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Krisenfest ausbilden

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Fit für die Zukunft – Azubis sind die Fachkräfte von morgen

Für die Wirtschaft ist Ausbildung essenziell – gerade in schwierigen Zeiten. Denn wenn die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt, brauchen die Unternehmen qualifizierte Fachkräfte. Mit welchen Hilfen ausbildende Firmen jetzt rechnen können.

Sabine Hölper, Ausgabe 09/20

Einbrechende Umsätze, Kurzarbeit, drohende Insolvenzen – die Coronakrise hat der Wirtschaft zugesetzt. Kein Wunder, dass dies Auswirkungen auf die Beschäftigung hat – und damit auch auf die Ausbildung. Deutschlandweit lag die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze im Juni um gut sieben Prozent niedriger als im Vorjahr, ergab eine Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). In Bayern stand Ende Juni sogar ein deutliches Minus von 16 Prozent hinter den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Konkrete finanzielle Unterstützung bietet das gestaffelte Förderprogramm »Ausbildungsplätze sichern« der Bundesregierung (Kritierien unten).

Aufholeffekt erwartet

Doch sowohl der DIHK als auch die bayerischen IHKs (BIHK) erwarten im Herbst einen Aufholeffekt am Ausbildungsmarkt. »Viele Unternehmen haben noch nicht abschließend über die Zahl ihrer Ausbildungsplätze entschieden«, sagt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Die IHK für München und Oberbayern sieht das für den eigenen Kammerbezirk genauso: »Der Anbahnungsprozess hat sich nach hinten verschoben. Daher wird es in den nächsten Wochen noch etliche Vertragsabschlüsse geben«, sagt Florian Kaiser, Leiter Bildungsberatung bei der IHK.

Die Unternehmen wissen, dass »die Ausbildung zu den wichtigsten Zukunftsinvestitionen der Unternehmen gehört«, betont IHK-Präsident Eberhard Sasse. »Den Rotstift beim Fachkräftenachwuchs setzen Betriebe nur in einer existenziellen Krise an.«

Ausbildungsprämie als entscheidender Anreiz

Umso wichtiger sei in diesem Zusammenhang die von der Bundesregierung beschlossene Ausbildungsprämie. Sie unterstützt vor allem besonders stark von der Coronakrise betroffene Unternehmen mit finanziellen Mitteln und weiteren Maßnahmen. »Für einige Firmen dürften die Hilfen den entscheidenden Anreiz darstellen, auszubilden«, erwartet IHK-Experte Kaiser. Schließlich habe die Ausbildung grundsätzlich einen sehr hohen Stellenwert bei den Unternehmen. Und wenn »die Konjunktur in Kürze wieder Fahrt aufnimmt«, so Kaiser, »brauchen sie die Fachkräfte von morgen«.

Im Sinne der unternehmerischen Verantwortung

Dennoch wird die Zahl der neuen Ausbildungsverträge das Niveau vom Vorjahr wohl nicht erreichen. Die Auswirkungen der Coronakrise mit Umsatzausfällen, angespannter Liquidität und ungewisser Zukunft sind in vielen Betrieben zu einschneidend. »Wer sich angesichts dieser Lage zum Beispiel mit der Frage nach einem notwendigen und schmerzhaften Abbau von Beschäftigung auseinandersetzen muss, der kann aus Verantwortung für sein Unternehmen zu der Entscheidung kommen, sein Ausbildungsangebot reduzieren zu müssen«, heißt es in der DIHK-Studie. Das gilt insbesondere für die stark von Covid-19 betroffenen Branchen wie Gastronomie und Einzelhandel.

Schwierigere Anbahnung

Dass bislang weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden als im Vorjahr, ist auch ein Resultat der insgesamt schwierigeren Anbahnung. Viele Ausbildungsmessen wurden abgesagt. Dadurch entfiel eine wichtige Plattform zur Kontaktaufnahme. Zudem ist ein Bewerbungsprozess, der rein online stattfindet, ungewohnt und führt damit anfangs womöglich auch seltener zum Erfolg als sonst üblich.

Kreativ, digital, gemeinsam für flexible Lösungen

Die Pandemie hat aber ebenfalls gezeigt: In existenziellen Krisen müssen alle Akteure an einem Strang ziehen und schnelle, flexible Lösungen ausarbeiten. Dazu bedarf es einer großen Portion Kreativität – und genügend digitaler Angebote. »Die Krise hat deutlich gemacht, wie wichtig eine zeitgemäße Ausstattung der Berufsschulen ist«, betont Dercks. »Hier ist an vielen Stellen dringender Nachholbedarf sichtbar geworden.« Lernplattformen und Blended-Learning-Angebote müssen vorhanden und auch leicht zugänglich sein. Eigentlich war das schon vor Corona klar. Doch spätestens jetzt ist es an der Zeit, Worten auch Taten folgen zu lassen.

