Betrieb + Praxis

Lieferanten auf dem Prüfstand

mauritius images/Erberto Zani/Alamy ©
Eine Frage der Herkunft – Illegaler Kobaltabbau in Uganda

Das Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten stellt neue Anforderungen an Unternehmen. Wie digitale Tools und Technologien Firmen bei der Umsetzung helfen können.

Josef Stelzer, Ausgabe 10/2021

Zahlreiche Unternehmen sind eng in internationale Lieferketten eingebunden. Häufig kommen etwa Rohstoffe oder Bauteile aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Das Spektrum reicht von Kaffee bis hin zu Metallen wie dem meist aus dem Kongo stammenden Kobalt, bekannt als Bestandteil von Batterien in Elektroautos und Handys.

Doch die Einhaltung von sozialen und ökologischen Mindeststandards, wie beispielsweise des Verbots von Kinderarbeit, ist immer noch nicht überall selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund hat der Bundestag am 11. Juni 2021 das Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten beschlossen, kurz Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder Lieferkettengesetz. Damit werden von 2023 an zunächst größere Unternehmen ab 3.000 Mitarbeiter mit Sitz in Deutschland verpflichtet, Menschenrechte und Umweltstandards entlang ihrer Lieferkette zu beachten. Ein Jahr später gelten die Anforderungen für alle Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten.

Überblick über die Lieferkette verschaffen - »Bemühenspflicht«

Für viele Betriebe liegt die Herausforderung nun darin, sich einen Überblick über ihre gesamte Lieferkette bis hin zur Rohstoffgewinnung zu verschaffen und nachzuweisen, dass sie den im Gesetz beschriebenen Sorgfaltspflichten nachkommen. Dazu gehören unter anderem die Vermeidung von Sklaverei, Kinderarbeit sowie umweltbezogene Pflichten zum Gesundheitsschutz.

Das Gesetz begründet dabei eine »Bemühenspflicht« und keine »Erfolgspflicht«. Unternehmen müssen also nachweisen können, dass sie die im Gesetz beschriebenen Sorgfaltspflichten erfüllt haben, die vor dem Hintergrund ihres individuellen Kontextes machbar und angemessen sind. Neue Technologien wie die Blockchain können Unternehmen dabei helfen, ihre Lieferketten transparent abzubilden und ihrer Sorgfaltspflicht nachzukommen. Bei einer Blockchain handelt es sich um verschlüsselte, erweiterbare Ketten von Datenblöcken, die dezentral in Computernetzwerken an verschiedenen Orten gespeichert sind. Die Technologie gilt als sicher und kaum manipulierbar.

Alle Daten in der Blockchain

Die Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA) in Bonn hat mit Blick auf transparente Lieferketten die Blockchain-Lösung INATrace entwickelt. Zum Einsatz kommt sie aktuell für den Hochlandkaffee Angelique’s Finest, den Frauenkooperativen aus Ruanda produzieren. Andrea Burkhardt (48), INA-Teamleiterin Digitalisierung für nachhaltige Agrarlieferketten, unterstreicht: »INATrace ist die erste quelloffene und übertragbare Rückverfolgbarkeitslösung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.« Sie bilde die Lieferkette von den Kaffeeproduzenten bis zu den Käufern in Deutschland digital ab. »Diese Transparenz stärkt die Kundenbindung«, ist Burkhardt überzeugt.

Das System erfasst unter anderem Informationen zur Nachhaltigkeit in der Produktion des Kaffees mit Zertifikaten. Nach dem Scan des QR-Codes auf der Verpackung kann man die Angaben über die beteiligten Akteure in den einzelnen Stufen der Kaffeeherstellung samt der gezahlten Preise sowie zusätzliche Informationen digital abrufen. »INATrace lässt sich für weitere Lieferketten nutzen, ist in anderen Sektoren sowie weltweit anwendbar und stößt in der Wirtschaft auf großes Interesse«, ergänzt Burkhardt.

Automatische Überwachung sozialer Medien

Auch andere digitale Tools können Betriebe bei der Erfüllung ihrer Sorgfaltspflichten unterstützen. So ermöglicht die Integrity Next GmbH es Unternehmen, die Nachhaltigkeit ihrer Lieferanten digital selbst zu überwachen. Auf der Onlineplattform des Münchner Softwareherstellers füllen die Lieferanten zunächst vorgefertigte Fragebögen zu verschiedenen Themenbereichen aus. Dabei sind alle zentralen, gesetzlich relevanten Aspekte wie Menschen- und Arbeitsrechte, Arbeitssicherheit, Umweltschutz sowie CO2-Emissionen abgedeckt.

Die Plattform holt die Selbstauskünfte und die entsprechenden Zertifikate der Kundenlieferanten ein und überwacht automatisch, ob etwa in sozialen Medien sowie anderen online verfügbaren Quellen Negativmeldungen über einzelne Lieferanten auftauchen. »Unser System prüft für unsere Kunden täglich insgesamt rund eine Milliarde Nachrichten weltweit, um kontinuierlich Risiken zu ermitteln«, erklärt Geschäftsführer Martin Berr-Sorokin. Damit lassen sich im Grunde alle Lieferanten digital kontrollieren. »Die Plattform unterstützt Unternehmen massiv dabei, die Vorgaben des neuen Lieferkettengesetzes rechtssicher und ressourcenschonend umzusetzen«, so der Unternehmer.

Warnmeldungen in Echtzeit

Die gesammelten Daten sind jederzeit auf der Plattform einsehbar und als Bericht exportierbar, Warnmeldungen werden in Echtzeit versendet. Bei potenziellen Risiken können die Unternehmen somit frühzeitig entsprechende Maßnahmen ergreifen. »Mehr als 750.000 Unternehmen gehören bereits zum Integrity-Next-Netzwerk, darunter Kunden wie DMG Mori, Osram, Jungheinrich, Evonik, Melitta, RWE und Deutsche Börse, die damit bereits heute ihre künftigen Sorgfaltspflichten größtenteils erfüllen«, so Berr-Sorokin.

Kostenfreie, vertrauliche Erstberatung

Anlaufstelle bei Fragen zum Lieferkettengesetz ist der »Helpdesk Wirtschaft & Menschenrechte« der Bundesregierung. Er bietet Betrieben kostenfrei eine vertrauliche Erstberatung zur Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltsprozesse sowie zu Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten im Bereich Nachhaltigkeit – persönlich, telefonisch oder per E-Mail.

Verwandte Themen