Gemeinde Raisting ©
Die Gemeinde Raisting hat gerade ein kommunales Denkmalkonzept gestartet

Das Dorf ist in Coronazeiten wieder angesagt. Doch statt immer neue Flächen zu besiedeln, könnte mehr Altes umgebaut werden, findet Mathias Pfeil, Chef des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.

Cornelia Knust, Ausgabe 01/21

Städtischer geht es kaum. Mathias Pfeil (59) hat sein Büro mitten im Kern des historischen Münchens, zwischen Staatsoper und Pfistermühle. Als Architekturprofessor und Generalkonservator ist er in der »Alten Münze« mit ihrem spektakulären Renaissance-Innenhof genau richtig: Hier befindet sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, das Pfeil seit 2014 leitet.

Doch auch wenn Pfeil mitten in der Stadt arbeitet, liegt ihm doch das bayerische Dorf besonders am Herzen. Seit Ausbruch der Coronapandemie wohl noch mehr als zuvor. Denn das Dorf und sein Bestand an Bauten – nicht nur der denkmalgeschützten – rückt durch die Pandemie und die dadurch veränderte Arbeitswelt in den Fokus. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist berührt. Doch dazu später.

»Wieder mehr Heimat möglich«

Pfeil kennt die Veränderungen aus eigener Anschauung. Denn die 360 Mitarbeiter seiner Behörde arbeiten gerade zu großen Teilen im Homeoffice. Sie haben ihre Reisetätigkeit reduziert und konferieren per Video. Pfeils Studenten an der Technischen Universität lauschen der Vorlesung an ihren Bildschirmen. So geht es bei den meisten Firmen und Institutionen: Ihre Gebäude stehen leer, und der Laden läuft trotzdem. Diese Mischung aus Mitarbeiterfürsorge und Effizienzsteigerung sieht Pfeil auch nach Corona als großen Trend in Richtung »Leben auf dem Dorf«. »Meiner persönlichen Meinung nach«, so sagt er, »ist das Dorf der ideale Standort zum Leben.«

Dadurch werde wieder mehr Heimat möglich. »Und so können wir die Generationen wieder zusammenführen«, erläutert Pfeil. »Das Zerreißen der Gesellschaft, das mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begonnen hat, kann durch die Digitalisierung zurückgeführt werden. Irgendwann werden sich die Menschen darüber wundern, dass es mal eine Zeit gegeben hat, in der die Menschen jeden Tag lange Strecken zur Arbeit fuhren.«

Wohnen und Arbeiten nah beieinander

Im klassischen landwirtschaftlichen Anwesen lagen Wohnen und Arbeiten ja beieinander, und man kümmerte sich umeinander. Heute bräuchte man für ein friedliches Zusammenleben natürlich mehr Freiheit und Wahlmöglichkeiten als früher, räumt Pfeil ein. Aber er sehe die Zukunft sehr optimistisch, was diese Entwicklung angehe. Und er wäre nicht Bayerns oberster Denkmalschützer, wenn es dabei nicht auch um eine Zukunft für die Baukultur ginge. Denn auch in den bayerischen Dörfern drohen die letzten Spuren des dörflichen Lebens zu verschwinden.

Dass die Dörfer ihr Gesicht und ihre Identität verlieren, weil die Landwirtschaft auf dem Rückzug ist, wird schon seit Jahrzehnten beklagt. Das, was einmal unser kulturelles Erbe war, drohe mangels Perspektiven zu veröden oder zu Schlafstätten in Einheitshaus-Tristesse zu verkommen. Gleichzeitig steht die Bevölkerung der Ausweisung immer neuer Neubaugebiete inzwischen oft skeptisch gegenüber. Und dass die »graue Energie«, die zur Errichtung von Gebäuden aufgewendet wurde, durch einen vorschnellen Abriss einfach verloren geht, ist inzwischen Teil der Klimadebatte.

