Die Gesundheits- und Pflegebranche hat mit 56 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung einen Anteil von etwa zehn Prozent an der gesamten Wirtschaft in Bayern. Der Anteil an der Beschäftigung ist mit rund 16 Prozent noch höher. Quelle: Studie "Bedeutung der Gesundheits- und Pflegewirtschaft in Bayern"

Akteure der Gesundheits- und Pflegewirtschaft zeigen in der Coronakrise eindrucksvoll, was sie leisten: Von neu zugelassenen Videosprechstunden, Masken-Beschaffung, Ambulanz-Lösungen und Plattformen, die direkt helfen.

Eva Elisabeth Ernst, Ausgabe 07/2020

Grafik: Die bayerische Gesundheits- und Pflegewirtschaft in Zahlen

TeleClinic GmbH: Durchbruch für Video-Sprechstunden

Die Angst vieler Menschen, sich im Wartezimmer ihres Arztes mit dem Coronavirus zu infizieren, sorgte bei der TeleClinic GmbH für eine »fast schon explosionsartig angestiegene Nachfrage«, sagt Gründerin und Geschäftsführerin Katharina Jünger (30). Das Münchner Start-up bietet seit 2018 Videosprechstunden mit niedergelassenen Fachärzten an. »In den ersten fünf Wochen nach der Ausbreitung von Corona in Deutschland stieg die Zahl unserer Patienten wöchentlich um 50 Prozent«, berichtet sie. Im Mai 2020 nutzten rund 9.000 Patienten die Videosprechstunde per App. Ein Drittel davon loggte sich wegen Coronaverdachts ein. Stellte der Arzt fest, dass der Verdacht begründet war, wurde den Patienten ein Testkit geschickt, mit dem sie ihre Speichelprobe an ein Labor senden konnten. Das Ergebnis erhielten sie am nächsten Tag – ebenfalls über die App.

Bedenken bei Patienten und Ärzten dahingeschmolzen

»Durch Corona schmolzen die Bedenken gegen digitale Gesundheitsleistungen dahin«, sagt Jünger, »nicht nur bei Patienten, sondern auch bei Ärzten. Da ihre Wartezimmer leer blieben, gewann die unkomplizierte Art der Zusammenarbeit mit uns deutlich an Akzeptanz.« Den nächsten Wachstumsschub bei TeleClinic dürfte allerdings kein Virus auslösen, sondern die Kassenzulassung des Angebots, die Ende Mai erfolgte. Seither übernehmen auch die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten des digitalen Arztbesuchs.

CIP Holding AG: Spontane Supply Chain für Masken

Eigentlich beliefert die CIP Holding aus München Großkonzerne aus der Automobil-, Haushaltswaren- und Elektronikindustrie mit industriellen Gütern aus Fernost. Doch in der Coronakrise beschaffte das Unternehmen für private und öffentliche Organisationen medizinische Schutzmasken aus China. Von Ende März bis Ende Mai dieses Jahres gelang es dem Unternehmen, rund
500.000 der begehrten Masken nach Deutschland zu bringen. »Unsere Mitarbeiter in China haben direkt mit den Herstellern verhandelt und vor Ort Rohstoffe, Produktionslinien, Zertifikate und die Endprodukte überprüft, sodass die Qualität den Anforderungen entsprach«, berichtet CEO Dimitrios Bachadakis (46). Dank etablierter Logistikprozesse verlief auch der Transport nach Deutschland per Luftfracht reibungslos. Womöglich ergibt sich so ein neues Geschäftsfeld. »Derzeit«, sagt Bachadakis, »überlegen wir, ob wir künftig nachhaltig in dieser Branche weiterarbeiten wollen.«

P.E.G. eG: Restbestände aufgespürt

Das Coronavirus veränderte einen Teil des Kerngeschäfts der P.E.G. eG aus München drastisch. Die rund 600 Mitglieder der Genossenschaft betreiben mehr als 3.400 Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, größtenteils Senioren- und Pflegeheime, private Krankenhäuser sowie Rehakliniken. »Wir bündeln die Einkaufsvolumina unserer Miteigentümer zum Beispiel bei Hygieneartikeln, Medizinprodukten oder Dienstleistungen und erzielen dadurch bessere Konditionen«, erklärt der Vorstandsvorsitzende von P.E.G., Jens Leveringhaus (49). »Als der Hype um die Atemschutzmasken losging und wir von den bekannten Herstellern Absagen erhielten oder mit unakzeptablen Konditionen konfrontiert wurden, haben wir bei unseren Partnern und Miteigentümern Kontingente und Bedarfe abgefragt und koordiniert«, sagt Leveringhaus. »Dabei haben wir Restbestände aufgespürt und deren Verteilung koordiniert.«

Erfahrungen und Werte teilen

In der heißen Phase Mitte März, als der Markt für qualitativ hochwertige Schutzmasken für medizinisches Personal leer gefegt war und viele Einrichtungen versuchten, direkt in China zu bestellen, kam es vermehrt zu Klagen über Glücksritter, die Masken mit falschen Zertifikaten und schlechter Qualität lieferten. »Daher haben wir unseren Mitgliedern online Informationen über die erforderlichen Zertifikate sowie valide Bezugsquellen zur Verfügung gestellt, mit denen wir oder unsere Mitglieder gute Erfahrungen gemacht hatten«, so Leveringhaus.

