Betrieb + Praxis | Fachkräfte

Individuelle Lösungen

Max Schmid Schuhe ©
»Es ist ein Geben und Nehmen« – Unternehmerehepaar Barbara und Max Schmid

Mit Angeboten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie können auch kleine Unternehmen bei Mitarbeitern und Bewerbern punkten. Beispiele aus der Praxis zeigen, wie es funktioniert.

Eva Müller-Tauber, Ausgabe 04/2021

Qualifizierte Fachkräfte zu finden, ist alles andere als einfach. Das weiß Markus Wanner, Chef von insgesamt sechs Beschäftigten, nur zu gut. Der Inhaber der WM Solar Wanner GmbH in Scheuring im Landkreis Landsberg am Lech kann sich über eine ausgezeichnete Auftragslage freuen. »Wir würden noch mehr machen, wenn wir mehr Leute hätten«, sagt der 33-Jährige, der zu Photovoltaikanlagen berät, sie verkauft, mit seinem Team montiert sowie wartet und überdies noch einen Brennholzhandel betreibt.

Flexibel als Selbstverständlichkeit

Um zukunftsfähig zu bleiben, setzt der Firmenchef darauf, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Konkret sieht das so aus: Eine Teilzeitkraft mit Kind erledigt seit Jahren die Buchhaltung weitgehend im Homeoffice über den Firmenserver. Einmal wöchentlich kommt sie nach individueller Absprache ins Unternehmen, um wichtige Arbeiten vor Ort zu erledigen. Ein Mitarbeiter, der wegen eines Pflegefalls in der Familie beruflich kürzertreten muss, arbeitet das nächste halbe Jahr nur drei Tage in der Woche. »Wann genau und ob lieber drei ganze Tage oder zwei ganze und zwei halbe, legen wir immer gemeinsam am Wochenende zuvor fest«, sagt Wanner. Für ihn ist Flexibilität eine Selbstverständlichkeit: »Gute Mitarbeiter muss man halten, gerade als kleines Unternehmen.«

Attraktive Arbeitgeber für verschiedene Zielgruppen

Das Beispiel zeigt anschaulich, dass auch kleine Betriebe ihre Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen und sich so als attraktive Arbeitgeber präsentieren können. »Das wird auch immer wichtiger«, betont Elfriede Kerschl, Leiterin des IHK-Referats Fachkräfte, Frauen in der Wirtschaft. »Denn Familienfreundlichkeit spielt für alle Beschäftigten zunehmend eine Rolle, auch für solche ohne kleine Kinder und pflegebedürftige Angehörige.«

Laut Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend halten 89 Prozent der Beschäftigten mit pflegebedürftigen Angehörigen und 96 Prozent der Beschäftigten mit Kindern unter 15 Jahren im Haushalt familienfreundliche Maßnahmen für wichtig oder eher wichtig. Aber auch 78 Prozent der Angestellten ohne kleine Kinder und ohne zu pflegende Angehörige halten familienfreundliche Maßnahmen für bedeutsam.

Geben und Nehmen auf beiden Seiten

Barbara und Max Schmid, die das gleichnamige Schuhgeschäft in Dorfen gemeinsam führen, wissen, wie wichtig es ist, familienfreundlich zu agieren. Und sie wissen um den Vorteil eines kleinen Betriebs, »der einen engen und guten Kontakt zu seinen Beschäftigten pflegt«. Als etwa eine Mitarbeiterin bei der gewohnten Arbeit angestrengt und unkonzentriert wirkte, sprach Barbara Schmid sie darauf an. Es stellte sich heraus, dass die Mitarbeiterin einen Pflegefall und private Sorgen hatte. Schmid verkürzte die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiterin nach Absprache und passte sie soweit möglich deren Bedürfnissen an. »Unser offenes und gutes Mitarbeiterverhältnis ist ein Geben und Nehmen, sie wäre bei uns im Notfall auch eingesprungen«, so Schmid.

Nadelöhr Kinderbetreuung

Der Erfolg dieser Einstellung: »Wir haben eine geringe Fluktuation, nur aus Altersgründen oder Elternzeit scheiden Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter ganz oder vorübergehend aus, Auszubildende und Praktikanten geben uns zudem ein gutes Feedback!«, freut sich die Firmenchefin. Manchmal allerdings ist es als Kleinbetrieb schwer, allein allen Wünschen gerecht zu werden. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice – erleichtert durch rein digitale Verarbeitung – sowie die Zusage, im Notfall die Kinder mit ins Büro bringen zu können, das bietet die Gebr. Augenstein GmbH in Pörnbach bereits. Gern würde Rolf Augenstein (63), Geschäftsführer des Immobiliendienstleisters, mehr Mütter beschäftigen: »Doch die finden in unserer Zuzugsregion keine Kindergartenplätze und ohne Betreuungsmöglichkeiten können sie nicht arbeiten.« Selbst solche Plätze zu schaffen, ist für die kleine Firma mit nur zehn Beschäftigten nicht realisierbar.

