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Notfallpläne für ein Nadelöhr

Der Allacher Tunnel muss ab 2027 saniert werden, die Arbeiten dauern Jahre. Schon jetzt suchen Experten nach Konzepten, wie die Belastungen für den Verkehr möglichst gering bleiben.
Von Stefan Bottler, IHK-Magazin 04/2025
Er ist rund einen Kilometer lang, liegt an der A 99 zwischen den Autobahndreiecken Feldmoching und Allach und wird täglich von bis zu 132.000 Fahrzeugen durchfahren. Wohl nur wenige Straßenbauwerke in Bayern müssen so viel Verkehr verkraften wie der Allacher Tunnel am nordwestlichen Stadtrand von München. Rund 30 Jahre nach dem Bau werden beide Tunnelröhren umfangreich saniert.
Ab 2028 sollen die Wände instandgesetzt, die Entwässerungsanlagen erneuert und eine neue Betriebstechnik installiert werden. Voraussichtlich 8 Jahre werden sich die Bauarbeiten hinziehen. Schätzungsweise ab 2030 muss sich der Verkehr dann auf 2 statt 4 Spuren je Fahrtrichtung und durch abwechselnd eine der Röhren vorwärtsquälen.
„Jedes Unternehmen mit Pendler- und Lieferverkehren in der Region muss mit Beeinträchtigungen rechnen“, warnt IHK-Referent Ernst-Benedikt Riehle. „Die Auswirkungen dieser Baustelle werden in ganz München zu spüren sein.“ Als Konsequenz müssen bereits jetzt Maßnahmen geplant werden, die Dauerstaus und andere Verkehrsbeeinträchtigungen zumindest abmildern.
Gemeinsam Lösungen finden
Genau das ist die Aufgabe einer Projektgruppe des Netzwerks Mobile Zukunft München & Region (MZM). Seit Mai 2024 beraten 40 Verkehrsexperten von öffentlichen Dienststellen und privaten Unternehmen regelmäßig darüber, wie die Beeinträchtigungen möglichst gering ausfallen können. MZM entstand 2022. Dem Zusammenschluss gehören die bayerischen Staatsministerien für Wirtschaft, Verkehr und des Inneren, die Landeshauptstadt München und die umliegenden MVV-Verbundlandkreise, die Technische Universität München (TUM), große Industrie- und Verkehrsunternehmen sowie die IHK für München und Oberbayern an. „Das Netzwerk soll die Mobilität der Menschen mit sichtbaren und wirksamen Projekten verbessern“, so Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU).
Die MZM-Partner haben bislang unter anderem klimagerechte Mobilitätslösungen für das Münchner Dreimühlenviertel entwickelt, an Park&Ride-Lösungen für den Großraum München gearbeitet und erproben Mikrologistik-Lösungen für den urbanen Wirtschaftsverkehr. Das Netzwerk soll „dicke Bretter“ bohren, wie Bernreiter formuliert. Auf den Tunnel Allach trifft dies zweifelsohne zu.
Folgen der Sanierung abfedern
Für Georg Dunkel, Mobilitätsreferent der Stadt München, ist der künftige Dauerbrenner bei MZM gut aufgehoben. „Die unvermeidlichen Einschränkungen stellen eine Herausforderung für die Landeshauptstadt und die Gemeinden im Münchner Norden dar“, sagt der parteilose Kommunalpolitiker. „Für deren Lösung sind gemeinsame Anstrengungen von öffentlicher Hand und Wirtschaft notwendig.“
Das Mobilitätsreferat hat die Federführung im MZM-Projekt Allacher Tunnel inne. Die knapp 40 Teilnehmer der Projektgruppe gehen Schritt für Schritt vor. Im Sommer 2024 prüften sie in 4 Facharbeitskreisen Maßnahmen, welche die Auswirkungen der Sanierungen mildern können. Die Vorschläge durchlaufen sämtliche MZM-Gremien bis hin zum Lenkungskreis. Bis Mitte 2025 will die Projektgruppe erste Empfehlungen aussprechen.
