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Gerhard Kellermann ©
Kommt ohne Korpus aus – patentiertes Küchensystem zwischen Schreinerarbeit und Industrieprodukt

Unternehmen brauchen Zukunftskompetenz. Wie es Firmen gelingt, Trends frühzeitig zu erkennen und ihre Strategien darauf abzustimmen, zeigen Beispiele aus der Möbelbranche.

Von Eva Elisabeth Ernst, IHK-Magazin 04/2025

Für Design und Funktionalität eines Produkts ist es wie ein Ritterschlag: Der Prototyp des Küchensystems von J*Gast hat es bis in die Neue Sammlung der Pinakothek der Moderne geschafft. Dort ist er in der Ausstellung „Kitchen Culture“ zu besichtigen. J*Gast ist ein Kollektiv von 5 Industriedesignern und Möbelschreinern, die sich vor gut 8 Jahren zusammentaten, um die Lücke zwischen maßgefertigter Schreinerküche und standardisierter Industrielösung zu schließen.

„Wir hatten immer wieder Anfragen von Investoren, die für neu errichtete Wohnungen größere Pakete an anspruchsvollen Küchen suchten“, sagt Tobias Petri, Mitglied des J*Gast-Kollektivs sowie Geschäftsführer des Interior-Design-Studios Holzrausch Planung GmbH. Aus Kostengründen kamen individuelle Schreinerküchen für diese Kundengruppe nicht infrage. Doch etwas edler sollte es durchaus sein.

40 Prozent Material gespart

Daraufhin entwickelte das Kollektiv ein patentiertes System, das anstelle der bei klassischen Küchen üblichen Korpusse in einigen wenigen vorab definierten Breiten und Tiefen mit einem flexiblen Rahmensystem arbeitet, in das Seitenteile und Böden eingesteckt werden. 

„Das ermöglicht passgenaue Lösungen und spart etwa 40 Prozent Material, weil es keine doppelten Wände und Blenden gibt“, erklärt Petri. „Zudem erleichtert es den Transport, weil keine leeren Kisten durch die Gegend gefahren werden – und auch die Installation ist deutlich einfacher als bei Standard-Korpusküchen.“

Showroom – auch virtuell

Seit 3 Jahren gibt es das System von J*Gast. Die Vermarktung erfolgt größtenteils online, wobei Instagram-Content und -Ads die Hauptrolle spielen. Ausstellungsstücke stehen natürlich nicht nur in der Pinakothek der Moderne, sondern auch im Münchner Showroom von Holzrausch. 

Wer nicht dorthin fahren will, kann sich die Küche am Bildschirm ansehen. „In einem Onlinemeeting können wir mit den Interessenten einen virtuellen Rundgang durch den Showroom machen und die Details der Küche zeigen“, erklärt Petri, ein gelernter Schreiner. „Das ist vergleichbar mit Google Street View und deutlich besser als Fotos oder Videos.“ Ein 3-dimensionaler Küchenkonfigurator für die Website ist in Planung. 

Das Küchensystem demonstriert exemplarisch, welches Potenzial innovative Produkte und Dienstleistungen – auch in klassischen Branchen – besitzen und wie sie die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen erhöhen. J*Gast hat mit den digital unterstützten Verkaufsprozessen, aber vor allem mit dem Küchensystem selbst, das maximale Flexibilität bietet und aus nachhaltigen Materialien besteht, gleich mehrere Trends aufgegriffen, die die Möbel- und Einrichtungsbranche künftig prägen werden. 

Zukunft zum Nachlesen: IHK-Trendreport 

„Neben 3-D-Visualisierung und Augmented Reality sehen wir Smart Furniture, Nachhaltigkeit und Biophilic Design, Multifunktionalität, Personalisierung und Customization als relevante Trends und Themen“, sagt Linda Bandelow, Referentin für Innovation & Entrepreneurship bei der IHK für München und Oberbayern. 

Wer genauer wissen möchte, was hinter diesen Begriffen steckt, kann dies im IHK-Trendreport zur Zukunft der Möbel- und Einrichtungsbranche nachlesen (siehe Kasten unten). „Wir wollen damit insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen dabei unterstützen, neue Technologien und Trends wahrzunehmen und in ihre strategischen Entscheidungen miteinzubeziehen“, sagt Bandelow. 

