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Barfuß am See

Dürr-Betriebs-UG ©
Bereit für Gäste – Wohnwagen mit Vorzelt

Ein Paar steckt all seine Kraft in einen Campingplatz: Der ist Rettung für Pandemiegeplagte und ein »Lebensprojekt«

Cornelia Knust, Ausgabe 07/2021

Der Platz wirkt, als solle hier gleich ein Film gedreht werden. Als sollten nicht zahlende Gäste, sondern Theaterleute einziehen in diese Wagenburg aus knallfarbigen Wohnwagenklassikern plus Vorzelt, innen ausgestattet wie ein winziges Ferienappartement. Hohe Bäume spenden Schatten. Nur ein paar Meter Kies bis zum glitzernden Saum des Starnberger Sees. Nebenan kleine Segelboote und Paddelbretter zum Leihen. Richtung Parkplatz ein Kiosk plus Bar für Drinks oder eine »Bowl«.

Wirte schon vorher gewesen

So sieht es aus, wenn eine gelernte Regisseurin und ein in Baubühnen erfahrener Schreiner das Campinggeschäft zu ihrem Lebensthema machen. Bei den Münchnern Sandra Dürr (44) und ihrem Mann Henning (52) liegt diese Entscheidung drei Jahre zurück. Wirte waren sie schon vorher: seit 2011 mit einem Kiosk im Englischen Garten und mit einem Café im Univiertel seit 2018. Doch in Ambach am Starnberger See das Herz eines alten Dauercamper-Platzes zu kaufen und vier Hektar Land mitzupachten, kann man als unternehmerisches Wagnis bezeichnen.

Als die Dürrs im Januar 2020 eröffneten, wussten sie nicht, dass die Coronakrise ihre Pläne gewaltig bremsen würde. Und dass dieselbe Krise ihnen zeigen würde, dass sie genau auf den richtigen Trend gesetzt hatten. 45 Prozent mehr Neuzulassungen von Wohnmobilen und -wagen 2020, das war eine deutliche Entwicklung. In der Pandemie fühlten sich die Reisenden mit ihrem Zimmer huckepack sicher und unabhängig. Aber auch die Nähe zur Natur, der Charme des Einfachen und eine Selbstversorgermentalität waren Teil des Trends.

Der Platz in Ambach bei Münsing war nicht mehr auf der Höhe der Zeit, als die Dürrs ihn übernahmen. Der »alte Hirth«, ein Selfmademan der Nachkriegszeit, hatte den Platz 1950 eröffnet. Seine Schwiegertochter Gabriele Hirth stellte später auf Dauercamping um. Verpächter des beschaulichen Landstrichs zwischen zwei Naherholungsgebieten waren und sind einige Bauern sowie der Schauspieler und Autor Josef Bierbichler, der in Ambach aufgewachsen ist und dort eine Wirtschaft betreibt.

»Wahnsinnig viel Zeit und Kraft hier hineingesteckt«

Dass Gabriele Hirth ans Aufhören dachte und zunächst nur einen Pächter für den Gastronomiebetrieb auf ihrem Campingplatz suchte, war ein Tipp von einem früheren Stammgast der Dürrs. Als dann plötzlich das Gasthaus samt Grundstück zum Verkauf stand und man in die Pacht eintreten konnte, wurde Familienrat mit den Kindern gehalten – und gekauft. »Wir haben wahnsinnig viel Zeit und Kraft hier hineingesteckt«, sagt Sandra Dürr.

»Fortschritte bei Qualität, Sicherheit und Brandschutz«

Vermutlich auch jede Menge Geld. Sie spricht von einer »krassen Investition«, will die Summe aber nicht beziffern. Die Bank sei sehr offen gewesen für das Projekt. Auch das Verhältnis zur Gemeinde sei gut. Das bestätigt der Münsinger Bürgermeister Michael Grasl (FW): »Wir sind sehr froh, dass der Campingplatz einen frischen Anstrich bekommt, und begrüßen die Fortschritte bei Qualität, Sicherheit und Brandschutz.«

Am Anfang standen die Baumpflege und das Aufräumen. Das nüchterne Haupthaus wurde mit Holz verschalt, die Fenster wurden blau gestrichen, Küche und Kiosk erneuert, die Sanitäretage kernsaniert sowie die darüberliegende Terrasse abgedichtet. Am Seeufer entstanden neue Plätze für Wohnmobile. Die Mietwohnwagen wurden ausgebaut. Entsorgungsstationen, Wasch- und Spielplätze – alles brauchte ein Facelift. Kanalisation und Glasfaseranbindung sind noch im Planungsstadium.

