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Rasant reagiert

Isarland Ökokiste ©
Kisten packen für die Kunden – aber nur mit Mundschutz und Handschuhen

Kundenansturm statt Umsatzeinbruch – auch das gibt es in der Coronakrise. Wie es dem Öko-Lieferdienst Isarland Biohandel gelungen ist, sich darauf rasch einzustellen.

Ausgabe 05/2020, Eva Elisabeth Ernst

Als die Mitarbeiter der Isarland Biohandel GmbH am Freitagabend, dem 6. März, ins Wochenende gingen, ahnten sie nichts von dem Ansturm, der am nächsten Montag über sie hereinbrechen würde. Beunruhigt durch die Entwicklung der Coronapandemie, orderten die Kunden des ökologischen Lieferdienstes in Taufkirchen bei München plötzlich fast doppelt so viele Produkte wie üblich: Der durchschnittliche Bestellwert schnellte von 40 auf 80 Euro nach oben. Dazu kamen rund 250 Neukunden. »Ein absoluter Rekord«, sagt die Gründerin und Geschäftsführerin Beate Mayer (53). »An diesem Montag hatten wir bereits eine erste Ahnung davon, welche Auswirkungen das Coronavirus auf unser Geschäft haben wird.«

Spontanes Wachstum flexibel stemmen

Binnen vier Wochen hat sich der Umsatz des Unternehmens nun verdoppelt, dabei waren die Kapazitäten bereits vorher durchaus ausgelastet. Der Öko-Lieferdienst hat es geschafft, den enormen Auftragsanstieg zu bewältigen – dank kurzer Entscheidungswege und Sofortmaßnahmen auf allen Ebenen, die bei Bedarf schnell angepasst werden. Um das spontane Wachstum zu stemmen, wurden zum Beispiel umgehend weitere Packplätze für Obst und Gemüse sowie Molkerei- und Kühlprodukte in Betrieb genommen.

Schnell mehr Personal dank Netzwerken

Dort werden die vom IT-System übermittelten Positionen jeder Kundenbestellung abgewogen und in Mehrwegkisten gelegt. Vor der Auslieferung kommen noch die georderten Trockenprodukte sowie frische Backwaren dazu. Zur Unterstützung des bislang 90-köpfigen Teams wurden nach und nach weitere 40 Mitarbeiter, darunter viele Teilzeitkräfte, eingestellt. »Aus unseren Netzwerken konnten wir neue Kollegen aus der Gastronomie und aus Schulkantinen gewinnen«, sagt Mayer. »Außerdem arbeiten jetzt auch viele Studenten bei uns.« Als Glücksfall erwies sich, dass das Unternehmen Mitte März zwei bereits vor Monaten bestellte neue Transporter mit Elektroantrieb abholen konnte. Zudem mietete es drei weitere Auslieferfahrzeuge an.

Entscheidend für den Bio-Lieferdienst ist natürlich, dass genügend Ware zur Verfügung steht. Den drei Großhändlern, aber auch den Gärtnereien, Obstproduzenten und Bäckereien, mit denen Isarland Biohandel größtenteils seit vielen Jahren zusammenarbeitet, gelingt es bisher gut, die Versorgung trotz der deutlich höheren Bestellvolumina aufrechtzuerhalten. »Lediglich bei Obst und Gemüse aus Süditalien und Spanien kam es in den ersten Coronawochen wegen der Grenzkontrollen zu leichten Verzögerungen«, berichtet Geschäftsführerin Mayer. »Aber mittlerweile kommen die Lkw wieder gut durch.«

