ob stationäres Geschäft oder Onlineshop: Es gilt, zuerst immer die existenzbedrohenden Gefahren zu versichern«, sagt Andreas Greipl. Der 43-jährige Geschäftsführer der Bavariashop GmbH in Otterfing bietet seit 1998 »bayerisches Lebensgefühl«, in witzige Geschenkideen verpackt, ausschließlich online an. Von Beginn an setzte er dabei auf externe Unterstützung. Ein Makler berät den Firmenchef, welche – auch neuen – Versicherungen sinnvoll sein könnten und welche bei seinem Geschäftsmodell eher weniger wichtig sind.

Stellschrauben anpassen

So stellte sich etwa heraus, dass das Thema Produkthaftung für den Onlinehändler nicht so relevant ist, weil er Hersteller wie Lieferanten seiner Produkte kennt, Letztere alle CE-geprüft sind und er anfangs keine Waren aus Drittländern importiert hatte. Auch eine zusätzliche Transportversicherung war mit Blick auf den Warenwert der Einzelbestellungen nicht dringend nötig. Wichtiger war es hingegen, das Warenlager umfassend zu versichern. »Zudem hatten wir anfangs eine Forderungsausfallversicherung abgeschlossen«, sagt Greipl. Damals erlaubte er auch Erstkunden den Kauf auf Rechnung. Mittlerweile hat der Unternehmer auf PayPal umgestellt, das Risiko eines Forderungsausfalls ausgelagert. Damit konnte er auch die Versicherung kündigen.

Ohnehin nehmen der Firmenchef und sein Makler in regelmäßigen Abständen gemeinsam den gewerblichen Versicherungsschutz unter die Lupe und passen ihn gegebenenfalls an. Eine Cyberversicherung hat Greipl noch nicht abgeschlossen. Zum einen, weil sie aus seiner Sicht vergleichsweise teuer ist. »Zum anderen, weil wir über ein sehr ausgefeiltes IT-Sicherheit- und Datenschutzkonzept verfügen.«

Alternative zur Versicherung

Ein großes Problem seien dagegen Abmahnungen. »Wir wurden unter anderem abgemahnt, weil wir vermerkt hatten, dass alle unsere Produkte CE-geprüft sind«, sagt Greipl. »Das sei unlauterer Wettbewerb, weil dies ohnehin bei allen Produkten, die in der EU vertrieben werden, der Fall sein sollte.« Ein Rechtsschutz, um sich gegen berechtigte und unberechtigte Forderungen zu wehren, sei daher mitunter empfehlenswert, etwa über eine Versicherung, einen Verband oder auch ein Gütesiegel wie Trusted Shops. »Aber auch hier kommt es stets auf das jeweilige Geschäftsmodell an«, sagt der Unternehmer.

IHK-Service zum Versicherungsschutz

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