Standortpolitik | Fachkräfte

Gut vorbereitet

ty_stock.adobe.com ©
Betriebe, die schon vor der Pandemie mit Homeoffice gearbeitet haben, konnten sich schnell auf den Lockdown einstellen

In der Coronakrise können familienfreundliche Betriebe mit Arbeitszeitkonten, Homeoffice & Co. auf Unvorhergesehenes  besonders schnell reagieren. 

Stefan Bottler, Ausgabe 12/20

Der Notfall dauerte rund sechs Wochen: Als während des Lockdowns ein Callcenter-Mitarbeiter der ilapo Internationale Ludwigs-Arzneimittel Beteiligungs GmbH sein zweieinhalbjähriges Kind nicht mehr in der Kita betreuen lassen konnte, nahm er es einfach an seinen Arbeitsplatz mit. »Der Kollege nutzte das Eltern-Kind-Büro, das wir für Notfälle eingerichtet hatten«, berichtet Sabine Fuchsberger-Paukert (57), Geschäftsführerin des Münchner Pharmagroßhandelsunternehmens. »Weil er jedoch nicht permanent auf sein Kind aufpassen konnte, engagierten wir für die Betreuung eine Schülerin, die auch in der Buchhaltung aushalf.«

Für die ausgebildete Apothekerin Fuchsberger-Paukert ist das »Notfallzimmer« ein Eckpunkt des familienfreundlichen Kurses, den ilapo seit rund fünf Jahren fährt. Im Februar 2020 hatte das Unternehmen mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung über Heimarbeit geschlossen: Ist der Normalbetrieb in den ilapo-Büros gewährleistet und physische Präsenz am Arbeitsplatz nicht unbedingt notwendig, kann jeder Mitarbeiter einmal in der Woche daheim arbeiten. »Während des Lockdowns wurde aus dem Ausnahmefall der Normalfall«, sagt Fuchsberger-Paukert. Zeitweise haben bis zu 70 Prozent der 55 Mitarbeiter wöchentlich drei bis vier Tage im Homeoffice gearbeitet.

Flexibilität zahlt sich aus

Flexibilität ist Trumpf – für familienfreundliche Betriebe galt dieser Grundsatz schon immer. Wer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert, ist auf Krisensituationen besser vorbereitet. Die Coronapandemie macht dies überdeutlich. Betriebe, die schon vor der Pandemie mit Arbeitszeitkonten, Homeoffice, Jobsharing, Kinderbetreuung und anderen Maßnahmen arbeiteten, konnten sich besonders schnell auf Lockdown, Quarantäne und andere neue Herausforderungen einstellen.

Das bestätigt Kirsten Frohnert (60), Projektleiterin des Unternehmensnetzwerks »Erfolgsfaktor Familie« in Berlin. »Viele Unternehmen waren vorbereitet, ohne es zu wissen«, fasst die Expertin eine Umfrage unter den rund 7.000 mittelständischen Mitgliedern des Netzwerks, das Bundesfamilienministerium und Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) 2007 gegründet haben, zusammen. »In Unternehmen, in denen Familienbewusstsein wirklich gelebt wird, gibt es längst Regeln, wie Vorgesetzte Beschäftigte auf Distanz führen und mit ihnen kommunizieren«, nennt Frohnert ein Beispiel.

Angebote für mehr Zeitsouveränität machen

Betriebe denken aber auch über Kompensationen für Beschäftigte nach, die wegen der Besonderheiten ihres Arbeitsplatzes nicht im Homeoffice arbeiten können. »Auch hier können Unternehmen Angebote für mehr Zeitsouveränität machen«, sagt Frohnert und bringt flexible Schichtsysteme, Jobsharing–Konzepte, Arbeitszeitkonten, Vertretungsvereinbarungen und weitere betriebsspezifische Maßnahmen ins Spiel.

