Raus aus dem Tief

Wenn Unternehmer eine Krise früh erkennen und sofort gezielt gegensteuern, können sie den Turnaround schaffen – finanziell wie emotional. Wie das gelingt.
Von Eva Müller-Tauber, IHK-Magazin 03/2025
Einen Rechnungseingangsordner? Den brauchte Rooben Haraped lange nicht. „Auch wenn das Geschäft immer wieder schwankend verlief, meine Rechnungen habe ich seit Jahrzehnten immer sofort bezahlt“, betont der Inhaber der Euro-Taxi Handels-GmbH München.
Doch dann kam Corona, der Absatz brach ein. Viele Taxler wechselten in andere Berufe. Ein Teufelskreis: ohne Umsatz kein Geld für Gehälter, ohne Fahrer kein Umsatz. Auch Harapeds zweite Ertragsquelle, die Kfz-Werkstatt, warf nicht genügend Geld ab. Der heute 62-Jährige beantragte Überbrückungshilfe, die zum Überleben der Firma aber nicht ausreichte. Er war gezwungen, einen hohen KfW-Kredit aufzunehmen. So blieb die Firma liquide.
IHK-Krisenberatung der Wendepunkt
Der erhoffte Aufschwung nach der Pandemie blieb jedoch aus. Die Langzeitfolgen von Corona und der Wandel im Individualverkehr machten dem Unternehmer immer mehr zu schaffen. Hinzu kamen die Tilgungsraten für den Kredit. Schweren Herzens bat Haraped bei langjährigen Partnern um Zahlungsaufschub. In der Sorge um den Fortbestand seines Geschäfts, das er mehr als 30 Jahre betrieben hatte, landete er schließlich bei der Krisenberatung der IHK – das war der Wendepunkt.
„Schon im ersten Telefonat stellte der Berater wichtige Fragen, die mir halfen, das Thema fokussiert anzugehen“, sagt der Unternehmer. Haraped machte eine detaillierte zahlenbasierte Ist-Analyse und, darauf aufbauend, eine Zukunftsplanung: Wo genau steht das Unternehmen, vor allem finanziell? Was genau sind die Gründe für die derzeitige Schieflage? Wie lässt sich die Liquidität erhöhen? Was ist notwendig, um die Ertragsstärke zu verbessern? Wie lässt sich die Firma langfristig stabilisieren? Ist das Unternehmen noch rentabel?
Konkret gegengesteuert
Dem Firmenchef wurde durch den kontinuierlichen Austausch mit seinem IHK-Krisenberater klar, an welchen Stellschrauben er zuerst drehen musste: Er investierte weitere Eigenmittel. Zudem holte er einen zusätzlichen Fahrtenvermittler ins Boot, um die Auftragslage im Taxibereich zu verbessern. Er erweiterte seine Werkstattleistungen und kalkulierte Preise neu. „Eine Blume macht noch keinen Frühling, aber wir sind aus dem Gröbsten raus und es geht weiter bergauf, mittlerweile konnte ich schon wieder neue Taximitarbeiter einstellen“, freut sich Haraped.
Das Beispiel zeigt, dass eine wirtschaftliche Schieflage mit Umsatzeinbrüchen und finanziellen Problemen nicht das Ende bedeuten muss. „Vorausgesetzt, Unternehmer reagieren frühzeitig und machen ihre Hausaufgaben“, sagt Wolfgang Wadlinger, betriebswirtschaftlicher Berater bei der IHK. Dann gebe es eine realistische Chance, dass eine Firma auch durch turbulente Zeiten kommt.
BWA als roter Faden der Finanzplanung
Wichtig ist vor allem eine solide Finanz- und Liquiditätsplanung: Wie ist der Geldfluss? Was habe ich als Unternehmer für Mittel? Wo kann ich gegebenenfalls vorübergehend Mittel bekommen, um eine finanzielle Durststrecke zu überbrücken? Wie kann ich meinen Verbindlichkeiten nachkommen, damit ich nicht wegen (drohender) Zahlungsunfähigkeit insolvenzantragspflichtig werde? Zur Beantwortung dieser Fragen eignet sich die betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) als roter Faden.
