Barbara Federl ©
Am Altar die zuständigen Heiligen – Sebastian (Mitte), Rochus (l.) und Vendalinus

Früher errichteten Menschen Säulen und Kapellen, wenn sie den Ausbruch einer Seuche überlebt hatten – weniger aus Dankbarkeit oder zum Totengedenken als zur Abwehr künftigen Leids.

Cornelia Knust, Ausgabe 03/21

Die Säule ist aus Tuffstein, stark verwittert und wirkt in ihrer Schwärze und Struktur so schorfig, als sei sie selbst von einer tödlichen Seuche befallen. Nüchtern notiert das Denkmalregister für den Ort Eching am Ammersee: Bildstock, Tuffsteinstele mit Laterne, wohl 1548.

Ein Wunder, dass dieses Zeichen höchster Not die Jahrhunderte überhaupt überstanden hat. Was wird man von der Coronapandemie in späteren Zeiten entlang der Straßen als Zeichen finden? Auf dem Dorfanger, unweit der alten Hauptstraße von Landsberg nach München, haben die Echinger die Pestsäule errichtet und 100 Jahre später auch die kleine Kapelle St. Sebastian daneben, mit den üblichen Heiligen: Sebastian, Rochus und dem für die Landwirtschaft zuständigen Vendalinus.

Gedenken an den wirtschaftlichen Ruin

Die Säule habe laut mündlicher Überlieferung eigentlich der Erinnerung an eine Viehseuche gedient, heißt es in der Dorfchronik. An dieser Stelle sei das letzte Stück Vieh gefallen – was für die Bewohner den wirtschaftlichen Ruin bedeutet haben dürfte. Die Kapelle wurde nach der Epidemie von 1650 erbaut, »alß die Laidige Sucht der Pest allda starckh Eingerissen, umb abwendung derselbigen«, wie es auf der Votivtafel im Inneren heißt.

»Monumente der Perspektive«

Man war der Seuche schutzlos ausgeliefert, betrachtete sie als Schicksal. Einzige Gegenmaßnahmen: Votivgaben, Wallfahrten, Gelöbnisse, Gottvertrauen. »Ein Menschenleben war damals nicht viel wert, die Kindersterblichkeit hoch, die Möglichkeiten einer medizinischen Behandlung überschaubar«, sagt Barbara Federl (39), Mitautorin der Dorfchronik. Die Sonderpädagogin und Mutter von vier Kindern stammt selbst aus einer Echinger Familie, die früher einen kleinen Milchviehbetrieb hatte. »Die Bauwerke galten wahrscheinlich nicht dem Totengedenken, sondern dem Abwenden künftigen Unheils«, meint Federl. »Das waren Monumente der Perspektive. Vielleicht fehlt uns das heute.«

Aber selbst das Gedenken ist kompliziert. Die Kapelle sei wie auch die Pfarrkirche aus Infektionsschutzgründen von März bis Weihnachten 2020 komplett geschlossen gewesen, so Federl: »Weder das Gotteshaus noch die Stele sind Kraftorte oder Zufluchtsorte bezüglich Corona geworden.«

Vergleich mit der Wiener Pestsäule

Das ist in Wien auf der berühmten Geschäftsstraße Graben anders. Zu Füßen der dortigen Pestsäule von 1679, einer imposanten Auftürmung barocker Figuren, gekrönt von einem Dreifaltigkeitsensemble, finden sich in diesen Monaten brennende Grablichter, Zettel, auch immer wieder Betende. Aus Bayern ist solches bisher nicht berichtet worden. Dabei ist ein an das Wiener Vorbild angelehntes Bauwerk in der Ortsmitte von Wallerstein im Landkreis Donau-Ries zu besichtigen. Schlichtere Pestsäulen sind in Feldkirchen-Westerham oder Kirchseeon zu entdecken.

Hintergrund der Münchner Mariensäule

Selbst die Münchner Mariensäule – eigentlich errichtet aus Dank, im Dreißigjährigen Krieg von schwedischen Truppen verschont worden zu sein – wurde immer wieder als Pestsäule bezeichnet. Denn die geharnischten Putten am Fuße der Säule zücken Schwert und Pfeil auch gegen den Basilisken, ein mythisches Tier, das die Seuche verkörperte. Vielleicht wird man bald öfter Kerzen sehen. Denn je länger die Pandemie dauert und je mehr Opfer sie fordert, desto stärker gewinnen Trauer und Erinnerung an Bedeutung.

