Standortpolitik | Mobilität

Mehr Power im Speicher

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Geschäft soll sich vervielfachen – Fertigung von Batteriesystemen bei Webasto in Schierling

Moderne Batterietechnik bietet nicht nur für Elektroautos mehr Reichweite. Unternehmen in Bayern entwickeln zukunftsweisende Batteriesysteme auch für Schiffe, Baufahrzeuge und Roboter

Josef Stelzer, Ausgabe 02/21

Moderne Lithium-Ionen-Batterien machen es möglich: Elektroautos sind einige Hundert Kilometer ohne Nachladen unterwegs. Damit jedoch sind die Potenziale der Technik längst nicht ausgeschöpft. Mittlerweile stellen die mobilen Stromspeicher in vielen Einsatzfeldern gleichsam das Herzstück der Elektrifizierung – vom Nutzfahrzeug bis zur Schifffahrt. Auch Unternehmen in Bayern setzen auf die vielversprechende Technik, entwickeln selbst innovative Lösungen und steigen verstärkt ins Batteriegeschäft ein.

Produktion von eigenen Lithium-Ionen-Zellen

Zentraler Baustein der Batteriesysteme sind die Zellen, die den Strom für Elektromotoren bereitstellen. Die Antriebsbatterien moderner Elektrofahrzeuge enthalten Tausende dieser meist zylindrisch geformten Batteriezellen. Sie kommen bisher in der Regel aus Asien. Der Autohersteller BMW AG startete 2019 in München das Kompetenzzentrum Batteriezelle. Im Fokus der Zellentwicklung stehen dort Aspekte wie die Verbesserung der Energiedichte für größere Reichweiten, eine längere Lebensdauer sowie Kostensenkungen. Ergänzt wird das Projekt durch ein neues BMW-Pilotwerk in Parsdorf bei München, das ab Ende 2022 mit der Produktion von eigenen Lithium-Ionen-Zellen beginnt, die im Rahmen der Entwicklung und Erprobung von Elektroautos zum Einsatz kommen sollen.

Besonders widerstandsfähig

Doch nicht nur Großunternehmen zeigen mit innovativen Lösungen, was sie können. Im oberbayerischen Gilching produziert die aentron GmbH selbst entwickelte Lithium-Ionen-Systeme. »Unsere Batterien haben wir vor allem für größtmögliche Widerstandsfähigkeit gegen äußere Einflüsse wie Staub und Wasser ausgelegt, sodass sie auch extremen Belastungen standhalten, etwa beim Einsatz in der Schifffahrt oder für Bauprojekte«, betontJan Brandt (53), kaufmännischer Geschäftsführer des 2015 gegründeten Unternehmens. Die aentron-Batterien liefern die Energie für die solarelektrisch betriebenen, rund 37 Meter langen Katamarane, die seit Sommer 2020 in Berlin touristisch auf der Spree unterwegs sind. »Die Energieversorgung ist für einen vollen Betriebstag immer gesichert«, verspricht Brandt. Solarmodule ermöglichen das zusätzliche Laden während der Fahrt.

Aufladung nachts im Hafen

Zudem werden die Antriebsbatterien, die rund fünf Tonnen auf die Waage bringen, ebenso wie die zwei Tonnen schweren Speicher für die Bordstromversorgung nachts im Hafen per Landstrom aufgeladen. Die skalierbaren Batteriepakete des Gilchinger Unternehmens bestehen aus Modulen, die jeweils ein bis zehn Kilowattstunden bereitstellen. Sie kommen mittlerweile in elektrisch angetriebenen Baufahrzeugen im Tunnelbau zum Einsatz, in Logistikrobotern oder in batteriebetriebenen Fütterungsrobotern in Rinderställen.

Auf Wiederverwendung ausgelegt

»Unsere Systeme haben wir von Anfang an so konzipiert, dass wir sie nach Ende des normalen Nutzungszeitraums teilweise wiederverwenden können, etwa die Metallgehäuse für die Batteriezellen samt den zugehörigen Halterungen«, ergänzt der Firmenchef, der derzeit 20 Mitarbeiter beschäftigt. Attraktive Marktchancen erkennt er reichlich, nicht zuletzt in der Schifffahrt.

Auch für Expeditions- und Campingfahrzeuge

Die Systeme sind aber auch in der Stromversorgung von Gebäuden einsetzbar, sie kommen für industrielle Anwendungen infrage oder für Expeditions- und Campingfahrzeuge. »Wir wollen wachsen, Potenziale gibt es für uns europaweit und darüber hinaus mehr als genug«, ist der Unternehmer zuversichtlich.

Auf modulare Lösungen setzt auch die Webasto SE in Stockdorf bei München. Sie hat ein Standard-Batteriesystem für Nutzfahrzeuge entwickelt. Bis zu zehn Batteriemodule lassen sich je nach Einsatzfeld verknüpfen. Die zugehörige »Vehicle Interface Box« dient gleichsam als Schnittstelle der Batterien mit dem Fahrzeug und übernimmt die automatische Systemkonfiguration samt Programmierung.

Damit gewann das Unternehmen im vergangenen Herbst den eMove360° Award für Neue Mobilität in der Kategorie Battery & Powertrain. Überzeugt hat die Jury unter anderem die lange Produktlebensdauer mit den niedrigen Stückpreisen, die günstige Gesamtbetriebskosten ermöglichen. Der Automobilzulieferer hat Anfang 2020 die Produktion von Stromspeichern am Standort Schierling gestartet. Hartung Wilstermann (51), der für die Webasto Batteriesysteme global verantwortlich ist, erwartet, dass sich das Batteriegeschäft des oberbayerischen Unternehmens schon in den kommenden Jahren vervielfachen wird, mit Jahresumsätzen von bis zu einer Milliarde Euro. Der Experte prognostiziert: »Im Jahr 2025 ist Webasto ein international etablierter Anbieter für Batteriesysteme und Partner für die Elektromobilität.«

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