Kapazitäten anpassen

Zudem liefern die regionalen Bio-Gärtnereien bereits die ersten Erzeugnisse, allen voran Radieschen und Blattspinat. »Der Anteil der regionalen Ware wird in den nächsten Wochen nach und nach steigen«, so Mayer. Vorausgesetzt, die hiesigen Anbauer finden genug Saisonkräfte für die Ernte. »Während wir beim Großhandel normalerweise Gebinde mit sechs bis zwölf Einheiten bestellen, ordern wir manche Produkte seit Mitte März nur noch palettenweise«, sagt Mayer. Zudem verkürzten sich die Anlieferrhythmen: Mittlerweile fahren alle Gärtner täglich an die Wareneingangsrampen. Vorher war dies zwei- bis dreimal pro Woche der Fall. Anfangs kam es auch zum Beispiel bei Nudeln, Tomatensoße, Mehl und Hefe zu kleineren Engpässen, die aber mittlerweile behoben sind. Auch der Lagerbestand an Toilettenpapier schrumpfte rasch. Um Hamsterkäufe zu vermeiden, führte die Geschäftsführung bei diesen Produkten Mengenbeschränkungen ein.

Eier statt Suppenhühner

Zwei Wochen vor Ostern zeichneten sich zudem leichte Engpässe bei Eiern ab. Von ihnen landeten pro Bestellung nur noch maximal sechs Stück in den Kisten. »Unser Eierlieferant verzichtete darauf, Hühner zu schlachten«, erklärt Mayer. »Dadurch konnten wir zwar nicht wie geplant Suppenhühner ins Angebot nehmen, dafür aber unsere Eierlieferungen aufrechterhalten.« Die Mitarbeiter im Kundenservice, der ebenfalls kurzfristig aufgestockt wurde, analysieren täglich die im Onlineshop eingegangenen Bestellungen. So wurden etwa einer Kundin, die 37 Päckchen Trockenhefe bestellt hatte, nur drei geliefert. »Nach einer Woche Coronaansturm sind wir leider nicht darum herumgekommen, einen Neukundenstopp einzuführen, um unsere Lieferfähigkeit gegenüber den Stammkunden aufrechtzuerhalten«, sagt die Unternehmerin. Selbst Bestandskunden, die im aktuellen Jahr noch nichts bestellt hatten, waren davon betroffen. »Sobald sich die Situation beruhigt hatte und unsere Lieferanten die gestiegenen Volumina konstant zur Verfügung stellen konnten, haben wir diese Restriktionen jedoch nach und nach wieder aufgelöst.«

Entscheidungen: täglich, direkt, daher schnell

Dass Isarland Biohandel das operative Geschäft derart schnell hochfahren konnte, führt Mayer auf die straffe Organisation mit flacher Hierarchie und extrem schnellen Entscheidungen zurück. Die drei Geschäftsführer und die zehn Abteilungsleiter treffen sich jeden Arbeitstag um 14 Uhr zum Corona-Status-Meeting, um Maßnahmen zur Bewältigung der aktuellen Entwicklungen zu verabschieden. In den einzelnen Abteilungen finden ebenfalls tägliche Teambesprechungen statt. »Das alles natürlich mit zwei Metern Abstand«, betont die Geschäftsführerin.

Gelebte Distanzregeln

Auch im Tagesgeschäft wird auf Distanz geachtet: Die Arbeitsplätze in den Packstraßen sind drei Meter voneinander entfernt, die Schreibtische in den Büros großzügig angeordnet. Zudem tragen alle Mitarbeiter im Betrieb seit Anfang März Mundschutz. Da beim Umgang mit Frischware schon vorher Einweghandschuhe genutzt wurden, sind genügend davon vorrätig, um nun alle Mitarbeiter zu versorgen. Handdesinfektionsmittel und Einmalhandtücher wurden ebenfalls bereits vor Corona eingesetzt. »Als Lebensmittelhändler waren unsere Hygienestandards schon immer hoch«, sagt Mayer, die als interne Hygienebeauftragte fungiert. Dass die verschärften Maßnahmen ausgesprochen wirkungsvoll sind, zeige sich auch daran, so Mayer, »dass in diesem Frühjahr bislang kein Mitarbeiter wegen einer Erkältung oder Grippe ausgefallen ist – und wegen Corona natürlich auch nicht«.

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