Service: Förderprogramm mit bis zu 3.000 Euro pro Ausbildungsplatz

Um ausbildende Unternehmen finanziell zu entlasten, hat die Bundesregierung das Förderprogramm »Ausbildungsplätze sichern« aufgelegt. Ein Überblick über Bedingungen und Leistungen.
Das Förderprogramm des Bundes unterstützt kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit bis zu 249 Beschäftigten (zum Stichtag 29. Februar 2020), die durch die Coronakrise erheblich betroffen sind. Erheblich betroffen bedeutet dabei:

  • Das Unternehmen hat in der ersten Jahreshälfte mindestens einen Monat Kurzarbeit angesetzt
  • oder sein Umsatz ist in den Monaten April und Mai 2020 um durchschnittlich mindestens 60 Prozent gegenüber den gleichen Monaten im Vorjahr eingebrochen.
    Bei Unternehmen, die nach April 2019 gegründet worden sind, werden stattdessen die Monate November und Dezember 2019 zum Vergleich herangezogen.

Für Firmen sind folgende Leistungen vorgesehen:

  • Unternehmen, die im Jahr 2020 nicht weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen als im Schnitt der letzten drei Jahre davor, erhalten für jeden neu abgeschlossenen Ausbildungsvertrag eine einmalige Prämie in Höhe von 2.000 Euro.
     
  • Unternehmen, die ihr Ausbildungsplatzangebot erhöhen, erhalten für jeden über das frühere Niveau hinausgehenden Vertragsabschluss einmalig 3.000 Euro. Der Zuschuss wird jeweils nach Beendigung der Probezeit der Auszubildenden ausgezahlt.
     
  • Das Maßnahmenpaket fördert Firmen, die trotz der Coronakrise und eines damit einhergehenden Arbeitsausfalles sowohl Azubis als auch deren Ausbilder nicht in Kurzarbeit bringen. Antragsberechtigt hierfür sind KMU mit einem Arbeitsausfall von mindestens 50 Prozent.
    Für jeden Monat mit einem Arbeitsausfall in mindestens dieser Höhe erhält das Unternehmen einen Zuschuss von 75 Prozent der Bruttoausbildungsvergütung. Die Förderung ist befristet bis zum 31. Dezember 2020.
     
  • Auch für Unternehmen, die es im Frühjahr noch härter getroffen hat, stellt das Konjunkturpaket Hilfen bereit: Sofern der Umsatzrückgang in den Monaten April und Mai dieses Jahres durchschnittlich 60 Prozent oder mehr betragen hat und der Betrieb seine Azubis temporär nicht weiterbeschäftigen konnte, kann die Verbund- oder Auftragsausbildung genutzt werden.
    Führen Azubis, deren Ausbildungsbetrieb pandemiebedingt sogar Insolvenz anmelden musste, ihre Ausbildung in einem anderen KMU bis zur Abschlussprüfung fort, erhält dieses Unternehmen eine einmalige Übernahmeprämie in Höhe von 3.000 Euro pro aufgenommenem Azubi. Auch diese Förderungen sind bis zum 30. Juni 2021 befristet.

Weitere Infos auf der IHK-Website.

Das neue Kombimodell:

Mit einem neuen Ausbildungsformat will die IHK für München und Oberbayern dem Fachkräftemangel entgegenwirken: Ziel ist es, die Ausbildung von Geflüchteten, Neuzugewanderten und Jugendlichen mit Förderbedarf zu stabilisieren und so den vorzeitigen Ausstieg aus der
Ausbildung zu verhindern.

Oft sind Sprach- und Lerndefizite Ursache für einen Abbruch der Ausbildung. Das neue Kombimodell vertieft daher die duale Berufsausbildung mit einem Vorjahr. In diesem werden
die Azubis beim Erwerb der berufsbezogenen Fachsprache unterstützt und beim Lernen gefördert. Die Ausbilder im Betrieb können sich so ganz auf die betriebliche Ausbildung konzentrieren, Sprach- und Wissenslücken werden in der Teilzeitausbildung zentral an der Berufsschule
aufgefangen.

Das Kombimodell startet im Handel sowie im Hotel- und Gastgewerbe.Weitere Informationen für interessierte Ausbildungsunternehmen auf der IHK-Website.

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