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Was Unternehmen über „Fit for 55“, das Klimagesetzespaket, wissen sollten

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Dämmung – die energieeffiziente Gebäudesanierung soll weiter gestärkt werden

Die EU will bis 2030 satte 55 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu 1990 einsparen. Um dieses Ziel in der Praxis erreichen zu können, setzt sie auf ehrgeizige Vorgaben. Was Unternehmen dazu wissen sollten.

Gabriele Lüke, Ausgabe 10/2021

Als wir das elterliche Unternehmen im Jahr 2012 übernommen haben, wollten wir es wirtschaftlich erfolgreich halten, es aber auch umwelt- und klimaschutzgerecht optimieren, es enkeltauglich machen«, betont Matthias Hörl (35), einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter der Hörl & Hartmann Ziegeltechnik GmbH & Co. KG in Dachau. Mit einer konsequenten Strategie hat das Unternehmen seitdem die brennstoffbedingten Emissionen um mehr als 40 Prozent reduziert. Damit darf es sich zwar gut auf das im Juli 2021 vorgestellte EU-Klimagesetzespaket »Fit for 55« vorbereitet fühlen, die exakten Anforderungen wird es dennoch genau analysieren – so wie viele andere Unternehmen ebenfalls.

Was fordert die EU konkret von der Wirtschaft?

6 Kernmaßnahmen zu "Fit for 55" sollten Industrie und Gewerbe im Blick behalten:
  1. Umbau des europäischen Emissionshandels

    Die Treibhausgasemissionen von circa 11.000 Anlagen der Energiewirtschaft und der Industrie – davon rund 1.870 in Deutschland und 270 in Bayern – sind im europäischen Emissionshandelssystem (EU-ETS) reguliert. Gemeinsam müssen die Anlagen eine europaweite Obergrenze für den Treibhausgasausstoß einhalten, die von einer bestimmten Menge an frei zugeteilten und ersteigerbaren CO2-Zertifikaten begrenzt wird. Das Fit-for-55-Paket wird die Obergrenze deutlich reduzieren und die Menge der Zertifikate schneller verknappen. Damit erhöht sich der CO2-Preis. Die kostenlose Zuteilung soll zudem an Klimaschutzinvestitionen gekoppelt werden und 2036 auslaufen, außerdem soll der Seeverkehr Teil des EU-ETS werden.

  2. Neuer Emissionshandel für Verkehr und Gebäude

    Ab 2026 wird es einen Emissionshandel für Treibhausgase geben, die durch Gebäude und im Verkehr entstehen. Wie im deutschen Pendant sollen die Inverkehrbringer von Kraft- und Brennstoffen zur Teilnahme verpflichtet und der resultierende CO2-Ausstoß über Zertifikate gehandelt und damit bepreist werden. Der Preis wird an die Verbraucher weitergegeben. Ein sozialer Ausgleich ist angedacht.

  3. CO2-Grenzausgleich

    Damit die treibhausgasintensiven Sektoren wie Elektrizität, Stahl, Düngemittel oder Zement durch steigende CO2-Preise in Europa im internationalen Wettbewerb keine Nachteile erleiden, ist ein CO2-Grenzausgleich (CBAM – Carbon Border Adjustment Mechanism) vorgesehen. Außereuropäische Wettbewerber, die niedrigere oder keine CO2-Preise ansetzen müssen, sollen einen CO2-Einfuhrzoll zahlen.

  4. Ausbau der erneuerbaren Energien

    Bis zum Jahr 2030 sollen in Europa die erneuerbaren Energien einen Anteil von 38 bis 40 Prozent am Endenergieverbrauch ausmachen. Auf nationaler Ebene sollen daraus indikative Ziele zu erneuerbaren Energien für Gebäude und Industrie abgeleitet werden. Neue Zielwerte für alternative Treibstoffe sowie ein EU-Herkunftsnachweissystem für grünen Strom sollen den Einsatz der erneuerbaren Energien ankurbeln.

  5. Ausweitung der Energieeffizienz

    Verpflichtende Energie-Audits und -Managementsysteme sollen nicht mehr an Art und Größe von Unternehmen festgemacht werden, sondern an der Höhe des Energieverbrauchs. Ansonsten soll die öffentliche Hand beim Energiesparen vorbildlich vorangehen und die energieeffiziente Gebäudesanierung weiter gestärkt werden.

  6. Null-CO2-Emissionen-Vorgabe für Automobile

    Bereits ab 2035 sollen neu zugelassene Pkw und Vans komplett emissionsfrei sein, was Verbrennungsmotoren obsolet macht. Bei alternativen Kraftstoffen legt die EU den Schwerpunkt auf Strom und Wasserstoff. Zugleich soll die Ladeinfrastruktur für E-Autos ausgebaut werden.

Die Ziegelei Hörl & Hartmann hat auf viele der EU-Klimavorgaben bereits eine Antwort. In allen sechs Ziegelwerken reduzieren der Einsatz von Gas als Energieträger – bis 2012 war es schweres Heizöl – sowie Rauchgasnachverbrennungsanlagen den Treibhausgasausstoß kontinuierlich. Photovoltaik in allen Werken und ein eigenes Windrad im Dachauer Betrieb liefern regenerativen Strom. »Am Standort Dachau sind wir durch Wind und Sonne inzwischen sogar zu 100 Prozent stromautark«, freut sich Dominik Gerber (27), Nachhaltigkeitsexperte des Unternehmens.