Die Bundesregierung plant eine zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer der Coronapandemie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte schon vor Weihnachten: »Wir müssen den Menschen in ihrer Trauer helfen und darüber nachdenken, wie wir unser Mitgefühl ausdrücken können.« Eine private Aktion aus Berlin, »Coronatote sichtbar machen«, hat in vielen Gemeinden Nachahmer gefunden, die sonntagabends Kerzen für die Verstorbenen anzünden. Spontane Mahnwachen, improvisierte Denkmäler – damit wollen viele Bürger den Tod, die Trauer aus der Privatheit holen. Auch lokale Tageszeitungen haben begonnen, Kurzporträts der Verstorbenen zu veröffentlichen, wenn die Angehörigen einverstanden sind.

Bruderschaften im Barock

Ob sich wohl Vereine bilden werden, die der Coronatoten gedenken? Im Mittelalter und verstärkt im Barock hatten sich Bruderschaften gegründet, kirchliche Körperschaften, deren Zweck vor allem das Totengedenken war, wobei gleichzeitig die Verehrung eines bestimmten Heiligen im Mittelpunkt stand. Die Bewegungen kamen auf beeindruckende Mitgliederzahlen. Die Maria-Hilf-Bruderschaft in St. Peter in München hatte 1689 – sechs Jahre nach ihrer Gründung – über 150.000 Mitglieder, wie dem historischen Lexikon Bayerns zu entnehmen ist. Sie verpflichteten sich gegenseitig zum Beten, veranstalteten Prozessionen und waren auch karitativ tätig.

Historisch, aber weiterhin aktiv

Gerade die Sebastiansbruderschaften führen noch heute ein aktives Leben. Der Heilige Sebastian galt als bevorzugter Heiliger zum Schutz gegen die Pest, weil seine Anrufung in Rom anlässlich einer Epidemie im Mittelalter erfolgreich war. Zudem war er dem Tode selbst einmal spektakulär entronnen. Geboren um 288 in Rom, soll er sich als junger Mann zum Christentum bekannt haben und deshalb von Pfeilen der Bogenschützen des Diokletian durchbohrt worden sein. Für tot gehalten, überlebte er mithilfe einer Pflegerin. Als er sich danach erneut öffentlich bekannte, soll er erschlagen und in den Fluss Tiber geworfen worden sein. Anhänger bargen und begruben ihn.

Anders auf die Heiligen blicken als vor Corona

In religiösen Darstellungen wird er stets von Pfeilen durchbohrt gezeigt. In der ehemaligen Abteikirche in Ebersberg bei München wird seine Hirnschale in einer Silberbüste aus dem 15. Jahrhundert aufbewahrt und von Wallfahrern besucht. Auch in der kleinen Kapelle in Eching ist die Altarfigur des Heiligen Sebastian von Pfeilen durchbohrt. Neben ihm zeigt Rochus seine Pestbeule. Auf der anderen Seite steht Vendalinus mit einem kleinen Rind zu seinen Füßen. Wenn hier wieder Gottesdienste stattfinden, Kinder getauft werden oder Konzerte stattfinden, werden die Dorfbewohner vielleicht anders auf die drei Heiligen blicken als zuvor.

Adäquate Erinnerung an die Pandemie

»Mir bekannte Echinger sind an Corona verstorben oder schwer erkrankt«, sagt Dorfchronistin Federl. Sie spüre Corona natürlich auch selbst hautnah durch Hygieneauflagen, Veranstaltungsabsagen, Homeoffice, Hausunterricht, Kindergartenschließung. Dennoch ermahne sie sich täglich, dass »wir hier in Deutschland in einer sehr privilegierten Situation sind«. Gefragt, was denn eine adäquate Erinnerung an die Pandemie sein könnte, sagt sie nach einigem Nachdenken: »Ich würde eine Linde pflanzen. Das ist ein sich selbst verjüngender Baum und damit ein positives Signal: Es geht weiter.«

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