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Komplett restauriert – IHK-Gebäude an der Max-Joseph-Straße

Das generalsanierte Stammhaus der IHK: ein eindrucksvolles Stück Wirtschaftsgeschichte. Ein neues Buch zur Historie würdigt es als identitätsstiftendes Symbol.

Cornelia Knust, Ausgabe 11/20

Merkur ist überall. Die Geschäftsleute des 19. Jahrhunderts hatten ihr Latein wohl gelernt. Der römische Gott Mercurius galt als Schutzpatron der Kaufleute. Im komplett restaurierten Gebäude der Industrie- und Handelskammer am Münchner Altstadtring begegnet man ihm gleich mehrmals. An der Nordfassade prangt er als Stuckrelief zusammen mit Athene, der Göttin der Weisheit. Im Handelskammersaal zeigt ihn ein Wandteppich mit einem Münzsack unter dem Fuß. Und der Blick aus dem Börsencafé ging einst auf einen Brunnen mit Merkur-Figur; sie wurde im Krieg beschädigt, dann eingemottet und 1975 auf einen Gehweg unweit des Marienplatzes verlegt.

»Zukunft braucht Herkunft«

Eva Moser (63), Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, hat einen liebevollen Blick auf dieses Haus, das ihr seit 25 Jahren vertraut ist. Das Wirtschaftsarchiv ist mit seinen Magazinen zwar im IHK Campus in der Nähe des Ostbahnhofs untergebracht. Doch das historische Kammergebäude am Maximiliansplatz, Ecke Max-Joseph-Straße, kennt Moser genau. Absolut prägend für das Stadtbild Münchens sei dieser Gebäudekomplex.

Das 1997 veröffentlichte Buch ihrer Vorgängerin Angela Toussaint »Eine Zierde der Stadt« hat Moser deshalb jetzt fortgeschrieben und neu aufgelegt. Ab Dezember 2020 kann man unter dem neuen Titel »Zukunft braucht Herkunft« (Volk Verlag) genau nachlesen, wie die 1843 gegründete Handelskammer (sie tagte zunächst im Rathaus, dann in der Alten Münze in der Pfisterstraße) an den Maximiliansplatz kam und wie das Haus entstand.

Werk zweier Stararchitekten

Eigentlich muss es »die Häuser« heißen. Denn das Stammhaus der IHK besteht aus zwei Gebäuden, errichtet in den Jahren 1901 und 1912 von den beiden Stararchitekten der damaligen Zeit: Friedrich von Thiersch und Gabriel von Seidl.

Das nördliche Haus B (Thiersch) wurde explizit als »Haus für Handel und Gewerbe« errichtet, das damals als Aktiengesellschaft firmierte und so den Bau selbst finanzierte. Es sollte auch die Börse beherbergen; deren Träger war damals der Münchner Handelsverein. Der waagerechte Wechsel aus rotem und weißem Sandstein lässt das Gebäude fast maurisch wirken. Die großen Stuckreliefs und das farbenfrohe Dachgesims sind prachtvoller Jugendstil. Der Bau sollte, so die Bauherren in einem Schreiben an den Prinzregenten 1898, »der Residenzstadt zur dauernden Ehre gereichen«.

Früher ein repräsentatives Antiquitätenhaus

Haus A (Seidl), im Süden zur Max-Joseph-Straße gelegen, war bis in die 1930er-Jahre ein repräsentatives Antiquitätenhaus der jüdischen Familie Drey: ebenfalls in Rot und Weiß gehalten, streng symmetrisch, mit großen Schaufenstern und einem Portikus im Erdgeschoss, mit Loggien im vierten Stock und einer opulent verzierten Fassade. Hier kaufte die große Welt, die in den feinen Hotels der näheren Umgebung logierte.

Die Kammer erwarb das Gebäude für 1,3 Millionen Reichsmark, als die Familie Deutschland in der Nazizeit verlassen musste. Das entsprach zwar in etwa dem damaligen Marktwert, so Moser, doch die Kunsthändlerfamilie Drey musste hohe, willkürlich erhobene Steuern an den NS-Staat zahlen. »Nach dem Krieg sind die Erben nicht mit Entschädigungsforderungen an die Kammer herangetreten.«

Im Innenhof, der heute von einer Glaskuppel abgeschlossen wird, ist zu sehen, wo die beiden denkmalgeschützten Gebäude aneinandergrenzen. In diesem Atrium finden heute Veranstaltungen statt. Hier ist auch der Durchgang zum Börsencafé. Eigene Parkplätze hat die Kammer übrigens nicht, aber durch U-Bahn, S-Bahn und Tram ist sie gut erreichbar.

Jugendstil pur

Am Maximiliansplatz war früher der Haupteingang ins Haus für Handel und Gewerbe: eine messingbeschlagene Flügeltür, im Windfang ein Terrazzoboden, rechts das Treppenhaus hinauf zum Börsensaal. Dieses Treppenhaus ist Mosers Lieblingsplatz und purer Jugendstil.

Am Treppenaufgang ist ein kostbares Relief von Ignatius Taschner zu sehen: die Glücksgöttin Fortuna inmitten von Händlern. Bis 1963 gingen hier die Händler der Bayerischen Börse ein und aus. Der Börsensaal selbst im ersten Stock ist dagegen schlicht und hell. Nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hat man den Saal mit der aufwendigen Holzdecke nicht wieder restauriert. Wo früher Merkur und Mars im Verein mit anderen Göttern von Wandmalereien blickten, lauschen beim Besuch gerade Auszubildende einer Schulung in Rechnungswesen.

Salzhändler, Isarflößer und Merkur

Anders im zweiten Stock der Handelskammersaal mit seiner Holzvertäfelung aus den 1920er-Jahren, den bronzenen Leuchtern, den gemalten Entwürfen für Wandteppiche, die aus Geldmangel nie gewebt wurden. Die Motive: Salzhändler mit der Frauenkirche im Hintergrund, Isarflößer bei der Arbeit, eine Marktszene mit einer deutschen Anlaufstelle für Händler in Venedig – und besagter Merkur mit dem Münzsack. Zu seiner Linken lässt ein Putto Papierfetzen fliegen – zur Erinnerung an die überstandene Inflation. Über ein weiteres, schlichtes Treppenhaus weist Wirtschaftsarchivleiterin Eva Moser den Weg zu einer stillen Dachterrasse: Hier kann man über den Dächern der Innenstadt ganz für sich sein, während rundum in den modernen IHK-Büros gearbeitet wird.

Auf dem neuesten Stand der Technik

Barrierefreiheit und Medienzugang, energetische Sanierung und Brandschutz – alles ist auf dem aktuellen Stand. Die altehrwürdige Bibliothek im Erdgeschoss des Seidl-Baus ist allerdings verschwunden; hier werden jetzt Exportdokumente bescheinigt, und zwar mehr als sonstwo in Europa. Auch der Denkmalschutz ist zufrieden, er verlieh dem Gebäude die Bayerische Denkmalschutzmedaille 2020.

»Das Haus«, sagt Eva Moser zum Abschluss, »stiftet einfach Identität. Hier ist unsere regionale Wirtschaft seit fast 120 Jahren zu Hause.«

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