Frage der unternehmerischen und persönlichen Verantwortung

Energiesparmaßnahmen gehören ebenfalls zur Klimastrategie: »Mit allen Ersatzinvestitionen in Maschinen und Anlagen steigt die Energieeffizienz. Wir optimieren unsere Prozesse, damit beispielsweise weniger Ausschuss entsteht. Auch das spart CO2«, betont Gerber. Aktuell arbeitet der Betrieb daran, Transport und Logistik klimafreundlicher zu machen und CO2-Ausgleichsprojekte umzusetzen.

Durch all diese Maßnahmen sieht sich das Unternehmen auf den europäischen Emissionshandel gut vorbereitet. Stand jetzt benötigt es unter den strengeren Bedingungen des Fit-for-55-Pakets keine weiteren Emissionszertifikate. »Wir kämpfen unter anderem auch im Emissionshandel bisweilen sehr mit der Bürokratie und hoffen, dass der Green Deal die Bürokratielast nicht erhöht«, sagt Geschäftsführer Matthias Hörl. »Aber Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind für uns eine Frage der unternehmerischen und persönlichen Verantwortung. Deshalb machen wir weiter.«

Die Chancen sehen

»Von zahlreichen Vorgaben kann die deutsche Wirtschaft profitieren. Insbesondere im Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien sind wir gut aufgestellt«, erklärt Till Bullmann (39), Experte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Fokussierung auf die CO2-Bepreisung werde von der Wirtschaft positiv bewertet: »Der ETS ist ein marktnahes Instrument und hat sich bewährt. Solche Instrumente wie auch die Ausweitung auf Wärme und Verkehr befürworten wir. Die jetzige Verknappung der CO2-Zertifikate und die damit zwangsläufig steigenden CO2-Preise verstärken die Notwendigkeit für die Unternehmen, in CO2-freie Technologien zu investieren.«

Sorge bereite den Betrieben jedoch die Auswirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit etwa durch den Grenzausgleichsmechanismus: »Deutschland ist eine Exportnation: Wir bräuchten eher einen Ausgleich, der unsere Produkte, wenn sie durch die steigenden CO2-Preise teurer werden, im Ausland wettbewerbsfähig macht«, sagt Bullmann.

Forderung nach mehr Technologieoffenheit

Auch das Aus für den Verbrennungsmotor könnte problematisch werden. »Die Hersteller stellen sich zwar bereits um, aber viele mittelständische Zulieferer verlieren ihr Geschäftsmodell, wenn die EU allein auf Elektroantriebe setzt. Synthetische Kraftstoffe in Verbrennungsmotoren können so langfristig nicht zum Zuge kommen. Hier sollte mehr Technologieoffenheit auch mit Blick auf andere regionale Märkte zugelassen werden«, so der DIHK-Experte.

Viel Erfahrung in Nachhaltigkeits- und Klimaschutzfragen, die sich für Unternehmen aus dem Green Deal ergeben, hat auch die Münchner BayWa AG. Erste Einzelmaßnahmen startete das Unternehmen 2014, seit 2018 gibt es eine konzern- weite Klimastrategie mit dem Ziel, ab 2030 klimaneutral zu wirtschaften. »Wir haben bislang schon einiges erreicht«, erklärt BayWa-Nachhaltigkeitsexperte Hendrik Marx (27). So deckt das Unternehmen den Strombedarf seit 2020 konzernweit allein aus regenerativen Energien. Ökostromtarife, eigene Photovoltaikanlagen und Grünstromzertifikate sind hier die Mittel der Wahl.

Maßnahmenbündel

Das Unternehmen plant bis 2025 zusätzliche zehn Gigawatt (GW) an regenerativen Erzeugungskapazitäten. Bisher sind durch den Bau von Wind- und Photovoltaikparks sowie die Lieferung von Solarkomponenten und -systemen durch das Geschäftsfeld BayWa r.e. bereits fünf GW erreicht. Bei Transport und Logistik wird der Fuhrpark auf emissionsärmere Fahrzeuge umgestellt, außerdem werden die Fahrer trainiert, kraftstoff- und damit CO2-sparender zu fahren. Energetische Gebäudesanierung, LED-Beleuchtung oder energiesparende IT-Geräte tragen ebenfalls zur CO2-Reduktion bei. Darüber hinaus sind internationale CO2-Kompensationen, etwa mit Aufforstungs- und Energieeffizienzprojekten, Bestandteil der Klimaschutzmaßnahmen.

»Auch unsere Geschäftspartner und Zulieferer holen wir mit ins Boot und arbeiten mit ihnen gemeinsam an der CO2-Reduktion«, betont Marx. »Wir haben als Unternehmen viele Hebel, um das Klima zu schützen und die Nachhaltigkeit voranzubringen – und nutzen sie aus Überzeugung.«

Befähigt zur Umsetzung

Damit die Wirtschaft das Fit-for-55-Paket besser umsetzen kann, sind auf jeden Fall flankierende Maßnahmen auf nationaler Ebene nötig, ergänzt Julia Goebel, Referentin für Energie- und Klimapolitik bei der IHK für München und Oberbayern. Bürokratieabbau in der Genehmigungspraxis von Anlagen erneuerbarer Energien und von Stromnetzen sowie eine Senkung der Stromsteuer gehören dazu. Außerdem müssen weitere Strompreisumlagen wie EEG, KWKG oder die Konzessionsab-abe auf den Prüfstand. Es brauche zudem mehr niederschwellig zugängliche und technologieoffene Förderung, beispielsweise im Bereich der betrieblichen CO2-Bilanzierung oder der Forschungskooperationen in besonders innovativen Bereichen der Klimaschutztechnologie. Goebel: »Die Unternehmen sollten finanziell, organisatorisch und personell befähigt werden, das EU-Paket umzusetzen.«

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