Klimaschutz | Betrieb + Praxis
Gestörter Kreislauf

Der Markt für Kunststoffrecycling in Deutschland befindet sich in einer schwierigen Lage. Wo liegen die Ursachen, wie gegensteuern?
Von Eva Müller-Tauber, IHK-Magazin 04/2025
Ziemlich genau 7 Jahre ist es her, dass die EU ihre Kunststoffstrategie formuliert hat. „Wir müssen verhindern, dass Kunststoffe in unser Wasser, unsere Lebensmittel und sogar unsere Körper gelangen. Die einzige langfristige Lösung besteht darin, Kunststoffabfälle zu reduzieren, indem wir sie verstärkt recyceln und wiederverwenden“, betonte der damalige für Klimaschutz zuständige Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans.
Die Strategie sollte dazu beitragen, ein neues, stärker kreislauforientiertes Geschäftsmodell voranzutreiben. „Wir müssen in innovative neue Technologien investieren, die unsere Bürger und unsere Umwelt schützen und gleichzeitig unsere Industrie wettbewerbsfähig halten.“
PET-Recycler stellt Betrieb ein
So weit die Theorie. Die Praxis zeigt derzeit, dass bei Kunststoffen eine Kreislaufwirtschaft auf europäischer Ebene zumindest aktuell auf gravierende Hindernisse stößt. Die Kunststoffrecycling-Industrie in Europa steckt in einer kritischen Lage. Bereits 2023 meldete der Branchenverband Plastics Recyclers Europe (PRE) zahlreiche Standort- und Betriebsschließungen.
So stellte zum Beispiel die Veolia PET Germany GmbH, eines der führenden Unternehmen im europäischen PET-Recycling-Markt, den Betrieb am Standort in Rostock nach 20 Jahren ein. Der Grund: eine negative Marktprognose für den Absatz von recyceltem PET für Getränkeflaschen.
Deutscher Markt besonders betroffen
„Kritisch ist die Situation“, bestätigt Thomas Probst, Hauptreferent Kunststoffrecycling im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) in Bonn. „Viele unserer Betriebe reduzieren ihre Arbeitsschichten, stellen Verarbeitungslinien ab, müssen Kurzarbeit anmelden, legen Betriebspausen ein oder müssen sogar schließen.“
Einer der Hauptgründe: die anhaltend sinkende Nachfrage nach recycelten Kunststoffabfällen aus Deutschland. Der Absatz von Mahlgütern, Regranulaten und Compounds stockt. Die Kunststoffrecycler laufen mit Verarbeitungsware voll und finden für ihre Produkte zu wenige Abnehmer.
Hochwertige Ware, aber nicht konkurrenzfähig
„Unsere Rezyklate sind qualitativ hochwertig, aber energieintensiv in der Aufbereitung und – vor allem wegen der anhaltend hohen Energiekosten hierzulande, die sich auf die Produktionskosten niederschlagen – gegenüber Neuware derzeit vergleichsweise teuer“, so der Experte. Um 45.000 Tonnen Output im Jahr zu generieren, benötige man so viel Energie wie für eine 30.000-Einwohner-Stadt, veranschaulicht er die Dimensionen.
„Hinzu kommt eine Flut von preisgünstigen Rezyklat-Importen aus Nicht-EU-Ländern, sogenannte Off-Spec-Ware, also nichtspezifikationsgerechte Produkte oder solche ohne hinreichende Qualitäts- und Herkunftsnachweise, die den Markt überschwemmen“, erläutert Probst.