Wie sich das in der Praxis lösen lässt, zeigt der Fräswerkzeughersteller Hofmann & Vratny OHG in Aßling (Landkreis Ebersberg). Dort können rund 65 der 90 Mitarbeiter nicht im Homeoffice arbeiten. Vor allem in Produktion und Logistik ist ständige Präsenz im Betrieb wichtig. Während des Lockdowns teilte das Unternehmen die Beschäftigten dieser Bereiche daher in zwei feste Gruppen ein. Wenn die eine arbeitete, hatte die andere frei.

»Besonders hohe Disziplin erwartet«

Mit dieser Maßnahme reduzierte Hofmann & Vratny nicht nur das Infektionsrisiko, sondern eröffnete auch neue Spielräume für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. »Für jeden Mitarbeiter wurden individuelle Lösungen entwickelt, wenn dies notwendig war«, versichert Geschäftsführer Marius Heinemann-Grüder (29). Wenn Beschäftigte für Kinder und andere Angehörige sorgen mussten, wurden ihre Arbeitszeiten angepasst oder auch bezahlte Freistellungen vereinbart. Für die nächsten Monate erwartet Heinemann-Grüder eine »besonders hohe Disziplin« seiner Mitarbeiter. »Wir wollen unsere Prozesse weiterhin so kontaktlos wie möglich gestalten und dennoch eine hohe Effizienz und Prozessgeschwindigkeit erreichen«, sagt der Unternehmer.

Den Weg dorthin soll eine weitere Digitalisierung ebnen, die möglichst wenige Mitarbeiter an einen stationären Arbeitsplatz bindet. So möchte Hofmann & Vratny auch plötzliche Personalausfälle abfangen, wenn die Gesundheitsämter ganze Schulklassen und Kindergartengruppen in Quarantäne schicken und Eltern ihren Nachwuchs daheim betreuen müssen. Gleichzeitig dürften aber auch Mitarbeiter auf Präsenzarbeitsplätzen nie das Gefühl haben, ins Hintertreffen zu geraten. »Wir achten stets darauf, dass keine ›Wissensinseln‹ entstehen, und halten unsere Prozesse schriftlich fest«, so Heinemann-Grüder. »Jetzt ist ein besonders guter Zeitpunkt, familienfreundliche Maßnahmen zu starten«, sagt IHK-Referatsleiterin Elfriede Kerschl.

Neue »Vertrauenskultur«

Die Beschäftigten honorieren ein solches Engagement. Einer Studie des Familienpakts Bayern zufolge zeichnen sich Mitarbeiter in familienbewussten Betrieben durch eine 30 Prozent höhere Motivation und eine 50 Prozent niedrigere Krankheitsquote aus. Am Ende der Coronakrise könnten noch bessere Kennzahlen stehen. Viele Betriebe des Netzwerks berichten bereits von einer neuen »Vertrauenskultur«, ergänzt Expertin Frohnert. »Wenn Unternehmen ihren Beschäftigten heute anbieten, im Homeoffice zu arbeiten, dann steht dahinter das Vertrauen, dass sie dort genauso produktiv und engagiert sind wie im Betrieb.«

Stichwort: Familienpakt Bayern

Im Coronajahr 2020 wendet sich der Familienpakt Bayern vor allem mit Onlineseminaren an die Unternehmen. Das Netzwerk berät über flexible Arbeitszeit, Kinderbetreuung, Altenpflege und andere Themen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern. Außerdem können sich Unternehmen mit erfahrenen Netzwerkpartnern austauschen.

Rund 1.000 überwiegend mittelständische Firmen haben sich dem Familienpakt bereits angeschlossen, neue Mitglieder sind willkommen. Die Bayerische Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) spricht von einer »schlagkräftigen Partnerschaft zwischen Staatsregierung und Wirtschaft«.

Unternehmensnetzwerk Erfolgsfaktor Familie

Erfolgsfaktor Familie bietet Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Informationen und Vernetzung.

Verwandte Themen