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Eine umworbene Region

Grafik: Tuna salmon_stock.adobe.com ©
Öffnen sich dem Westen – die zentralasiatischen Länder zwischen Russland und China

Chinas Seidenstraßen-Initiative rückt die Länder Zentralasiens in den Mittelpunkt politischer und wirtschaftlicher Interessen. Ein Blick auf diese aufstrebenden Staaten lohnt sich auch für bayerische Unternehmen.

Mechthilde Gruber, Ausgabe 04/20

Noch vor einem Jahrzehnt war Zentralasien eine wenig beachtete Region, kaum mehr als ein exotisches Reiseziel für Naturliebhaber und Abenteurer. Das hat sich geändert. Heute treffen hier gewichtige geopolitische Interessen aufeinander: Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan sind als wichtiges Drehkreuz zwischen Ost und West, Nord und Süd strategisch interessant. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die neue Seidenstraße-Initiative (Belt& Road-Initiative) Chinas, durch die sich die Region zum Transitkorridor zwischen Europa und Asien entwickelt hat. Russland sieht die ehemaligen Sowjetrepubliken nach wie vor als Teil seines Einflussgebiets und versucht, durch die Eurasische Wirtschaftsunion dort seine Macht wieder zu stärken. Indien und Iran, die Türkei und die Golfstaaten sowie die USA engagieren sich ebenfalls immer stärker. »Die zentralasiatischen Länder öffnen sich«, sagt Jutta Albrecht, Zentralasienexpertin bei der IHK für München und Oberbayern. »Sie haben großes Interesse an der Ausweitung ihrer Beziehungen, ganz explizit auch nach Europa. « Für Bayerns Wirtschaft entwickeln sich in der Region daher zahlreiche Möglichkeiten.
Denn auch die Europäische Union verfolgt in diesem Gebiet wichtige Interessen. Mit einer im Frühjahr 2019 verabschiedeten neuen Zentralasienstrategie will die EU ihre Zusammenarbeit mit den Staaten dort intensivieren. Ihr Ziel ist es, die Länder zu stabilisieren. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, regionale Kooperation und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung sollen mit verschiedenen Maßnahmen gefördert werden.
»Diese Strategie muss jetzt durch konkrete Projekte mit Leben gefüllt werden – auch unter wirtschaftlichen Aspekten«, sagt Hannes Aurbach, Teamleiter für die Region Asien, Russland, GUS. Gefragt sei eine europäische Antwort auf Chinas starkes Auftreten. Dieses Engagement sollte die wirtschaftliche Situation der einzelnen Länder tatsächlich verbessern.
Aus Sicht der bayerischen Wirtschaft können zahlreiche Argumente für ein Engagement sprechen. »Die Länder Zentralasiens sind am Beginn einer beeindruckenden wirtschaftlichen Entwicklung mit einem starken Willen zur Transformation«, sagt Hovsep Voskanyan, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Zentralasien. Hier gibt es noch ungesättigte Märkte mit einer jungen, wachsenden Bevölkerung. Teils neue Regierungen treiben mit der Förderung von ausländischen Investitionen den Ausbau und die Diversifizierung der Wirtschaft voran. »Das Ziel ist mehr Wertschöpfung vor Ort«, sagt Voskanyan. »Daraus ergeben sich gute Chancen für bayerische Unternehmen, deren Technologien hier in vielen Bereichen gefragt sind. «

Stärken und Schwächen

Dabei hat jedes Land seine Stärken und Schwächen. »Die einfachsten Märkte sind Kasachstan und Usbekistan, die groß und weiter entwickelt sind als andere Länder der Region«, sagt AHK-Experte Voskanyan. Kasachstan ist wirtschaftlich am stärksten, verzeichnet die höchsten Wachstumsraten und treibt viele Ausbau- und Modernisierungsprojekte voran. Besonders interessant sind die Branchen Schwer- und Leichtindustrie, erneuerbare Energien, Landwirtschaft und Logistik.
Auch das bevölkerungsreichste Land Usbekistan wächst sehr dynamisch und macht Kasachstan seine Vorreiterrolle streitig. Das ehrgeizige Reformprogramm des Landes trägt dabei erste Früchte. Landwirtschaft, Textilwirtschaft, die Automobilbranche sowie Energie- und Wassermanagement sind hier zukunftsträchtige Sektoren.
Die Länder Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan wiederum sind zwar vergleichsweise kleine Märkte, können aber, abhängig von der Branche, ebenfalls gute Einstiegsmöglichkeiten bieten.
»Wer einen Markteintritt plant, sollte es jetzt wagen«, empfiehlt AHK-Experte Voskanyan. Dabei sollten Unternehmen – wie bei jeder Expansion – strategisch vorgehen und sich absichern. »Am besten mit einem erfahrenen lokalen Partner an der Seite, um nicht unnötig Zeit und Ressourcen zu verschwenden«, so Voskanyans Rat. Eine gute Gelegenheit, sich ausführlich über die Chancen und Risiken in den einzelnen Ländern zu informieren und nützliche Kontakte zu knüpfen, bietet das Wirtschaftsforum Zentralasien.
 

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