Unkontrollierte Importe gefährden Nachhaltigkeit
Etwa die Hälfte der rund 850 Recyclingfirmen im europäischen Wirtschaftsraum verfügen über weniger als 10 Kilotonnen Recyclingkapazität. Das macht es für sie schwer, die derzeitigen Marktherausforderungen zu bewältigen. „Die Lage ist alarmierend“, sagt Ton Emans, Präsident des Branchenverbands PRE. „Die unkontrollierten Importe gefährden nicht nur die Nachhaltigkeit unserer Recyclingprozesse, sondern auch die umfangreichen Investitionen, die in den vergangenen Jahren in die Verbesserung der Technologien geflossen sind.“
Die kunststoffverarbeitende Industrie kann im Prinzip wählen, ob sie sich für europäische Rezyklate, solche aus Drittstaaten oder doch für Neuware mit schwerem CO2-Rucksack entscheidet. Der tatsächliche Entscheidungsspielraum sei jedoch verhältnismäßig gering, „auch wegen der anhaltenden Wirtschaftsflaute“, zeigt bvse-Experte Probst zumindest teilweise Verständnis für die Situation der Kunststoffverarbeiter. Denn wer rentabel arbeiten möchte, schaut zwangsläufig auch auf den Preis.
Billiges Erdöl, kein Interesse an Rezyklaten
Ähnlich… sieht das Stefan Böhme. Er ist Präsident des Verbands der Bayerischen Entsorgungsunternehmen (VBS) sowie Inhaber der Böhme GmbH Wertstofferfassung in Rehau: „Rezyklate stehen immer in Konkurrenz zu Neuware. Aber wenn wie jetzt der Ölpreis so niedrig ist und es damit extrem billig ist, Kunststoff herzustellen, nimmt dies Herstellern bei den derzeit schwierigen Gesamtbedingungen den wirtschaftlichen Anreiz, recycelten Kunststoff zu verwenden.“
Die Unternehmen der Recyclingbranche sehen die hiesige Entwicklung mit Sorge: Wenn immer mehr Recyclingbetriebe hierzulande schließen oder sich umorientieren müssen, weil die Nachfrage nach Rezyklaten aus der EU und damit auch aus Deutschland kontinuierlich sinkt, koste das nicht nur Arbeitsplätze und schwäche den Standort. Es drohe auch das Kunststoff-Kreislaufsystem zu scheitern, sind sich die Branchenvertreter Böhme und Probst einig.
Lichtblicke: Green Deal und Verpackungsverordnung
„Um den Kreislauf gerade im Bereich Kunststoffverpackungen zu schließen, sind regionale Kunststoffrecycling-Anlagen zwingend notwendig“, betont IHK-Umweltreferentin Sabrina Schröpfer. Was also tun? „Um deren Bestand zu sichern, gilt es unter anderem, Veränderungen auf politischer Ebene anzustoßen.“ Das heißt in erster Linie, durch regulatorische Vorgaben dafür zu sorgen, dass europäische Rezyklate stärker abgenommen und eingesetzt werden.
In diese Richtung zielt die gerade erst in Kraft getretene europäische Verpackungsverordnung, ein Bestandteil des „European Green Deal“ sowie des neuen EU-Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft. Sie sieht unter anderem vor, dass Verpackungen künftig recyclingfähig sein müssen und Kunststoffverpackungen zu einem bestimmten Anteil aus Rezyklaten bestehen.
Stufenregelung ab 2030 – zu spät
„Die Recycling- und Rezyklat-Einsatzquoten setzen neue Anreize“, ist Probst sicher. Der Haken: Die Regelungen greifen stufenweise und erst ab 2030. Dann wiederum, prognostiziert eine aktuelle Studie, kann der Gesamtbedarf an Post-Consumer-Rezyklaten (Material aus Abfall der Endverbraucher) – basierend auf den gesetzlich geforderten Mindesteinsatzmengen und marktbedingten Nachfragemengen – voraussichtlich nicht gedeckt werden, was wiederum die kunststoffverarbeitende Industrie beunruhigt.