Bei der Bewertung von Lieferanten achtet P.E.G. nun verstärkt darauf, ob sie auch in Europa produzieren. Als weitere Konsequenz aus der Coronakrise rechnet Leveringhaus damit, dass Lieferanten, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen künftig größere Vorräte an Medizinprodukten anlegen werden. »Darüber hinaus hat das Virus auch bei uns die Digitalisierung vorangetrieben «, sagt er, »und dafür gesorgt, dass genossenschaftliche Werte wie Solidarität und Gemeinschaft wieder stärker in den Vordergrund treten.«

Aicher Ambulanz Union: Neue Konzepte für schnelle Hilfe

Bereits Ende Januar 2020, als die ersten Coronafälle auftraten, entwickelte der Hygienebeauftragte der Aicher Ambulanz Union in München Hygienepläne für alle Bereiche eines Unternehmens – vom Krankentransport über die Rettungsdienste bis hin zum Katastrophenschutzteam. »Das Ausmaß der Coronapandemie haben wir damals allerdings noch nicht erahnt«, sagt Gründer und Geschäftsführer Peter Aicher (61). Mittlerweile unterstützt das Unternehmen drei Gemeinden, fünf Landkreise und die Landeshauptstadt München bei der Bewältigung der Pandemie.

Zum Leistungsspektrum zählen unter anderem die Konzeption und der Betrieb von Drive-in-Teststraßen für die Abnahme von Coronatests, medizinische Hotlines zur Betreuung positiv getesteter Menschen und zur Ermittlung ihrer Kontaktpersonen sowie der Betrieb von Coronaschwerpunktpraxen sowie -massentestungen, die beispielsweise in Seniorenheimen durchgeführt werden.

»Mit Leib, Seele und Herzblut dabei«

»Unsere Mitarbeiter waren in zahlreichen Krisenstäben als Fachberater eingebunden«, so Aicher. Mit einem Partner zusammen entwickelt er aktuell zudem Hygieneschutzkonzepte für Unternehmen und Organisationen. Zwar können all die neuen Einsatzfelder die Ausfälle im Stammgeschäft, vor allem beim Mobility Service am Flughafen München sowie bei den Sanitätsdiensten bei Veranstaltungen, nicht kompensieren. Sie bieten jedoch Einsatzmöglichkeiten für einen Teil der Mitarbeiter. Auf sein Team ist Aicher ausgesprochen stolz: »Jeder zieht mit und ist mit Leib, Seele und Herzblut dabei.« Dass viele Firmen die Helfer mit Spenden, vor allem in Form von Essen und Getränken, unterstützen, freut ihn sehr – und dass sich keiner seiner Mitarbeiter im Dienst mit Corona infiziert hat, noch mehr.

Health Care Bayern e.V.: Informationsplattform aufgesetzt

Der gemeinnützige Verein Health Care Bayern in München hat sich die Förderung und Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung und damit auch des Gesundheitsstandorts Bayern zum Ziel gesetzt. Bereits kurz nachdem das neuartige Virus hierzulande aufgetaucht war, veröffentlichte Health Care Bayern in kostenlosen Newslettern aktuelle Informationen zu Corona. Der Verein stellte außerdem eine Übersicht zu seriösen Informationsangeboten sowie zum Verhalten im Coronaverdachtsfall auf seiner Website online. Dort finden sich auch Listen mit Kontakten zum Thema Schutzausrüstung sowie von Ärzten und Therapeuten, die Videosprechstunden anbieten.

Regulierte Branche hat Kreativität bewiesen

»Darüber hinaus waren wir laufend im Kontakt mit unseren Mitgliedern, um herauszufinden, wo es zu Problemen kam und was an der Basis gebraucht wurde«, erklärt Claudia Küng, (55) geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Health Care Bayern. »Durch die Rückmeldungen konnten wir zum Beispiel unkompliziert Schutzkleidung  vermitteln.« Nach Ansicht von Claudia Küng hat die Coronapandeme nicht zuletzt bewiesen, wie kreativ die Gesundheitswirtschaft ist. Außerdem zeige sich, dass sich durch die Krise selbst in dieser mitunter streng regulierten Branche notwendige Veränderungen rasch und pragmatisch durchsetzen ließen.

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