Lösung finden statt streiten

Mediation als Alternative zu Gerichtsprozessen: mit der konsensorientierten Verhandlungsmethode zu fairen Lösungen.
Von Melanie Rübartsch, IHK-Magazin 04/2025
Es ist ein realer Fall aus der Praxis: Ein Unternehmer auf der Suche nach neuen Geschäftsräumen auf der einen Seite, ein Vermieter, der eine moderne Büroimmobilie mit Lagerräumen bauen möchte, auf der anderen. Beide schließen einen Mietvertrag über 20 Jahre. Die Anforderungen des Mieters sollen direkt in die Planungen mit einfließen.
Mitten im Bauprozess zeichnet sich jedoch ab, dass die Räume den Bedarf des Unternehmers nicht decken werden. Außerdem hat sich der Markt geändert – günstigerer Mietraum ist vorhanden. Kurzum: Der Unternehmer will raus aus dem Vertrag.
Konkurrierende Positionen – mit dem Willen zur Einigung
In einem anderen Praxisfall entwickelt ein Unternehmen Computerspiele. Ein wichtiger Mitarbeiter mit vielen kreativen Ideen möchte künftig eigene Wege gehen und dafür einige seiner im Unternehmen entwickelten Konzepte mitnehmen.
In beiden Fällen stehen sich 2 Vertragsparteien mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen und rechtlichen Positionen gegenüber. In beiden Fällen ist zugleich der Wunsch vorhanden, den Weg auch in Zukunft gemeinsam fortzusetzen.
Schließlich sind die Beteiligten deshalb statt vor einem Gericht bei Jost Hieronymus gelandet– einem Mediator aus München. Mit ihm als Vermittler konnten sie nach jeweils 3 Terminen gemeinsame Lösungen finden.
2 Beispielfälle, 2 versöhnliche Lösungsansätze
Im 1. Fall haben die Parteien die Planungen, so gut es zu dem Zeitpunkt noch ging, nochmals an die Bedürfnisse des Mieters angepasst und die Mindestvertragslaufzeit von 20 auf 5 Jahre gekürzt. „So war die Finanzierung des Vermieters nicht gefährdet und der Mieter war zugleich flexibler in der Bürosuche“, berichtet Hieronymus.
Im 2. Fall machte sich der Mitarbeiter mit seinen Ideen selbstständig – sein ehemaliger Arbeitgeber stieg als Investor in das Start-up ein. „So konnte das Unternehmen dem Wunsch des Mitarbeiters nach Eigenständigkeit entsprechen, aber dennoch weiterhin an seiner Kreativität teilhaben“, so Hieronymus.
Ziel: ein fairer, machbarer Konsens
Mediation ist ein moderiertes Verhandlungsverfahren, bei dem die Parteien eine eigene Lösung finden. „Ziel ist es, einen fairen, interessengerechten und für beide Seiten machbaren Konsens zu vereinbaren“, erklärt Anke Beyer, die wie Hieronymus seit mehr als 20 Jahren im Konfliktmanagement in München tätig ist.
IHK-Info: IHK Mediationszentrum
Das IHK MediationsZentrum München bietet Unterstützung bei außergerichtlichen Verfahren zur Konfliktlösung an. Unternehmen erhalten auf Wunsch eine umfassende Beratung über die Möglichkeiten der alternativen Streitbeilegung und Hilfe bei der Suche nach einem passenden Experten. Auf Antrag unterstützt das Zentrum zudem bei der Anbahnung und Durchführung von Mediationsverfahren.
Alternativ können Unternehmen auch über den Mediatorenpool der IHK auf die Suche nach einer geeigneten Person gehen. Der Pool enthält rund 130 qualifizierte Experten mit nachgewiesener Mediatoren-Ausbildung.
Professionelle Mediatoren verfügen über eine geeignete Mediationsausbildung entsprechend den Anforderungen des Mediationsgesetzes. Sie agieren unabhängig von den beteiligten Personen, sind allparteilich als Herr oder Herrin des Verfahrens tätig und zu Verschwiegenheit verpflichtet.
Ihr Background ist unterschiedlich. Zu Mediatoren bilden sich oft Rechtsanwälte fort, genauso wie zum Beispiel Psychologen, Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler oder Personalspezialisten.
Erfolgsquote bei 80 Prozent
Sowohl Anke Beyer als auch Jost Hieronymus sind Mitglieder im Mediatorenpool der IHK für München und Oberbayern (s. Kasten am Textende). „Wir sehen deutlich, dass das Interesse daran auch bei unseren Mitgliedsunternehmen wächst“, sagt IHK-Referatsleiter Volker Schlehe. Inzwischen sind es bereits mehrere 100 Verfahren, die über das IHK MediationsZentrum gestartet wurden. „In rund 80 Prozent der Fälle führt die Mediation zu Lösungen, die den vorhandenen Kuchen für beide Parteien ein Stück weit vergrößern – also für beide Seiten Positives bringen“, so Schlehe.
Vermittelt durch eine Mediation finden die Parteien eine selbst bestimmte, in der Regel kaufmännische Lösung. Das ist für Beyer der entscheidende Vorteil gegenüber einem Rechtsstreit. „Vor Gericht entscheidet ein Richter als konfliktfremder Dritter eine konkrete Rechtsfrage und gibt die Lösung verbindlich vor.“ Es geht um die Frage: Hat jemand einen rechtlichen Anspruch und kann er einen bestimmten Sachverhalt beweisen?
