Tölzer Kasladen ©
Der Käsestand von Susanne Hofmann ist offen, doch das Tanzen und das Treffen fehlt

Der Münchner Viktualienmarkt wird in diesem Jahr an Faschingsdienstag ein Markt für Viktualien sein – ohne Bühne für tanzende Händlerinnen.

Cornelia Knust, Ausgabe 02/21

Sie weiß nicht, was schlimmer ist. Dass am Faschingsdienstag wegen Corona der Tanz der Marktweiber des Viktualienmarkts ausfällt. Oder dass der Salon de l‘Agriculture in Paris in der letzten Februar-Woche nicht stattfinden kann, wo sie Käse mit kontrollierter Herkunftsbezeichnung verkostet und prämiert hätte.

Eigentlich weiß Susanne Hofmann (57) es doch: »Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre es sofort mein Käse«, sagt die Unternehmerin aus Bad Tölz und wird gleich leidenschaftlich. Das gute Handwerk brauche einen Fürsprecher. Der Tölzer Kasladen auf dem Münchner Viktualienmarkt und seine Filialen, die Reiferei ihres Bruders in Bad Heilbrunn, all die Käseworkshops und -verkostungen – das ist ihr Beruf, das ist ihr Leben.Der Tanz der Marktweiber, das sei ihr Hobby, sagt Hofmann. 2021 hätte sie (nach einem Jahr Pause wegen Schulterschmerzen) gerne wieder mitgemacht und würde normalerweise die Proben schon seit Oktober des vergangenen Jahres besuchen. Aber damals war längst klar, dass 2021 kein Fasching stattfinden wird.

Hofmann schätzt den Kreis der Kolleginnen. Das Treffen und das Tanzen, das sei eben total nett, meint sie. Vor allem Christian Langer (47) von der Tanzschule Neubeck sei seit 2004 die Stütze des ganzen Projekts. Und natürlich Christl Lang (67), ehemalige Gemüsehändlerin vom Viktualienmarkt, die seit Jahren die Cheforganisatorin der tanzenden Weiber ist. Christl und die anderen Weiber – vom Honighäusl, vom Caseus, vom Olivenhandel Sadak, von Erikas Blumenstand‘l und so weiter – treffen sich noch privat. Doch selbst die gemeinsame Städtereise, die die Truppe jedes Jahr unternimmt und auf der sie gute Restaurants unsicher macht, ist diese Saison ausgefallen. Einige der Damen sind nicht mehr so fit, der Nachwuchs fehlt, kurzum, es herrscht gedämpfte Stimmung, nicht nur wegen Corona.

Rückblick auf die 80er Jahre

»Das war cool am Anfang«, erinnert sich Hofmann an die 1980er-Jahre. Da sei am Faschingsdienstag der Verkauf am Markt ganz normal gelaufen, und man habe eine Gaudi gehabt und einen Schmarrn getanzt. Hilde Karnoll vom gleichnamigen Backund Kaffeestandl gilt als Erfinderin der »tanzenden Marktweiber«. Erst hat ein Lkw als Bühne fungiert. Dann trat ein Radiosender als Sponsor auf, und die Veranstaltung wurde ein Fest der Masse: sehr laut und sehr voll. Längst organisieren die Markthallen den Faschingsdienstag: Bühne, Musikanlage, Security, Toiletten sowie Tanzstunden und 200 Euro Kleiderzuschuss für die Damen.

In aller Welt bekannt

Wer vor Corona als Standl mitmachen wollte, zahlte eine Teilnahmegebühr von 180 Euro an die Großmarkthalle. Große Gewinne waren mit Glühwein oder Bier bisher aber nicht zu erzielen, sagt Hofmann. Viele Gäste bringen sich die Getränke selber mit. Manche beschließen ihren Besuch betrunken und aggressiv. Manche haben viel Spaß.
Doch das Münchner Publikum gilt als etwas spröde. Trotzdem sind die tanzenden Marktweiber heute in aller Welt ein Begriff. Christl Lang sagt, sie könne sich das auch nicht wirklich erklären. Den Trubel aber hat sie immer genossen und moderiert inzwischen furchtlos. »Ich bin eine Rampensau«, sagt sie im Gespräch.

In einer normalen Faschingssaison üben die derzeit zehn Marktweiber vier Monate lang ein- bis zweimal in der Woche mit ihrem Tanzmeister im Pfarrheim der Heilig-Geist-Kirche. Zehn Tänze werden gegeben zu verschiedensten Melodien vom Band: Walzer, Schlager, aktuelle Hits. Immer ganz am Anfang dabei: das Lied vom Weiß Ferdl »Ein Wagen von der Linie 8«. Sie sind keine Tanzmariechen, manche ist gar nicht besonders beweglich oder musikalisch. Aber sie trauen sich was in ihren quietschbunten Fantasiekostümen vor Tausenden von Menschen, und sie sind eben echt.

Sie feiern ihren Stolz als Geschäftsfrauen

Sie wirken dann, als feierten sie den Ausbruch aus ihrem arbeitsreichen Leben inklusive früh aufstehen, schwer tragen und lange stehen. Sie feiern ihre kleine Gemeinschaft, den Zusammenhalt, ihren Stolz als Geschäftsfrauen. Wenn gerade nicht Corona ist, nehmen sie die Huldigungen von angereisten Fans aus Japan oder Brasilien entgegen. Natürlich erscheinen auch der Oberbürgermeister und das Prinzenpaar. Gut 100 Händler hat laut Marktchef Boris Schwarz der Viktualienmarkt, der seinen Namen vom lateinischen Begriff für Lebensmittel ableitet. Die Standl werden per Ausschreibung zugewiesen, normalerweise unbefristet. Aber weil seit Langem ein Umbau der Infrastruktur geplant ist, werden gerade nur befristete Mietverträge geschlossen. Eine Machbarkeitsstudie liegt vor, doch gebaut wird hier wohl erst in zwei bis drei Jahren, wie Schwarz erklärt. Die Investitionen der Händler seien bis dahin wohl abgeschrieben, meint er.

Um elf Uhr werden Tränen fließen

Christl Lang steht dem Verein »Die tanzenden Marktweiber« weiter vor und macht den Großteil der Organisation. Den Fasching 2022 hat sie fest im Blick: »Da sind wir wieder voll dabei.« Die Absage 2021 habe sie selbst vorgeschlagen, erzählt sie: »Monatelang proben, wenn die Lage derart unsicher ist? So einen Zirkus machen wir nicht mit.« Auch wenn am Faschingsdienstag um elf Uhr bei ihr die Tränen fließen werden, wie sie meint.

Susanne Hofmann hat gerade keine Zeit für Wehmut. Sie muss ihr Unternehmen durch die Coronakrise bringen. Gleichzeitig will sie kürzertreten. Ihr Sohn soll schrittweise übernehmen, während sie im Hintergrund verfügbar bleibt. Parallel will sie draußen auf dem Land eine kleine eigene Käserei aufmachen. Das ist immer ihr Traum gewesen. Und vielleicht steht sie an einem Faschingsdienstag in der Zukunft in ihrer blau-weiß-roten Reifrockrobe mit den Käseapplikationen wieder auf der Bühne.

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