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Mit voller Energie

Wolf Heider-Sawall ©
Marcus Fendt, Mitgründer von The Mobility House

Wie erschließen sich junge Unternehmen einen Markt im Aufbau? The Mobility House hat sich auf Elektromobilität spezialisiert und vermarktet Lade- und Energielösungen.

Josef Stelzer, Ausgabe 12/20

Als Marcus Fendt (51) vor gut zehn Jahren erstmals einen Tesla Roadster steuerte, war er vom elektrischen Fahren auf Anhieb begeistert. Ihm sei schnell klar geworden, welche Vorteile der Elektroantrieb gegenüber dem Verbrennungsmotor biete, zum einen für den Klimaschutz und für die Luftqualität in Ballungsgebieten, »zum anderen wegen des unvergleichlichen Fahrvergnügens, das batteriebetriebene Autos bieten«.

Dass sich gerade für Start-ups dadurch enorme Marktchancen ergeben werden, erschien ihm naheliegend. Gemeinsam mit dem Tiroler Unternehmer Thomas Raffeiner tüftelte der Wirtschaftsingenieur in der Folge an einem zukunftsträchtigen Geschäftsmodell. 2009 gingen sie mit ihrer Neugründung The Mobility House GmbH und fünf Mitarbeitern an den Start. Dieser Schritt hat sich für Fendt, der zuvor für den Luxusgüterhersteller Swarovski das globale Produktmanagement verantwortete und für den Elektronikkonzern Siemens, den Automobilzulieferer Bosch sowie für das Beratungshaus Accenture tätig gewesen war, offenbar als richtig erwiesen.

50 Prozent Zuwachsraten beim Umsatz

Aus dem Start-up hat sich ein Unternehmen mit insgesamt über 140 Mitarbeitern an mehreren Standorten entwickelt. Der Umsatz belief sich 2019 auf rund acht Millionen Euro, die Zuwachsraten lagen in den vergangenen Jahren bei jeweils 50 Prozent. Allerdings muss The Mobility House im Zuge der Coronakrise Umsatzeinbrüche von etwa 30 Prozent hinnehmen.

Jeden Monat über 500.000 Seitenaufrufe im Webshop

Wie ist das Wachstum gelungen? Anfangs standen vorwiegend Beratungsdienste im Fokus, zum Beispiel für mehrere regionale Energieversorger in Österreich. Weitere Kunden wie Renault/Nissan und BMW kamen hinzu. Ein entscheidender Schritt war der Start des Webshops 2016 mit einem rasch wachsenden Produktangebot für die Elektromobilität, etwa Ladesäulen, Wallboxen sowie mobile Ladestationen samt Zubehör. Zu den Lieferanten gehören namhafte Hersteller wie ABB, ABL, Innogy, Mennekes oder Webasto.

»Die steigende Nachfrage in unserem Webshop wurde nicht zuletzt durch die Diskussionen um den Klimawandel und vor allem durch die staatliche Förderung der Elektromobilität massiv angetrieben«, sagt Geschäftsführer Fendt. Pro Monat registriert er über eine halbe Million Seitenaufrufe im Webshop. Von den weltweit rund 15.000 Kunden kommen rund 3.000 aus Bayern.

Mittlerweile hat das Unternehmen mehr als 40.000 Wallboxen und Ladesäulen abgesetzt, darunter auch Schnellladestationen für 40.000 Euro und mehr. Ein Logistikdienstleister nahe Stuttgart sorgt für Lager und Auslieferung. Um die Installation vor Ort kümmern sich über 3.400 Partnerfirmen. Zu den Kunden gehören Konzerne wie Daimler, VW und Audi ebenso wie Privathaushalte, Handwerker und Stadtwerke oder die Immobilienbranche.

In Privathaushalten und Busdepots

Eine weitere Stufe bedeutete 2018 die Eigenentwicklung ChargePilot, eine 15 Zentimeter lange Box samt firmeneigener Software. Damit rüstete The Mobility House unter anderem den deutschen Skoda-Hauptsitz in Weiterstadt aus. ChargePilot ist ein Lade- und Energiemanagementsystem, das »intelligentes, netzoptimiertes und somit kostengünstiges Laden mehrerer Fahrzeuge an einem Standort ermöglicht«, so Fendt.

Zum Einsatz kommt es zum Beispiel in einem Amsterdamer Busdepot für das Nachladen von rund 100 E-Bussen. Damit sinkt die elektrische Leistung, die beim Laden nötig ist, auf ein Fünftel des üblichen Werts. »In Deutschland ergäben sich bei den aktuellen Netzentgelten in diesem Fall dank unserer Lösung jährliche Einsparungen von rund 350.000 Euro«, rechnet Fendt vor, »und das bei einmaligen Investitionen von rund 30.000 Euro.«

Neue Erlösmodelle

Nicht nur Anlagen und Zubehör werden verkauft. »Mittelständische Betriebe fragen immer häufiger nach Beratungsleistungen zum Thema Flottenmanagement für Elektrofahrzeuge, in der Regel verfügen sie über fünf bis 15 betriebseigene Ladepunkte«, berichtet der Unternehmer.
Denkbar sei, dass die Unternehmen mit ihren E-Autos künftig Geld verdienen könnten, wenn sie Strom aus den Fahrzeugbatterien ins öffentliche Netz einspeisen und sich dies vom Energieversorger vergüten lassen. Das Verfahren heißt Vehicle-to-Grid, abgekürzt V2G. »Pro Jahr sind nach unseren Erfahrungen pro Elektrofahrzeug dadurch jährliche Einnahmen von 500 bis 2.000 Euro möglich«, verspricht er. Allerdings werde V2G aktuell noch durch fehlende gesetzliche Regelungen gebremst.

Strom aus Wind in Fahrzeugbatterien zwischenspeichern?

Mit Vehicle-to-Grid ließe sich eine Stromüberproduktion, die häufig durch Windkraftanlagen entsteht, in den Fahrzeugbatterien womöglich zwischenspeichern. »Damit liefern wir einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes, zumal Windkraftanlagen bei zu viel Stromproduktion, die das Netz überlasten könnte, so nicht abgeschaltet werden müssen«, sagt Fendt. »Im Rahmen eines Pilotprojekts, das wir gemeinsam mit dem Übergangsnetzbetreiber Tennet durchführten, konnten wir diesen Effekt im Übrigen schon nachweisen.«

Mittlerweile hat sich The Mobility House als innovative Technologiefirma etabliert. Bestätigt wird dies nicht zuletzt durch die Auszeichnung als einer der weltweit »100 Digital Leaders Automotive«, die das Unternehmen 2019 vom Fachmagazin »Automobilwoche« erhielt.

Stichwort: Kritische Infrastruktur

Die Zahl der Elektro-Pkw ist laut Kraftfahrt-Bundesamt zuletzt deutlich gestiegen. Im Oktober 2020 wurden rund 23.200 Elektroautos neu zugelassen – ein Jahr zuvor waren es im gleichen Monat nur knapp 5.000 Elektro-Pkw gewesen.

Eine wichtige Voraussetzung für diesen Zuwachs ist die verbesserte Infrastruktur für E-Fahrzeuge: Die Zahl der öffentlich zugänglichen Ladesäulen erhöhte sich nach Angaben von Bayern innovativ im Freistaat auf mehr als 9.800.

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