Mediator: Interessensforscher und Vermittler
„Bei der Mediation ist hingegen – natürlich auf Basis des geltenden Rechts – Raum für individuellere Gestaltungen“, so die Mediatorin. Wichtigste Schritte einer Mediation seien, den Parteien erst einmal neutral zuzuhören und ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Interessenlagen zu verstehen. „Auf diese Weise erreicht man oft erst den eigentlichen Kern der Konflikte“, ist Beyer überzeugt.
Wegen dieses Vorgehens bezeichnet Hieronymus sich selbst auch als „Interessenforscher“. Er trifft sich in der Regel erst einmal allein mit den einzelnen Parteien, um ihre jeweilige Geschichte anzuhören. „In den gemeinsamen Terminen geht es dann darum, dass die Parteien die verschiedenen Interessen, Sichtweisen und Forderungen verstehen und sich annähern“, berichtet er. „Was willst du? Was will ich? Und wie bekommen wir möglichst viel davon unter einen Hut und können den Raum für eine Lösung kreativ erweitern?“
Zeitaufwand und Kosten überschaubar
So kristallisiert sich dann Schritt für Schritt der Konsens heraus, der anschließend in einer – auf Wunsch auch vollstreckbaren – Abschlussvereinbarung schriftlich festgehalten wird. „Gerade im wirtschaftlichen Kontext sind bei den Terminen oft auch Rechtsanwälte der Parteien dabei“, berichtet der Mediator. Das sei insofern sinnvoll, da sie ihren Mandanten im Vorfeld und während der Verhandlungen erklären können, was welcher Kompromiss rein rechtlich bedeutet und welche Folgen er haben könnte.
Wie lange eine Mediation dauert, kommt auf den Sachverhalt an. In der Regel ist sie deutlich kürzer als ein Gerichtsverfahren. Hieronymus braucht im Durchschnitt 2 bis 3 Treffen, was 8 bis 10 Stunden entspricht. Auch die Kosten sind überschaubar. Die meisten Mediatoren rechnen nach Stundensätzen ab, die zwischen 100 und 500 Euro liegen können.
Wird ein Mediationsantrag über die IHK administriert, kommt ein streitwertabhängiges Verfahrensentgelt von bis zu 2.500 Euro für die IHK hinzu.
Gut bei langjährigen Geschäftspartnern – und innerhalb von Unternehmen
Thematisch gibt es kaum Grenzen. Bei Konflikten zwischen Unternehmen ist die Mediation aus Sicht von Hieronymus besonders geeignet, wenn die Parteien längerfristige Geschäftsbeziehungen haben und auch in Zukunft haben wollen. Sinnvoll kann das Verfahren zudem bei sehr komplexen gesellschafts- oder baurechtlichen Sachverhalten sein.
„Nicht nur zwischen 2 Unternehmen, sondern auch innerhalb eines Unternehmens gibt es verschiedene Anwendungsfälle“, ergänzt Mediatorin Beyer. Das können Teamkonflikte sein, projektbegleitende Mediationen oder eine Moderation bei Unternehmensnachfolgen oder -gründungen. „In diesen Fällen setzen sich die Gründer oder Familien ebenfalls an einen Tisch und formulieren gegenseitig, welche Ziele, Sorgen oder Wünsche sie haben. So gelangen sie zu einem gemeinsamen Verständnis über die Zukunft des Unternehmens.“
Rechthaberei hinderlich
Wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Mediation sei, dass die Parteien noch miteinander reden können und auch wollen. „Hilfreich ist ebenfalls, wenn sie nicht unter allen Umständen recht haben müssen“, betont Beyer.
An diese Regeln hielten sich auch die Vertreter eines Autoteile produzierenden Unternehmens und eines Zulieferers, die die Mediatorin konsultiert hatten. Ein gemeinsamer Kunde hatte sich über die Qualität des Produkts beschwert und wollte die Charge nicht akzeptieren.
Verlust teilen, Kommunikation verbessern
Die Unternehmen hätten nun lange darüber streiten können, wer von beiden den Qualitätsverlust verschuldet hatte und dafür geradestehen muss. Der Kunde wäre dann eventuell abgesprungen. „Stattdessen haben sich die Parteien darauf verständigt, den Verlust aufzuteilen, einen gemeinsamen Qualitätsmanagementprozess aufzusetzen und an besserer Kommunikation zu arbeiten“, so Beyer. Der Kunde blieb.
IHK-Info: 6. Bayerischer Mediationstag 2025
„Inspirationen für ein innovatives Konfliktmanagement“ lautet das Motto des 6. Bayerischen Mediationstags am 21. Mai 2025 ab 13 Uhr am IHK-Campus.. Austausch und Information zum Beispiel über ausländische Vorbilder, Praxis oder neue Forschungsergebnisse stehen dabei im Mittelpunkt.
Veranstaltet wird der Mediationstag von der IHK sowie dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz, den bayerischen Rechtsanwaltskammern, der Landesnotarkammer Bayern, dem Bayerische Anwaltsverband und der MediationsZentrale.