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Lukratives Tax-free-Shopping

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Touristen aus Nicht-EU-Ländern nutzen beim Einkaufen gerne Tax-free-Shopping

Eva Elisabeth Ernst, Ausgabe 02/2020

Reisende aus Nicht-EU-Ländern schätzen die Möglichkeit, sich die deutsche Mehrwertsteuer erstatten zu lassen. Einzelhändler, die sich darauf einstellen, können mit zusätzlichem Umsatz rechnen.

München ist die Top-Destination des Tax-free-Shoppings in Deutschland: 24 Prozent der Umsätze, die Reisende mit Wohnsitz in einem Nicht-EU-Land dem deutschen Einzelhandel 2019 bescherten, wurden in der bayerischen Landeshauptstadt erzielt. Die anderen deutschen Großstädte folgen mit deutlichem Abstand (s. Tabelle S. 48). In der Münchner Innenstadt hat sich der Einzelhandel längst auf diese internationalen Zielgruppen eingestellt. Ernst Läuger (56), Komplementär des Lederwarenspezialisten Benno Marstaller KG, schätzt, dass im Herzen Münchens rund 90 Prozent der Geschäfte Tax-free-Shopping, also umsatzsteuerfreies Einkaufen, anbieten. Aber auch für Einzelhändler außerhalb der Innenstadt kann sich das Angebot lohnen. Beim Tax-free-Shopping bezahlen Kunden im Laden zunächst den Kaufpreis inklusive Umsatzsteuer. Sobald sie nachweisen können, dass sie die Waren ordnungsgemäß ausgeführt haben, erstattet ihnen der Händler oder ein Serviceunternehmen die Umsatzsteuer. Für den Nachweis legen die Kunden bei einer Ausgangszollstelle an der Außengrenze der EU die Originalrechnung des Händlers, die gekauften Waren und das Formular vor, auf dem der Zoll die Ausfuhr der Waren bestätigt. »Häufig gibt der Händler diesen Kunden Freikuverts mit, in denen sie den abgestempelten Beleg an ihn zurücksenden können«, sagt Läuger. Nach Erhalt der ordnungsgemäß abgestempelten Dokumente erstattet der Händler dem Kunden die Umsatzsteuer für diesen Einkauf. Er selbst reicht die Belege wiederum beim Zoll ein, um die Umsatzsteuer zurückzuerhalten. »In der Praxis arbeiten die meisten Händler heute mit spezialisierten Dienstleistern zusammen, die den gesamten Ablauf für sie, aber auch für die Kunden einfacher gestalten«, so Läuger. Dafür berechnen die Dienstleister rund sieben Prozent des Umsatzsteuerbetrags als Provision, die der Kunde trägt. An einigen wenigen Auszahlstellen, die mit Tax-free-Dienstleistern kooperieren, kommen die Reisenden sogar in den Genuss des sogenannten Cash-back-Verfahrens, bei dem sie die Umsatzsteuer abzüglich der Provision des Dienstleisters direkt nach dem Einkauf zurückerhalten – unter der Vorgabe, dass sie die Zolldokumente binnen drei Monaten nachreichen. »Sollte ein Kunde die Belege nicht rechtzeitig einreichen, wird der Mehrwertsteuerbetrag von seiner Kreditkarte oder seinem Bankkonto abgebucht«, erklärt Läuger. In ihren vier Ladengeschäften sowie im Fabrikverkauf in Osterwarngau erwirtschaftet Marstaller ein gutes Drittel des Umsatzes mit Kunden, die das Tax-free-Verfahren nutzen. Das Unternehmen produziert in seiner Manufaktur feine Lederwaren und Spezialkoffer, vertreibt jedoch auch die Produkte anderer Hersteller. »Mit unseren Werbemaßnahmen sprechen wir gezielt Kunden aus den USA, aus Asien und aus dem Nahen Osten an«, sagt Geschäftsführer Läuger. Dass das Ladengeschäft in der Münchner Pacellistraße als Auszahlstelle für zwei Tax-free-Dienstleister fungiert trägt ebenfalls dazu bei, die Umsätze zu erhöhen. »Zwei bis drei Prozent der Reisenden, die zu uns in den Laden kommen, um sich die Umsatzsteuer erstatten zu lassen, kaufen bei uns noch Reisegepäck, Handtaschen oder Geldbeutel«, sagt Läuger. Dies sei vor allem bei Kunden aus den USA und aus Asien der Fall, die meist selbst in den Laden kommen, um sich die Umsatzsteuer auszahlen zu lassen. »Bei Touristen aus Russland und dem Nahen Osten erledigt dies häufig ein Mitarbeiter oder ein Personal Shopper«, so Läuger.