Es muss also früher etwas passieren. „Eine Variante wäre, den Einsatz von aufbereitetem Kunststoff finanziell zu belohnen oder, umgekehrt, Neuware mit einer CO2-Steuer zu belegen“, so Probst. Auf jeden Fall müsse es sich für alle Beteiligten lohnen, Rezyklate einzusetzen. Außerdem dürfe Recyclingware aus Drittstaaten nur zum Import zugelassen werden, wenn sie den Standards der EU entspricht, betont Branchenvertreter Böhme.
„Verbraucher brauchen Orientierung“
Darüber hinaus sei es wichtig, verstärkt auf Monomaterialien in der Verpackungsherstellung zu setzen und eine noch bessere Mülltrennung zu praktizieren, ergänzt IHK-Expertin Schröpfer. „Das sind relativ leichte Wege, die Unternehmen und Verbraucher direkt steuern könnten.“ Letztere bräuchten zudem eine bessere Orientierung, inwiefern Produkte beziehungsweise Verpackungen tatsächlich recyclingfähig sind.
Ein Schritt hin zu mehr Transparenz könne möglicherweise die Green Claims Directive der EU gegen Greenwashing sein, die bis 2026 in nationales Recht umgesetzt sein soll. Sie verlangt auf Produkten klare und einheitliche Standards für umweltbezogene Angaben.
Kluge Verpackungen gefordert
Kunststoffhersteller können außerdem das „Design for Recycling“ noch weiter vorantreiben – die Wiederaufbereitung der Rohstoffe also schon bei der Entwicklung etwa einer Verpackung berücksichtigen. „Hier tut sich bereits einiges“, weiß VBS-Präsident Böhme, „auch gerade im kontaktsensitiven Hygienebereich, also bei Lebensmitteln.“
Ein Beispiel hierfür ist die Bergader Privatkäserei GmbH in Waging am See. Sie hatte die Verpackung für ihre Käsescheiben zuerst verkleinert, um Plastik einzusparen. Seit Oktober 2024 besteht die Verpackung zudem aus Polypropylen, das sich in modernen Anlagen gut recyceln lässt. Unternehmensangaben zufolge können 85 Prozent des Materials wieder in den Recyclingkreislauf eingebracht werden.
Tatsächlich ist die Materialvielfalt gerade bei Verpackungen momentan noch ein großes Problem bei der Wiederverwertung. „Nicht alle Kunststoffe sind gleich gut recycelbar“, erläutert Otto Heinz, Vizepräsident der IHK für München und Oberbayern und Inhaber der HEINZ Entsorgung GmbH & Co. KG in Moosburg. Problematisch seien zudem Verbundstoffe, die aus mindestens 2 vollflächig miteinander verbundenen Materialien bestehen und gerade in der Lebensmittelindustrie häufig vorkommen.
Folien: Kunststofftrennung aufwändig
„Wenn ich eine Folie vorliegen habe, muss ich mitunter 2 bis 3 verschiedene Kunststoffarten trennen“, so Heinz. Eine mechanische Sortierung oder Wiederaufbereitung ist in diesen Fällen nur schwer möglich, meist sind dafür spezielle Werkzeuge oder Chemikalien erforderlich. „Hier wären schärfere Auflagen wünschenswert“, sagt der Unternehmer, der unter anderem eine Sortieranlage für Leichtverpackungen betreibt und Kunststoffe fürs Recycling aufbereitet. „Auch wir merken die reduzierte Nachfrage nach recycelbarem Kunststoff. In guten Zeiten ist unser Lager leer, in schlechten wie jetzt hingegen läuft es voll.“
Neue Technologien – und engere Kooperation
Heinz setzt auf technologische Innovationen, die hochwertig und sortenrein sortieren, und einen engen Austausch mit seinen Abnehmern. Das sieht er – neben der Verbesserung der äußeren Rahmenbedingungen – als einen zentralen Faktor, damit die Kreislaufwirtschaft funktionieren kann. Auch wenn es bereits gute Ansätze gebe: „Kunststoffsortierer, -recycler und -produzenten müssen künftig noch enger zusammenarbeiten.“