Standortpolitik | Fachkräfte

Internationale Fachkräfte auf Messen gewinnen

123RF/amiga – Career Center for Internationals ©
Interessante Bewerber – ausländische Fachkräfte

In Deutschland leben viele ausländische Studierende und studierte Hochqualifizierte – für Unternehmen ein großes Potenzial. Messen sind eine Möglichkeit, sie als Fachkräfte zu gewinnen.

EVA MÜLLER-TAUBER, Ausgabe 09/2022

Normalerweise empfängt Roland Bley Bewerber, die auf eine Stelle bei der EVA Fahrzeugtechnik GmbH passen könnten, am liebsten zum persönlichen Gespräch im Unternehmen.

Aber besondere Situationen wie die Coronapandemie erfordern außergewöhnliche Lösungen, etwa die Teilnahme an einer digitalen Karrieremesse. Und so saß der Hauptabteilungsleiter Strategie und Innovation beim amiga Karrieretag 2021 mit dem Personalleiter und einer Personalreferentin der Firma in einem Büro vor dem Computer und führte in einem virtuellen Besprechungsraum mehrere Erstgespräche mit potenziellen Interessenten.

Digitale Warteschlange

Wer der Nächste in der Warteschlange war und sich gleich mit Kamera zuschaltete, warum und für welche Stelle er oder sie sich interessierte, das klärte sich erst im Gespräch. Kommuniziert wurde auf Englisch, denn das hatten alle Kandidaten gemeinsam: Es handelte sich um ausländische Studierende, die an einer deutschen Hochschule in der Region demnächst ihr Studium beenden wollten oder es kürzlich abgeschlossen hatten und in Deutschland einen Job suchten.

»Bestrebt, neue Wege auszuprobieren«

»Wie viele Firmen spüren wir den Fachkräftemangel, vor allem in den Ingenieurberufen«, sagt Bley. »Insofern sind wir immer bestrebt, neue Wege auszuprobieren, insbesondere was die Rekrutierung hochqualifizierter Mitarbeitender betrifft.« Da kam die Anfrage von amiga, dem Career Center for Internationals in München, gerade recht, ob das Unternehmen nicht am digitalen Karrieretag teilnehmen möchte.

»Bei uns müssen nicht alle Mitarbeitenden verhandlungssicher Deutsch können, und in Bereichen wie Simulation und Software kommunizieren wir ohnehin fast ausschließlich auf Englisch, was internationalen Fachkräften natürlich entgegenkommt«, so Bley.

Fachkräftemangel als Geschäftsrisiko 

Der Mittelständler hat die Zeichen der Zeit erkannt. Weil Deutschland nach wie vor stark unter Fachkräftemangel leidet – laut BIHK-Konjunkturumfrage aus dem Frühsommer stellen für 61 Prozent der Unternehmen fehlende Fachkräfte ein Geschäftsrisiko dar –, müssen Firmen neue Pfade bei der Personalsuche beschreiten. »Vor allem qualifizierte Arbeitnehmer mit dualer Ausbildung, aber auch Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss fehlen«, sagt Elfriede Kerschl, Leiterin des IHK-Referats Fachkräfte, Weiterbildung, Frauen in der Wirtschaft.

400.000 ausländische Studierende

Ausländische Fachkräfte sind eine Möglichkeit gegenzusteuern. »Es gibt viele, die bereits in Deutschland leben, zum Beispiel, weil sie hier studieren – die gilt es zu gewinnen«, betont Kerschl. »Sie kennen unser Land, sprechen häufig Deutsch und sind vielfach auch bereit, hierzubleiben.« Insgesamt waren in Deutschland im Wintersemester 2020/2021 mehr als 400.000 ausländische Studierende immatrikuliert: Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bleibt gegenwärtig etwa die Hälfte aller ausländischen Studierenden zunächst in Deutschland.

