Standortpolitik | Fachkräfte

Standortchancen: Gute Aussichten

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Gut ausgebildete Fachkräfte – Firmen profitieren

Beim Anteil der Hochqualifizierten liegt Oberbayern laut einer aktuellen Studie des IW Köln in Deutschland auf Platz zwei. Was das für den Wirtschaftsstandort bedeutet.

Sabine Hölper, Ausgabe 02/21

Wo leben die meisten Hochqualifizierten, wo diejenigen ohne Abitur oder Berufsausbildung? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln ist dieser Frage in einer aktuellen Studie nachgegangen. Das Ergebnis: Am höchsten ist der Anteil der Menschen mit abgeschlossenem Studium oder mit Meisterbrief in Berlin. Auf Platz zwei liegt Oberbayern, Hamburg folgt auf Rang drei.

Wo Innovationen entstehen, sind Umsetzer gefragt

Profiteure sind die Unternehmen an diesen Standorten. Denn, so IW-Studienautor Wido Geis-Thöne, »die Qualifikationsstrukturen haben große Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung in den Regionen«. Ein Wirtschaftsstandort mit vielen Akademikern und sehr gut ausgebildeten Praktikern weise die höchsten Wachstumspotenziale auf. »Insbesondere ist technologischer Fortschritt nur dort möglich, wo es Personen gibt, die Innovationen erbringen und in die Praxis umsetzen können«, so der Experte.

Metropolregionen liegen in der Untersuchung vorn: In Berlin sind rund 43 Prozent der 25- bis 64-Jährigen hochqualifiziert, in München und Umland sind es knapp 41 Prozent, in Hamburg gut 37 Prozent. Oberbayerns ausgezeichneter zweiter Platz hat mehrere Gründe. Einer der wesentlichen: »München ist ein Forschungsstandort, die Technische Universität München (TUM) ist führend bei Innovationen, etwa im Bereich künstliche Intelligenz«, erklärt Geis-Thöne.

Unterschied zu Berlin

Auch viele andere Hochschulen in der Region wie zum Beispiel die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hätten ein sehr hohes Niveau. Aber auch die hervorragende Lebensqualität der Region ist nach Ansicht des IW-Experten ein Grund, warum viele Hochqualifizierte hierherkommen. »Oberbayern hat einen hohen Freizeitwert, die Berge, große Seen, außerdem eine gute Verkehrsinfrastruktur, Kultur.« Zudem biete Oberbayern attraktive Arbeitsplätze. Vor allem für die nicht mehr ganz jungen Leute sei Oberbayern daher ein Anziehungspunkt, für die Hochqualifizierten bis Mitte 30 ist Berlin besonders attraktiv.

Überraschungen in den Regionen

Überraschend findet Geis-Thöne die starken Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen. Während in Oberbayern knapp 41 Prozent der 25- bis 64-Jährigen hochqualifiziert sind, liegen die Anteile in Niederbayern und der Region Weser-Ems bei jeweils nur knapp 23 Prozent. Betrachtet man nur die 30- bis 34-Jährigen, ist die Spanne zwischen knapp 51 Prozent in Oberbayern und knapp 22 Prozent in Sachsen-Anhalt noch höher. Ebenfalls interessant ist die Rangliste der Regionen mit besonders vielen Niedrigqualifizierten. Hier liegt Bremen auf dem vordersten Platz. Der Anteil der 25- bis 64-Jährigen ohne Schulabschluss der Sekundarstufe II oder ohne Berufsabschluss liegt bei fast 20 Prozent.

Ähnlich stellt sich das Niveau in den nordrhein-westfälischen Regierungsbezirken Düsseldorf mit 18,4 Prozent und Arnsberg mit 18,3 Prozent dar. Diese Bezirke machen einen großen Teil des Ruhrgebiets aus. Für die betreffenden Regionen sind das schlechte Nachrichten. »Wo viele Niedrigqualifizierte leben, muss die Politik hohe Transferleistungen erbringen«, sagt IW-Forscher Geis-Thöne. Der Wirtschaft fehlen die Leistungsträger und Impulsgeber. Dies ist laut Studie umso dramatischer, als die Entwicklung in den nächsten Jahren die Unterschiede noch verstärken wird: In den heute bereits attraktiven Orten machten mehr und mehr Menschen Abitur und studierten oder qualifizierten sich nach einer Berufsausbildung weiter. Außerdem ziehen Fachkräfte aus den weniger prosperierenden Teilen Deutschlands zu – die damit weiter verlieren.

Profiteure der Wanderungsbewegungen

Die Regionen mit vielen Hochqualifizierten profitieren also von diesen Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands. Laut Geis-Thöne zieht es außerdem »Erwerbszuwanderer aus dem Ausland häufig in den Süden der Republik, während sich Geflüchtete verstärkt im Nordwesten ansiedeln«. Der Gewinn für die Wirtschaft sei am größten, wenn sich Ingenieure oder angehende Ingenieure an einem Standort niederlassen, so die Studie. »Ein Betriebswirt kann neue Businessmodelle entwickeln«, sagt Geis-Thöne. »Aber die technischen Innovationen gehen von den Ingenieuren aus.« Menschen mit einer Qualifikation im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) trieben einen Wirtschaftsstandort am meisten voran. »An manchen Stellen braucht es einfach die sehr Hochqualifizierten.«

Mehr MINT-Angebote von klein auf notwendig

Aus diesem Grund plädiert der Wirtschaftsexperte auch dafür, junge Menschen noch stärker an naturwissenschaftliche und technische Themen heranzuführen. In den Schulen und sogar in den Kindergärten müssten mehr Angebote in diesem Bereich geschaffen werden. Frühbildungsinitiativen wie das »Haus der kleinen Forscher« hält er für zielführend. Aber auch an den Gymnasien sollten die Jugendlichen sensibilisiert werden, dass sich ein Studium im MINT-Bereich später auszahle.

Grund zur Freude - aber nicht ungetrübt

Die Firmen in Oberbayern können sich über das Studienergebnis freuen. Sie sind in der komfortablen Lage, hochkarätige Fachkräfte in ihrem Umfeld zu haben oder sie aus anderen Teilen Deutschlands und der Welt anzuziehen. Ganz ungetrübt ist das Bild allerdings nicht. Aus der Studie geht dies nicht explizit hervor, doch Geis-Thöne weist im Interview darauf hin. So werden in prosperierenden Regionen auch besonders hohe Mieten fällig. Gutverdiener – und Hochqualifizierte gehören in der Regel dazu – können sich diese meist leisten. Sie werden einen Umzug trotz hoher Lebenshaltungskosten wahrscheinlich auf sich nehmen.

Für weniger Qualifizierte stellt sich die Situation auf dem Immobilienmarkt hingegen zunehmend schwierig dar. Die sich daraus ergebende Frage lautet: Wie kann man angesichts hoher Mieten die Versorgungssituation garantieren? Wo sollen Pflegekräfte oder Verkäufer wohnen? »Die Gefahr, dass niedriger Qualifizierte verdrängt werden, ist vorhanden«, warnt Geis-Thöne. Der IW-Experte sagt aber auch: »Das Positive überwiegt.« Wer sehr gut ausgebildete Menschen im Umkreis hat, hat die größten Wachstumspotenziale.

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