Tax-free-Shopping wächst

Auch ohne den Extraservice einer Auszahlstelle können Händler profitieren, wenn sie Tax-free-Shopping möglichst einfach gestalten. »Deutschland ist ein beliebtes Reiseziel, die Ankunftszahlen steigen jedes Jahr«, sagt IHK-Tourismusexperte Christian Nordhorn. »Und noch stärker wächst das Tax-free-Shopping.« Wie eine Hochrechnung des EHI Retail Instituts für den Dienstleister Global Blue zeigt, stieg der in Deutschland erzielte Umsatz mit Tax-free-Shopping von einer Milliarde Euro 2008 auf rund 2,6 Milliarden Euro 2019 – ein beachtlicher Sprung. Der Durchschnittsbon bei Tax-free-Kunden aus China lag 2018 bei 502 Euro, bei Kunden aus den USA waren es 409 Euro (s. Tabelle unten rechts). »Um diese Kunden ins Geschäft zu holen, sollten Händler im Schaufenster oder an der Tür explizit darauf hinweisen, dass sie Tax-free-Shopping anbieten«, empfiehlt IHK-Experte Nordhorn. »Zudem sollten sie den internationalen Kunden die von ihnen präferierten Bezahlverfahren per Kreditkarte oder App ermöglichen.« Auch bei der Sortimentsauswahl, den vorrätigen Größen und der Schaufensterdekoration sollten Händler diese lukrativen Kundengruppen berücksichtigen. So können sie zum Beispiel Aktionen auf Feiertage wie das chinesische Neujahr oder den amerikanischen Unabhängigkeitstag ausrichten. »Wichtig ist auch, die Mitarbeiter rund um Mehrwertsteuerrückerstattung und Zollbestimmungen zu schulen sowie ihnen Verständnis für die unterschiedlichen Kulturen und Verhaltensweisen zu vermitteln«, sagt Nordhorn. Am Flughafen München werden in den über 50 Ladengeschäften der eurotrade Flughafen München Handels-GmbH rund 25 Prozent der Umsätze mit Fluggästen aus Nicht-EU-Ländern erzielt, Tendenz steigend. Dies führt Geschäftsführer Christian Wallner (54) auf die überproportionalen Zuwächse im Langstreckenverkehr zurück. Die Sortimente in den Geschäften der Flughafen-Tochter werden regelmäßig an die Bedürfnisse dieser Zielgruppen angepasst. »Für die vielen internationalen Kunden setzen wir zudem gut geschultes und internationales Verkaufspersonal ein«, sagt Wallner. Besonderes Augenmerk liege dabei auf denchinesischen Gästen. »Diese Zielgruppe erwartet spezielle Sortiments-, Marken- und Serviceangebote sowie kulturelles Verständnis«, sagt Wallner. Produkte »made in Germany« oder »made in Europe« seien über alle Warengruppen hinweg bei Nicht-EU-Reisenden besonders beliebt. »Daher setzen wir auch künftig auf eine konsolidierte und übersichtliche Präsentation regionaler oder besonderer Produkte aus Deutschland und Europa«, so der eurotrade-Geschäftsführer. Das Konzept wird derzeit unter dem Motto »Originals, Tradition und Heimat« an stark frequentierten Standorten des Flughafens eingeführt. Zu den dort besonders hervorgehobenen Produkten zählen italienischer Käse, bayerischer Whisky oder Jägermeister aus Wolfenbüttel. Den begehrten Zollstempel können sich diese Kunden dann gleich am Flughafen abholen.

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