Vorteil Flexibilität

Zu ihnen und anderen Hochqualifizierten Kontakt über digitale Messen aufzunehmen, mag für manche Firmen ungewohnt sein. Es hat gegenüber einer Präsenzveranstaltung aber einige Vorteile, sagt Martina Dafinger, Projektleiterin des amiga Karrieretags: »Diese Form der Messe bietet Unternehmen große Flexibilität.« Bei der Gestaltung des virtuellen Messestands haben Firmen viele Möglichkeiten, sie können etwa Videos, Bilder und Infomaterial hochladen. Auch lassen sich Anwesenheiten, Standbesuche, Downloads von Infomaterialien besser tracken und evaluieren.

Zudem, so Dafinger, sei eine kurzfristige Teilnahme möglich, der Zeit- und Personalaufwand halte sich im Rahmen. Die Hemmschwelle, bei Firmenpräsentationen über die Chat-Funktion Fragen zu stellen, sei zudem niedriger als bei Live-Vorträgen »und führt deswegen vielleicht sogar zu einem intensiveren Austausch«.

Zeit für digitales Onboarding

Je nach Tool können Bewerber ihre Unterlagen mit Ausstellern digital teilen, etwa nach einem kurzen Kennenlerngespräch online – »das ist zielgerichtet und im Unterschied zu einer Live-Messe hat das Unternehmen schon alles per Mail in seinem elektronischen Postfach«, erklärt Dafinger. Wichtig sei aber, dass sich Aussteller für das digitale Onboarding Zeit nähmen. So rät sie Firmen, sich über die ausländischen Bildungssysteme zu informieren, um die Berufsqualifikationen von internationalen Bewerbern besser einschätzen zu können.

Stellenausschreibungen in englischer Sprache

Generell sei zu empfehlen, die Stellenausschreibungen auch für Positionen in Deutschland in englischer Sprache zu verfassen. »Das erhöht die Chancen auf Bewerbungen von internationalen Fachkräften erheblich«, so Dafinger. Nicht zuletzt sollten alle Beteiligten auf Arbeitgeber- wie auf Arbeitnehmerseite die Bereitschaft mitbringen, Neues zu lernen.

Luz Mary Santiago hat ihre Lernbereitschaft bereits mehrfach unter Beweis gestellt. 2017 kam die promovierte Chemikerin aus Venezuela mit ihrem deutschen Mann, einem Entwickler, über Spanien nach Deutschland. Doch obgleich sie eine qualifizierte Naturwissenschaftlerin ist, bekam Santiago auf keine ihrer zahlreichen Bewerbungen eine positive Antwort. »Wir brauchen niemanden mit Doktortitel, wir brauchen jemanden mit Berufserfahrung«, hieß es oft. In Vorstellungsgesprächen wurde bemängelt, dass ihre deutschen Sprachkenntnisse nicht ausreichten.

Lernbereitschaft nutzen

Die heute 37-Jährige nahm sich die Kritik zu Herzen, verbesserte ihr Deutsch, nutzte Weiterbildungsgutscheine des Arbeitsamts, absolvierte Kurse in agilem Projektmanagement und bildete sich an der Münchner ReDI School of Digital Integration weiter. Diese vermittelt in kostenfreien Kursen digitale Fähigkeiten. Teilnehmer sind vor allem Geflüchtete und Zugewanderte, die digitale Kompetenzen erwerben möchten. Der Aufwand hat sich gelohnt: Mittlerweile hat Santiago – auch unterstützt durch amiga – eine Stelle im Projektmanagement bei der Unternehmens- und Strategieberatung Accenture gefunden.

Einfach Erstkontakte knüpfen

Eine Mitarbeiterin mit Santiagos Haltung wäre wohl auch für die EVA Fahrzeugtechnik interessant. Das Unternehmen will auch in diesem Jahr wieder am amiga Karrieretag teilnehmen. Eine Messe, ob persönlich oder virtuell, sei eine einfache und kostengünstige Möglichkeit, Erstkontakte zu knüpfen und im Zuge eines stringenten Employer Brandings für das Unternehmen zu werben, es auch bei internationalen Interessenten bekannter zu machen, betont EVA-Manager Bley.

»Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt Rechnung tragen«

»Unternehmen müssen den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt Rechnung tragen und sich auch für ausländische Fachkräfte noch mehr in alle Richtungen öffnen – zumal, wenn diese bereits in der Region sind und dort auch bleiben wollen.«

Mehr Informationen zum amiga Karrieretag

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