Servicestelle des Familienpakts hilft

»In einem solchen Fall kann der Familienpakt Bayern weitere Impulse geben«, rät IHK-Expertin Kerschl. Der Familienpakt Bayern (Info unten) will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorantreiben und unterstützt Firmen etwa mit einer kostenfreien Erstberatung. »Wer eine konkrete Umsetzungsfrage hat, kann diese per Mail oder Telefon an uns richten. Unser Expertenteam stellt dann eine entsprechende Sammlung mit Tipps und Informationen dazu zusammen«, sagt Julia Naetsch (40) von der Familienpakt-Servicestelle.

Unternehmer Augenstein etwa könnte Kindergartenplätze in bestehenden Betriebskindergärten buchen oder sich mit anderen Arbeitgebern zusammenschließen, um eine Tagesmutter zu organisieren. »Fundament für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf des Einzelnen ist eine gelebte familienbewusste Unternehmenskultur«, sagt Naetsch. Eine, bei der Führungskräfte ihre Beschäftigten bestärken, familienfreundliche Maßnahmen in Anspruch zu nehmen und den Beschäftigten mit und ohne Kinder die gleichen Aufstiegschancen bieten.

Von Teilzeit zur Firmenleitung

So wie bei der Münchner Strasser & Strasser Unternehmensberatung AG. Drei Monate nachdem Mitarbeiterin Verena Neumayer (41) ihr Kind bekommen hatte, stieg sie zu 80 Prozent wieder als Beraterin für Business Development, Marketing und Prozesse ein. Sie erledigte einen Großteil ihrer Aufgaben im Homeoffice. Ein Jahr später arbeitete sie wieder 100 Prozent. Mittelfristig wird Neumayer mit einer Kollegin, die demnächst ebenfalls ein Kind bekommt, die Firmenleitung übernehmen. »Nur Teilzeit anzubieten, schränkt Entwicklungspotenziale ein«, so Vorstand Eva Strasser (61), Chefin von rund 15 Beschäftigten.

»Wenn eine Frau mit Potenzial die Vision hat, sich beruflich weiterzuentwickeln und gleichzeitig Familie zu haben, versuchen wir, gemeinsam eine kreative Lösung zu finden.« Klar, dass dies einer frühzeitigen, detaillierten Absprache bedarf. So müssten der Rückhalt durch Partner, Familie und die Kinderbetreuung gesichert sein, damit beides gelingen kann. »Es gilt, eine Verbindlichkeit auf beiden Seiten zu schaffen«, so Neumayer. »Schließlich ist ein Unternehmen ein Wirtschaftsbetrieb und braucht genauso Planungssicherheit wie die Beschäftigten.« 

Stichwort: Familienpakt Bayern

Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern und Impulse in Unternehmenswelt und Gesellschaft zu setzen, haben die Bayerische Staatsregierung und die bayerische Wirtschaft den Familienpakt Bayern gegründet. Dieser nimmt 2021 besonders kleine Betriebe in den Fokus. So ist beispielsweise eine Onlineschulung »Erste Hilfe Pflege und Beruf« geplant, die zeigt, wie kleine Unternehmen das Thema Pflege aktiv anpacken können.

»Weiterhin stellen wir einen Leitfaden mit vielen Praxisbeispielen von kleinen Betrieben zusammen, eine Art Sammlung mit Beispielen der guten Praxis«, sagt Julia Naetsch von der Servicestelle des Familienpakts Bayern. Der Quick Check ermöglicht es kleinen Unternehmen, sich im Hinblick auf familienfreundliche Personalpolitik selbst einzustufen und mit Betrieben ähnlicher Größe zu vergleichen.

»Mitglieder im Familienpakt Bayern können sich zudem in unserem Buddy-Programm mit anderen Firmen zu Herausforderungen, Erfahrungen und Ideen im Bereich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf austauschen«, so Naetsch. Das Programm steht unter dem Motto »Voneinander lernen«. Buddy werden kann jedes (Neu-)Mitglied, das bereits Maßnahmen umsetzt und andere mit konkreten Erfahrungen aus der Praxis unterstützen kann.

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