Campen wie früher vs. »Gentrifizierung« ?

Teils schwierig waren die Verhandlungen mit den Dauercampern. Da mussten Hecken gestutzt, Holzhäuser, Brücken, Terrassen zurückgebaut werden – schon wegen des Brandschutzes. Mancher verließ den Platz von selbst, manchem wurde gekündigt. Viele blieben aber auch und tragen das neue Konzept mit. Die neuen Eigentümer wollen Camping wie früher: offen, einfach, mit Herz, zum Wohlfühlen, so schildert es Sandra Dürr. Sie und ihr Mann wollten das Dauercamping erhalten, aber daneben ein touristisches Angebot etablieren: für Familien, Paare, Alleinstehende, eine gemischte Klientel, nicht nur Großstadtpublikum. Trotzdem war schnell von »Gentrifizierung« die Rede.

Dabei ist das hier kein »Glamping«, also Glamourous Camping in Chalets oder Luxuszelten. Aber der hergerichtete Platz mit der spektakulären Lage lädt zu etwas höheren Preisen ein: 69 Euro inklusive Auto und zwei Personen für einen Stellplatz in der ersten Reihe am See, rund 35 Euro weiter hinten. Die Preise der Mietwohnwagen reichen von 55 bis 109 Euro pro Nacht. 200 Parzellen für Dauercamper stehen nun 95 touristischen Stellplätzen gegenüber, davon 14 ausgebaute Mietwohnwagen. Vermarktet wird das Campingleben fast ausschließlich über Instagram, Sonnenuntergänge inklusive. Die 2019 gegründete Dürr-Betriebs-Unternehmergesellschaft in Münsing hat sieben feste Mitarbeiter, ein Azubi wird gesucht.

Gemeinschaftsgefühl am langen Holztisch

Im Coronajahr 2020 haben sie eine »gigantische Saison« erlebt. Der Campinghype sei aber nicht nur Corona geschuldet, sagt Dürr, die in ihrer Jugend sogar eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau absolviert hat. Einfachen Urlaub in Deutschland zu machen, dazu habe auch das Nachdenken über Nachhaltigkeit und die eigene Ökobilanz geführt. Nach der Zeit der totalen Individualisierung und Abschottung im Urlaub gehe es nun wieder um ein Gemeinschaftsgefühl: »Am liebsten hätte ich hier auf der Terrasse einen fetten langen Holztisch, an dem alle Platz nehmen. Um dann die Geschichten zu hören, die die Leute mitbringen.«

Die meisten Gäste seien vergangenen Sommer euphorisch gewesen, erzählt Dürr. Sich frei zu bewegen, leger zu kleiden, sich mit anderen auszutauschen und immer barfuß zu laufen, das habe auch jenen gefallen, die vielleicht zum ersten Mal einen Campingurlaub machten. »Es wird schon gut werden«, sagt Dürr mit Blick auf die Sommersaison und den weiteren Verlauf der Pandemie.

Jedes Lebensgefühl hat seine Stunde

»Das ist der größte Glücksgriff. Das ist unser letztes Projekt. Das soll einmal an die Kinder gehen.« Diese Sätze sagt Sandra Dürr am Ende des Gesprächs. Früher waren sie und ihr Mann politisch aktiv und öfter mal auf Demos. Heute will sie dafür sorgen, dass ihre Kinder »auch noch mal eine schöne Erde vorfinden«. Doch sie lässt die Kirche im Dorf. An ihrer Kiosk-Bar gibt es neben bio und vegan ebenso Pommes, Leberkässemmel und Eis am Stiel. Sie scheint genau zu wissen, dass jedes Lebensgefühl seine Stunde hat: »Die Spießigkeit geht weg, und dann kommt eine neue und andere Art Spießigkeit.«

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