Wenig Ausweichmöglichkeiten
Allerdings wird sich nicht verhindern lassen, dass sich die Baustelle gravierend auf den Verkehr auswirkt. „Wer ab 2028 durch den Tunnel fährt, muss auf jeden Fall mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen“, warnt IHK-Experte Riehle. Verkehrsverlagerungen sind nur begrenzt möglich.
Der Allacher Tunnel gilt als zentrales Nadelöhr, das nationale und internationale Pkws und Lkws zu jeder Tageszeit passieren. Das Bauwerk wird durchgehend von 6 Uhr morgens bis 20 Uhr abends überdurchschnittlich belastet. Höchstens 40.000 Pkws – rund ein Drittel – können auf andere Straßen oder Verkehrsmittel ausweichen.
Diese Zahl nannte Michael Kunz, Experte der Münchner gevas humberg & partner Ingenieurgesellschaft für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik mbH, im vergangenen Herbst.
Betriebliche Prozesse gefährdet
Schwere Lkws sollen nach einhelliger Meinung weiter durch den Tunnel fahren. Bleibt die Frage, inwieweit vor allem Pendler, die bislang an jedem Werktag den Tunnel 2-mal passieren, auf alternative Routen oder Verkehrsmittel ausweichen können.
Manche Unternehmen sind pessimistisch und fürchten Auswirkungen auf betriebliche Prozesse. „Wenn morgens zu viele Beschäftigte in einem Megastau stecken, wäre unsere Produktion beeinträchtigt“, warnt Manuel Hiermeyer, Head of Corporate Communications von MAN Truck & Bus SE. Der Lkw- und Bushersteller ist Mitglied im MZM-Netzwerk und beschäftigt in München rund 9.000 Mitarbeiter.
Lieferketten könnten reißen
Zusätzlich fürchtet der Konzern, dass die „ausgeklügelten und zeitlich fein abgestimmten Lieferketten“ reißen. „Jeden Tag bringen Lkws unterschiedliche Güter – von kleinen Elektronikteilen über Stahlteile bis hin zu fertigen Motorblöcken und Batteriepacks – über die A 99 ins MAN-Werk“, sagt Hiermeyer.
Am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden vermutlich Unternehmen, die den Tunnel für kontinuierliche Liefer- und Werkverkehre nutzen. Ein Beispiel dafür ist die Konrad Kreppold GmbH in Odelzhausen. Jeden Werktag sind die Mitarbeiter zu Einsatzorten im nördlichen München und im östlichen Oberbayern unterwegs. „Auf diesen Rundläufen passieren unsere Fahrzeuge insgesamt bis zu 120-mal am Tag den Tunnel“, sagt Notburga Kreppold, kaufmännische Leiterin des Familienunternehmens.
Dauerstaus rund um den Tunnel
Außerdem pendeln manche Mitarbeiter über die A 99 und fahren ebenfalls durch den Tunnel. „Ab 2028 müssen wir massive Kostenzuwächse und Zeitverluste fürchten“, so Kreppold. Weil jedoch alternative Routen wie die B 471 ebenfalls regelmäßig mit Staus zu kämpfen haben, müsse die öffentliche Hand jede Maßnahme prüfen, die Dauerstaus rund um den Tunnel verhindere, fordert sie.
Auf den PKW verzichten?
Die Teilnehmer der Projektgruppe diskutieren längst, ob Pendler und private Verkehrsteilnehmer ihr bisheriges Mobilitätsverhalten ändern werden. Viele rechnen mit 2 Szenarien: Wenn die Bauarbeiten beginnen, werden viele Fahrer weiterhin in ihren Pkw steigen, weil sie die verkehrlichen Auswirkungen der Sanierung unterschätzen. Wird der Ärger über die täglichen Staus immer größer, werden alternative Routen oder Verkehrsmittel interessant.
Die Projektgruppe bringt bereits jetzt zusätzliche Busverbindungen ins Spiel. Wenn die Busse U-Bahn-Stationen ansteuern, so die Einschätzung, könne ein Verzicht auf den Pkw leichtfallen.