Umbauen statt neu bauen

Trotzdem ging bisher nicht viel voran bei der Erhaltung der historischen Dorfkerne und der Kulturlandschaft. Mit dem Denkmalschutz allein kommt man dem nicht bei, machen doch Denkmäler im Verhältnis zur gesamten Bausubstanz nur 1,5 Prozent aus, wie Pfeil erläutert. Nachverdichtung statt Flächenausweisung und Umbauen statt Neubauen – das sieht Pfeil als Lösung. Dafür bräuchte es neben der Bayerischen Bauordnung dringend eine Bayerische Umbauordnung, wie er meint.

Denn viele Ansinnen zur Erhaltung alter Gebäude scheitern an Vorschriften zur Energieeinsparung und zum Brandschutz, die die Kosten treiben. Dabei seien gerade alte Gebäude oft sehr energieeffizient gebaut: mit dicken Mauern, Kastenfenstern, kleinen Öffnungen und Berücksichtigung der Wetterseite: »Da finden Sie eine Qualität, die mit der heutigen Kostenoptimierung beim Bauen gar nicht mehr darstellbar wäre«, so Pfeil.

Wissenstransfer zur Qualität des Bestands

Der Denkmalschützer beklagt, dass sich für diesen gebauten Bestand niemand zuständig fühle. Dabei hätten die Kommunen eigentlich viele Freiheiten, entsprechende Sanierungs- und Erhaltungssatzungen zu erstellen. Doch es fehle häufig an Wissen. Zudem werde das Potenzial der alten Bauten in der Bevölkerung oft nicht erkannt: »Man muss sie hinführen. Es muss einen Wissenstransfer geben durch Universitäten und Architektenkammern«, so Pfeil. »Und es braucht gute Beispiele, die zur Nachahmung anregen.«

Am Wissenstransfer beteiligt sich auch das Landesamt für Denkmalpflege selbst. Pfeil ist ein Fan des hauseigenen »Kommunalen Denkmalkonzepts« (KDK), das es seit fünf Jahren gibt. Dieses Programm können Kommunen auf freiwilliger Basis nutzen, um für ihre Dorfentwicklung Fachleute zu engagieren und eine Plattform für alle widerstreitenden Interessen zu schaffen.

Alle am Tisch des »Kommunalen Denkmalkonzepts«

Moderiert vom Denkmalamt, sitzen da Lokalpolitiker, Verwaltung, Unternehmer, Bürger, Stiftungen, Behörden, Experten, Investoren in mehreren Runden an einem Tisch. Als Voraussetzung braucht man ein konkretes Problem wie zum Beispiel Leerstand und einen Denkmalbezug, wobei der nicht eng gefasst sein muss: »Irgendein Denkmal hat jede Gemeinde«, meint Pfeil pragmatisch.
Was folgt, ist eine genaue Strukturanalyse des Dorfes oder ein thematischer Ansatz wie zum Beispiel die Umnutzung von landwirtschaftlichen Nebengebäuden. Am Ende steht ein Rahmenplan, den möglichst alle mittragen, ergänzt durch Handlungsempfehlungen. Finanziert wird das Verfahren überwiegend mit Mitteln aus dem Entschädigungsfonds, einem Sondervermögen des Bundes. Derzeit laufen allein in Bayern rund 50 solcher Runden.

Nutzen eines Gebäudes transportieren

Denkmalschützer Pfeil wünscht sich, dass diese Projekte Vorbilder für weitere Gemeinden werden, die sich auf den Weg machen wollen, ihre Bestandsbauten zu erhalten. Unternehmer will er motivieren, ihren Firmensitz oder ihre Werkstätten in Gebäuden unterzubringen, die »schon lange gelebt haben«. Dabei ist Pfeil als gelernter Architekt keiner, der besonders an der Historie hängt: »Wichtiger ist es, den Nutzen des Gebäudes zu transportieren. Nur dann bleibt das lebendig.«

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