„Nur wenn wir genau wissen, wo es hakt, können wir auch Maßnahmen empfehlen, sodass das Unternehmen gute Chancen hat, wenn es zügig gegensteuert“, so Berater Wadlinger. Dabei gelte es, leichte Fehler zu vermeiden. „Ein guter Umsatz bedeutet eben nicht immer einen hohen Gewinn“, warnt der IHK-Experte. „Und die Tilgungsraten für ein Darlehen können auf lange Sicht eine Belastung sein.“
Ein- und Ausgaben detailliert dokumentieren
Darüber hinaus gelte es, die künftige Entwicklung auf Basis realistischer Zahlen zu prognostizieren. „Gerade wenn es finanziell eng wird, muss ich zudem genau dokumentieren, wann welche Rechnungen und welche Einnahmen reinkommen“, so Wadlinger. Im Ernstfall sei es darüber hinaus ratsam, die größeren Gläubiger um Zahlungsaufschub zu bitten, um sich kurzfristig Luft zu verschaffen.
Krisenthermometer zur Standortbestimmung
Hilfreiche Tools zur Selbsteinschätzung gibt es beispielsweise in der Unternehmenswerkstatt Deutschland UWD (siehe Kasten unten). Das Portal ist die zentrale Anlaufstelle von 60 IHKs, darunter auch die IHK für München und Oberbayern, in den Bereichen Existenzgründung, Unternehmenssicherung und -nachfolge.
Es bietet unter anderem ein Krisenthermometer zur Standortbestimmung, „ein niederschwelliges Angebot, das schnell offenbart, ob und, wenn ja, wo ich ein Problem habe“, so Wadlinger. Ergänzt wird das Onlinetool durch die persönliche IHK-Krisenberatung.
Diese individuelle Unterstützung war für Frederike Krämer* (*richtiger Name der Redaktion bekannt) ein Schlüsselfaktor, um ihr Unternehmen zu stabilisieren. Durch Probleme mit einem Mitgesellschafter war die Dienstleistungsfirma in eine Schieflage geraten. Anfangs investierte die Unternehmerin Eigenmittel, um das Überleben des Betriebs zu sichern. „Aber das kann ja keine Dauerlösung sein“, so Krämer.
Auf Kernkompetenzen konzentrieren
Nachdem einige Monate lang keine Besserung absehbar war, suchte die 57-Jährige Unterstützung bei der IHK. „Ich war zwischenzeitlich wie paralysiert“, erinnert sie sich. „Es war wichtig, unsere Lage mit einem Fachmann zu besprechen und alles zu ordnen.“ IHK-Berater Wadlinger analysierte die Unternehmensdaten, die Krämer detailliert aufbereitet hatte. „Sie führen nachweislich ein wettbewerbsfähiges Unternehmen mit einem bewährten eingespielten Team und einem festen Kundenstamm“, stellte er fest, „konzentrieren Sie sich auf Ihre Kompetenzen.“
Das war der Schlüsselsatz, der Krämer Auftrieb gab. Neu motiviert, ging sie an die Akquise, reaktivierte frühere Kunden und schaffte es, einen größeren Auftrag an Land zu ziehen. Es ging zusehends bergauf. Im Sommer 2024 kam die Trendwende: „Von Juni bis November haben wir unseren Umsatz verdoppelt“, freut sie sich. Ein neues Projekt für 2025 sei ebenfalls am Start.
„Lieber pessimistisch kalkulieren“
Auch Taxiunternehmer Haraped hat seine Zahlen mittlerweile fest im Blick. „Auch wenn man im Tagesgeschäft oft gefangen scheint – man darf nicht warten, bis der Baum schief gewachsen ist“, sagt er. „Man muss stets nach links und nach rechts schauen und vorausschauend planen, agieren – sonst reagiert man nur noch.“ Auch sei es sinnvoll, pessimistisch zu kalkulieren, „und wenn es besser läuft, umso erfreulicher“. Und wenn nicht? „Dann sollte man sich nicht scheuen, externe Hilfe zu suchen und anzunehmen“, sagt Haraped. „Der Blick von außen schafft Klarheit.“
IHK-Info: Unternehmenswerkstatt UWD und IHK-Ratgeber
- Ob Existenzgründung, Unternehmenssicherung oder Nachfolge: In jeder Phase können externe Unterstützung, Beratung sowie ein Austausch mit Fachleuten und anderen Unternehmern sinnvoll und hilfreich sein. All dies leistet die Unternehmenswerkstatt Deutschland (UWD). Die Plattform, an der 60 IHKs teilnehmen, verbindet die Vorteile der digitalen Welt mit persönlicher Betreuung.
- Darüber hinaus bietet die IHK für München und Oberbayern einen IHK-Ratgeber „Krisenmanagement“