Geflügel im Garten zu halten, ist in Mode gekommen, Corona hat den Trend zusätzlich beschleunigt. Die eigenwilligen Haustiere brauchen jedoch Zuwendung.

Cornelia Knust, Ausgabe 04/2021

Sie nannten es das »Partyhuhn«. Immer wenn Gäste kamen, stolzierte es furchtlos um den Kaffeetisch herum, um Kuchenkrümel auszuspähen. Dabei war es bei der Familie nicht einmal zu Hause, sondern nur für ein paar Wochen an sie ausgeliehen. »Hühner sind eigene Charaktere und bestimmt keine langweiligen Tiere«, sagt die Verleiherin Christine Strobel (49) aus Großweil bei Murnau. Wer sich Hühner nicht gleich anschaffen will, sondern erst einmal ausprobieren möchte, wie es sich mit ihnen lebt, ist bei ihr richtig.

Hühnerversteher wie Strobel haben im vergangenen Jahr einen erstaunlichen Ansturm erlebt. Ob professioneller Geflügelhändler oder Hobbyzüchter – die Lockdowns haben die Nachfrage hochschnellen lassen nach lebendem Federvieh für den eigenen Garten oder sogar den Balkon. Die Kinder brauchten Beschäftigung und etwas zum Kuscheln, die Eltern hatten Muße für den Bau eines Hühnerstalls. Aber das ist wohl nur ein Teil der Erklärung für den Hühnerboom in deutschen Haushalten.

Vor fünf Jahren den Schritt ins Vermietgeschäft gewagt

»Die Leute wollen nicht mehr aus der Massentierhaltung kaufen. Sie wollen wissen, wo ihre Eier herkommen«, beschreibt Strobel die Motivation ihrer Leihhühnerkunden in Oberbayern. Mit vier Exemplaren, einem kleinen Häuschen, Zaun für den Auslauf, Futterspender, Tränke und Einstreu rückt sie bei den Kunden an und gibt eine kleine Einweisung. Nach zwei bis vier Wochen holt sie alles wieder ab – je nachdem, wie lange die Kunden gebucht haben. Beim Anbieter Mieteeinhuhn.de aus Achim bei Bremen hat sich Strobel praktische Tipps geholt. So hat sie, die vormittags in einer Schule arbeitet, vor fünf Jahren den Schritt ins Vermietgeschäft gewagt. »Derart früh haben die Leute noch nie gebucht«, stellt sie heuer zu Beginn der neuen Saison fest. Sie denkt, dass sich der Boom vom Vorjahr fortsetzen wird.

»Das ist seit fünf Jahren ein wachsender Trend«, bestätigt Georg Hermann (61), Vorsitzender des Verbands Bayerischer Rassegeflügelzüchter. Die Eierskandale steckten dahinter; die Menschen wollten frische Eier, frei von Medikamenten. Sein Verband von Hobbyzüchtern, die ihre Rassehühner auf Geflügelausstellungen zeigen und prämieren lassen, aber auch an Privatpersonen verkaufen, spricht von einem guten Absatz legereifer Hennen.

Zweinutzungshühner

Für 15 bis 25 Euro bekommt man ein Huhn mit einer Legeleistung von 100 bis 170 Eiern pro Jahr. Beliebt und ökologisch wertvoll sind sogenannte Zweinutzungshühner, also Tiere, die sowohl viele Eier legen als auch zartes Fleisch liefern. Immer mehr Rassen gibt es inzwischen auch in verzwergter Form. Diese Hühner legen zwar etwas kleinere Eier, brauchen aber auch weniger Platz und Futter. Auf einem Quadratmeter Stall plus vier Quadratmeter Auslauf kommen drei Normalhühner zurecht, aber bis zu fünf Zwerghühner.

Je nach Rasse unterschiedliches Verhalten

Was der Laie vielleicht nicht weiß: Die einzelnen Rassen zeigen ein unterschiedliches Verhalten. Manche sind zutraulich und etwas träge, andere eher verschreckt. Manche fliegen ein bisschen, andere bleiben nah beim Stall. Natürlich sind sie auch optisch ganz verschieden: Federkleid, Farben, Zeichnungen, Kämme, Füße – selbst die Farbe der Eier variiert.
Die Vielfalt ist erstaunlich: Vom Deutschen Reichshuhn bis zum Thüringer Barthuhn oder Westfälischen Totleger ist alles dabei. Sussex oder New Hampshire sind Rassen aus dem angelsächsischen Raum, Araucanas kommen aus Chile, Australorps aus Australien. Die ursprüngliche Heimat des Huhns soll in China, Indien und Indonesien liegen. Wildhühner entwickelten sich vor 5.000 bis 8.000 Jahren zu Haushühnern, schreibt Michael von Lüttwitz in seinem Ratgeber »Hühner halten«.

Kümmerer für Urlaub notwendig

Hier kann man auch nachlesen, dass die Hühnerhaltung durchaus einen gewissen Aufwand bedeutet: Stall öffnen, schließen, lüften, sauber und trocken halten, die Tiere füttern und tränken, Auslauf umstecken, Nester kontrollieren, Hühner impfen, Parasiten bekämpfen. »Anfänger unterschätzen das gerne«, sagt auch Verbandschef Hermann, der im Hauptberuf in Altötting eine Bäckerei und Konditorei betreibt. »Man muss nicht 365 Tage im Jahr zu Hause sein, aber dann braucht man Nachbarn oder Freunde, die sich kümmern.«

Hermann hat im Alter von sieben Jahren einen Hahn und fünf Hennen geschenkt bekommen und seitdem immer Hühner gehalten. Von einem Hahn, den man natürlich zum Züchten braucht, rät er normalen Hühnerhaltern aber ab, der ärgere mit seinem morgendlichen Ruf die Nachbarn.

Lang gehegten Hühnerwunsch erfüllt

Auch Maximilian Zagler (30) ist den Hühnern verfallen, seit er sechs Jahre alt ist. Heute ist er professioneller Händler mit Lebendgeflügel in Götting bei Bruckmühl im Landkreis Rosenheim. Er sieht den Coronatrend Hühnerhaltung eher kritisch: »Das war eine Kurzschlussreaktion im Frühjahr, in deren Folge im Herbst die Tierheime überschwemmt wurden«, sagt Zagler. Da werde nicht bedacht, wie viel Arbeit das ist und dass man auch am Sonntag in der Früh die Hühner rauslassen muss. Und nachts einsperren muss man sie natürlich ebenfalls, weil sie sonst der Fuchs holt. Aber auch er kennt andere Beispiele, wo in Zeiten der Kurzarbeit ein lang gehegter Hühnerwunsch erfüllt wurde und bis heute Freude macht. Unter seinen Rassen verkauft Zagler die Sussex-Hennen am liebsten. Sie seien ruhig und zutraulich, hätten eine gute Legeleistung und flögen kaum, sagt er.

Geübt in Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen

Die Grundausstattung an Futter und Zubehör kostet bei ihm rund 15 Euro. Zum Hühnerstall lässt sich auch ein altes Gartenhäuschen umfunktionieren. Zagler empfiehlt zusätzlich eine Voliere vor dem Stall. Die ist gut für Zeiten, in denen wieder einmal die Vogelgrippe wütet und Stallpflicht für die Tiere herrscht, damit sie nicht mit Wildvögeln in Berührung kommen. Wie man mit Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen umgeht – das kennen die Hühner also schon.

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