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Warten oder handeln?

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Einstiegsland für die ganze Region – Uruguay (im Bild Montevideo)

Das Mercosur-Abkommen zwischen Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und der EU eröffnet auch bayerischen Unternehmen neue Perspektiven.

Von Margrit Amelunxen, IHK-Magazin 04/2025

Über 2 Jahrzehnte wurde darum gerungen. Im Dezember 2024 gingen schließlich die Bilder einer strahlenden EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen durch die Medien, an ihrer Seite die Staatspräsidenten der 4 Mercosur-Partner. In Kraft ist das Abkommen aktuell noch nicht, denn dafür müssen noch das Europäische Parlament und der Europäische Rat zustimmen. Doch die Hoffnungen der deutschen Wirtschaft sind groß. In Zeiten von Handelskriegen und beinahe täglichen Meldungen über neue Zölle verheißt eines der größten Freihandelsabkommen der Welt attraktive Marktchancen und neue Perspektiven.

Den Mercosur-Raum nur als interessanten Absatzmarkt für Unternehmen aus Fahrzeug- und Maschinenbau, pharmazeutischer und chemischer Industrie, Smart Farming oder künstlicher Intelligenz zu sehen, wäre jedoch zu kurz gedacht. Das Abkommen zwischen der EU und dem Mercado Común del Sur (Gemeinsamer Markt des Südens) erleichtert Europa im Gegenzug auch den Zugang zu wichtigen Rohstoffen wie Eisenerz, Kupfer, Lithium oder seltenen Erden.

Viele Zollschranken sollen fallen

Letztendlich profitieren beide Seiten. 91 Prozent der Zölle für EU-Exporte in den Mercosur und 92 Prozent der Zölle aus dem Mercosur in die EU sollen schrittweise abgeschafft werden. „Das bedeutet, dass etwa 30.000 europäische Unternehmen, die in diese 4 Länder exportieren, nach aktuellen Schätzungen Exportzölle von 4 Milliarden Euro pro Jahr einsparen könnten“, erläutert Kira Potowski (36), Geschäftsführerin der AHK Uruguay.

Im Kontext von Mercosur stehen meistens Brasilien und Argentinien im Mittelpunkt, da sie die größten Volkswirtschaften des Bündnisses sind. Paraguay und Uruguay werden zwar erwähnt, spielen aber eine weniger dominante Rolle in der Berichterstattung. Allerdings gewinnt Uruguay zunehmend an Bedeutung innerhalb von Mercosur.

Es lockt „die Schweiz Lateinamerikas“

Uruguay, etwa halb so groß wie Deutschland und mit einer ähnlichen Einwohnerzahl wie Berlin, wurde früher oft als „die Schweiz Lateinamerikas“ bezeichnet. Das kam nicht von ungefähr, gilt der südamerikanische Staat doch als konfliktfrei, sicher, familienfreundlich, politisch und wirtschaftlich stabil.

Mittlerweile gibt es ein neues Vorbild: Singapur. Mit politischer Unterstützung, hohem Schutz für Investoren und attraktiven Programmen will sich Uruguay ähnlich wie der asiatische Stadtstaat als Einstiegsland und Innovation Hub für eine gesamte Region positionieren.

Mit 13 Freihandelszonen (den sogenannten ZZFF) umwirbt das Land ausländische Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Von Uruguay aus könne man die Fühler nämlich nicht nur in den Mercosur-Raum mit seinen rund 300 Millionen Einwohnern ausstrecken, sondern sich auch Marktchancen auf dem gesamten Kontinent erarbeiten, wie Expertin Potowski betont.

Bayerisches Know-how gefragt

Lateinamerika bietet neben Mercosur weitere attraktive Märkte wie Mexiko, Chile, Kolumbien und Peru. Wirtschaftliche Reformen, bestehende Handelsabkommen mit der EU und die hohe Nachfrage nach bayerischem Know-how eröffnen Chancen in Branchen wie Maschinenbau, Umwelttechnologien und erneuerbaren Energien.

Zudem gibt es bereits bestehende Handelsabkommen mit der EU, zum Beispiel mit Mexiko und Chile, die Investitionen und Exporte erleichtern. Für Unternehmen, die sich langfristig in der Region engagieren wollen, lohnt es sich also, über Mercosur hinauszublicken und eine umfassende Lateinamerika-Strategie zu entwickeln.

Es stellt sich daher die Frage, ob es vorteilhaft ist, mit einem Markteintritt zu warten. Die Antwort ist klar: „Wer langfristig erfolgreich sein will, sollte nicht auf politische Entwicklungen setzen, sondern jetzt aktiv werden“, sagt Jessica de Pleitez, IHK-Expertin für Lateinamerika.

Spezialisten für SAP – und interkulturelles Management

Den Markteintritt in Lateinamerika kennt die Münchner ortevo GmbH aus beiden Perspektiven: der eigenen und der ihrer Kunden. Die 2018 gegründete Beratung für Unternehmen im DACH-Raum sorgt für reibungslose und länderkonforme SAP-Implementierung in Lateinamerika. Auf den ersten Standort in Brasilien folgte ein weiterer in Argentinien und Anfang 2025 ein Büro in Mexico City.

Das Beratungshaus hat sich konsequent spezialisiert und seine Expertenteams klar positioniert. „Unser Management und Vertrieb sind hier, während unsere Spezialisten in Lateinamerika leben. Die sind nicht nur Experten für SAP, sondern auch für Sprache, Kultur und Mentalität“, erläutert Stephan Näder (40), Partner und Chief Sales Officer bei ortevo.

„Brückenbauer“ im weitesten Sinne

Oft gehe es nicht nur um den technischen Teil der Projekte, sondern vor allem um Change
Management. „Wir verstehen uns als Brückenbauer, die einerseits dem deutschen Headquarter Anforderungen wie die 5 verschiedenen Steuerarten in Brasilien erklären“, so Näder. „Gleichzeitig aber können wir bei den lokalen Gesellschaften für Verständnis werben, denn wir sprechen in jeder Hinsicht ihre Sprache.“

Gegengewicht zum Protektionismus

Das Mercosur-Abkommen begrüßt Näder. Er sieht darin viele Chancen und ein Gegengewicht zum Protektionismus aus den USA und China. „Man kann Unternehmen wirklich nur ermutigen, sich diese Länder jetzt anzuschauen“, betont er.

„Sie sind uns zum einen kulturell und politisch nah. Wirtschaftlich ist das außerdem ein unglaublich dynamischer Markt, man wird mit offenen Armen empfangen und der Wille, mit uns zusammenzuarbeiten, ist sehr groß.“

Das Lateinamerikaforum Bayern (s. Kasten unten) wird Näder ebenfalls besuchen und unter anderem auf dem Podium sitzen. Er schätze solche Veranstaltungen als erstklassige Gelegenheit zum Netzwerken, um Erfahrungen auszutauschen und Know-how aus erster Hand zu erlangen.

IHK-Info: Lateinamerikaforum Bayern 2025

Unternehmen, die sich für den Markteinstieg oder die Intensivierung bestehender Geschäftsbeziehungen in Lateinamerika interessieren, sind beim Lateinamerikaforum Bayern 2025 am 6. Mai in der IHK richtig. Bei der ganztägigen Veranstaltung stellen auch Vertreter von 15 Auslandshandelskammern (AHKs) aus Lateinamerika ihre Länder vor und beraten in individuell buchbaren Gesprächen. Die Teilnahme am Forum ist kostenfrei, eine Anmeldung jedoch erforderlich.

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