Über die eigene Branche hinausdenken

Für den Mittelstand könne es im Vergleich zu Großunternehmen deutlich herausfordernder sein, neue Technologien und Entwicklungen wahrzunehmen und sie in konkrete Produkte oder Dienstleistungen zu überführen, sagt Jan Oliver Schwarz, Professor für Strategic Foresight and Trend Analysis an der Technischen Hochschule Ingolstadt und Leiter des Bayerischen Foresight-Instituts. „In Konzernen gibt es dafür hochkarätig besetzte Abteilungen, die sehr strukturiert vorgehen.“ Doch auch kleinere und mittelständische Unternehmen können ihre Zukunftskompetenz erhöhen. 

„Dazu gehört es, den Blick zu weiten, das Umfeld jenseits der eigenen Branche wahrzunehmen und sich vorzustellen, dass sich die eigene Industrie, die eigenen Geschäftsfelder anders entwickeln, als wir uns das heute vorstellen“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. „Letztlich sollte man hinterfragen, ob die Themen, die ein Unternehmen in der Vergangenheit erfolgreich gemacht haben, dies auch künftig tun werden.“ Denn die Zukunft sei durchaus unsicherer geworden und es verändere sich derzeit tatsächlich sehr viel. 

Nicht im Tagesgeschäft verharren

„Allerdings“, so Schwarz weiter, „zeichnen sich manche Entwicklungen bereits seit Jahren und Jahrzehnten ab.“ Über künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit werde schon seit mehr als einem halben Jahrhundert diskutiert und auch die Digitalisierung habe sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr deutlich angekündigt.

Viele mittelständische Unternehmer seien stark ins Tagesgeschäft eingebunden, mit Optimierungen oder Krisenmanagement beschäftigt, beobachtet Schwarz: „Dennoch ist eine gewisse Ambidextrie, also quasi ein beidhändiges Operieren, erforderlich, um eine Idee davon zu bekommen, wo es zukünftig langgeht.“

Kooperationen suchen

Dazu empfiehlt der Experte, über das eigene Unternehmen hinauszublicken. „Der Austausch mit Experten und Entscheidern aus anderen Branchen kann genauso hilfreich sein wie Innovationsprojekte mit Hochschulen, die nicht nur bei Bachelor- und Masterarbeiten sehr gern mit mittelständischen Unternehmen kooperieren.“

Das von ihm geleitete Foresight-Institut der Technischen Hochschule Ingolstadt beleuchtet unter anderem, welche Technologien welche Implikationen für Wirtschaft und Gesellschaft nach sich ziehen und was sie für Unternehmen bedeuten. „Wer will, kann auch eine KI befragen und sich Listen mit Themen zusammenstellen lassen, die für das Unternehmen wichtig werden.“

Internationale Vorreiter erleben

Regionale, nationale und internationale Netzwerke liefern ebenfalls Inspirationen und können sogar zu einer unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit wie beim Kollektiv J*Gast führen. Als weitere Möglichkeit nennt Schwarz Trendsafaris, die von vielen Verbänden angeboten werden. „Den Wandel bei den Vorreitern in internationalen Hotspots zu erleben, ist etwas ganz anderes, als nur davon zu hören oder darüber zu lesen.“

Workshops mit Kunden und Lieferanten seien ebenfalls hilfreich. Und natürlich sollte auch mit den eigenen Führungskräften über Trends und deren Auswirkungen auf das Unternehmen diskutiert werden.

Möglichkeitsräume öffnen

Die nächste Herausforderung besteht darin, den Input in Strategien für das eigene Unternehmen zu gießen. Hier empfiehlt Schwarz, auf der Basis des aktuellen Wissens sogenannte Möglichkeitsräume aufzumachen, indem vielfältige alternative Bilder der Zukunft entwickelt werden.

„Zukunft ist gestaltbar“

Anschließend gilt es zu überlegen, welche Zukunft man für sein Unternehmen will und wie man dahin kommt. „Denn Zukunft ist gestaltbar“, betont Schwarz. „Je früher Veränderungen wahrgenommen werden, desto besser kann man sich vorbereiten.“

IHK-Info: Technologietrends und Foresight-Analysen
  • Foresight ist ein systematischer Prozess, mit dem Unternehmen die Zukunft proaktiv gestalten können. Es geht darum, künftige Entwicklungen und Trends frühzeitig zu erkennen und strategische Entscheidungen darauf abzustimmen.
  • Um Unternehmen dabei zu unterstützen, bietet die neue IHK-Ratgeberseite „Technologietrends und Foresight“ ausführliche Informationen zu technologischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Veränderungen und innovativen Ansätzen.
  • Trendreports liegen derzeit vor für die Möbel- und Einrichtungsbranche sowie den Maschinen- und Anlagenbau. Sie sind kostenfrei abrufbar.

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