Von Bayern in die Welt

Albert Kerbl entwickelte seine gleichnamige Firma vom regionalen Agrargroßhändler zum internationalen Hersteller für Tierzuchtbedarf – wie ihm das gelungen ist.
Von Harriet Austen, IHK-Magazin 04/2025
Wenn Albert Kerbl die Größe seines Unternehmens darstellen möchte, benutzt er das Bild eines Mosaiks. „Mit den Jahren sind immer mehr Teile zusammengekommen“, sagt er stolz und zeigt auf eine beachtliche Anzahl von Meilensteinen im Firmenprospekt. Sie zeugen von Weitblick, Mut und Gespür für Markt und Innovationen – und einer bedeutenden Karriere des Gründers. Die Albert Kerbl GmbH aus Buchbach ist heute ein führender Großhändler und Hersteller für Tierzuchtbedarf in Europa.
Die Geburtsstunde des Unternehmens liegt in den 1960er-Jahren. Vater Isidor Kerbl, ein Landwirt, entdeckte auf einer Messe ein Gerät, das die Geburt von Kälbchen wesentlich erleichterte. Sohn Albert, 18 Jahre jung, ein Bauernbub mit wenig Geld, fing an, während seiner Ausbildung zum Landwirt den „Geburtshelfer“ nebenbei zu vertreiben, und fuhr mit Vaters Auto von Hof zu Hof. „Ich habe dabei gut verdient“, sagt Kerbl lachend.
In 60 Minuten zum Joint Venture
Weil das „Superprodukt“ bei den Bauern gut ankam, erweiterte Albert Kerbl nach und nach das Sortiment und zog einen kleinen Großhandel für Agrarprodukte auf. Mit 5 Mitarbeitern und 200 Artikeln gründete er 1984 schließlich die Albert Kerbl GmbH, die bis heute auf dem Grundstück des ehemaligen Bauernhofs steht.
Der erste große Meilenstein war 1993 die Gründung eines Joint Ventures in Polen. „Damals kam einer zur Tür rein und bot uns eine Zusammenarbeit an. Eine Stunde später war der Deal abgeschlossen“, erinnert sich der 77-Jährige. Aus diesem Geschäft per Handschlag entstand eine der größten und modernsten Produktionsstätten für Weideprodukte weltweit mit 350 Mitarbeitern. „Damit begann der entscheidende Sprung vom Großhändler zum Hersteller“, ergänzt Sohn Ulli Kerbl.
Passgenaue Übernahmen
Der Vorteil dieser Strategie: Die Handelsspanne fällt weg, „wir können günstiger anbieten und mehr verdienen“. Auch habe man mehr Einfluss auf Sortiment und Vermarktung.
Spontane Entscheidungen wie damals gebe es jetzt nicht mehr, sagt der Juniorchef. „Heute kalkulieren wir exakter und nehmen Firma und Management genauer unter die Lupe“, betont der studierte Wirtschaftsingenieur. Gute Gelegenheiten zu Übernahmen gebe es genug. „Das muss aber alles zu uns passen“, ergänzt er und zählt die Geschäftsbereiche auf: Agrar, Pferd und Reiter, Weidezaun, Arbeitssicherheit, Hobbyfarming und Heimtier.
12 Standorte in Europa
Durch zahlreiche Zukäufe führt die Kerbl-Gruppe mittlerweile 13 starke Kernmarken unter ihrem Dach. „In dieser Größenordnung gibt es weltweit niemand anderen“, sagt Albert Kerbl. Der Mittelständler beschäftigt insgesamt 750 Mitarbeiter, erwirtschaftet 360 Millionen Euro Umsatz, liefert 20.000 Produkte an Kunden in rund 100 Ländern (Exportanteil circa 50 Prozent) und betreibt 12 Produktions- und Vertriebsstandorte in Europa.
Ulli Kerbl startete 2010 in der väterlichen Firma, nachdem er zuvor als technischer Redakteur bei einer Kommunikationsagentur gearbeitet hatte. Als Produktmanager baute er zunächst die Abteilung Agrarbedarf auf. Seit 2015 lenkt er den Familienbetrieb gemeinsam mit seinem Vater, der beruhigt über seinen Rückzug aus dem Tagesgeschäft nachdenken kann, da die Nachfolge gesichert ist.
Als Eigenmarke etabliert
Albert Kerbl hebt das Jahr 2010 noch wegen eines weiteren wegweisenden Mosaiksteins hervor: Kerbl wurde als Herstellermarke eingeführt. „Bis dahin haben wir nur Fremdmarken vertrieben. Wir wollten aber als Eigenmarke wahrgenommen werden“, begründet er diesen Schritt. Begeistert war der Handel zunächst nicht, gibt er zu. Mit Beharrlichkeit und Überzeugungskraft erreichten die Buchbacher aber, „dass jetzt jeder Kerbl haben will und niemand mehr an uns vorbeikommt“.
Eigenfertigung macht flexibler
Das klappt auch deshalb, weil die Firma über eine hohe Eigenfertigungsquote von bis zu 70 Prozent verfügt. „Auf Umbrüche im Markt können wir dadurch viel schneller reagieren“, so Kerbl. Parallel dazu wurde das moderne Logistikzentrum in Ampfing 2024 zum 2. Mal erweitert, um hohe Lieferfähigkeit zu sichern. Sämtliche Investitionen und Zukäufe bewältigt Kerbl aus eigenen Mitteln. So bleibe er flexibel und „frei in den Entscheidungen“, sagt der Seniorchef.
„Immer ganz vorn mit dabei“
Herausforderungen wie dem Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Digitalisierung begegnet das Geschäftsführerteam mit Innovationen. „Da sind wir immer ganz vorn mit dabei“, versichert Ulli Kerbl. Kein Wunder, dass er und sein Vater mit einem positiven Gefühl in die Zukunft blicken: „Wir sind glücklich, dass es uns so gut geht, und wir wissen, dass das nicht selbstverständlich ist.“
Zu den Personen: Albert Kerbl und Ulli Kerbl
Albert Kerbl startete mit einem Geburtshelfer für Kälber, den sein Vater erworben hatte. Er erkannte das Potenzial des Geräts, stockte das Sortiment weiter auf und gründete 1984 die heute international agierende Albert Kerbl GmbH in Buchbach, die Zubehörartikel für Tierzucht und Tierhaltung produziert und vertreibt. Sein Sohn Ulli Kerbl, studierter Wirtschaftsingenieur, ist seit 2010 im Unternehmen und seit 2015 Geschäftsführer.