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Einkaufen im Urlaub

Modehaus Kraus GmbH ©
Engagiert sich für eine lebendige Stadt – Wolfgang Kraus, Chef des Modehauses Kraus

Touristen nutzen ihre freie Zeit gern zu einem Einkaufsbummel. Jenseits der Metropolen müssen die Händler jedoch aktiv werden, um dieses Potenzial zu heben. Das Beispiel Erding zeigt die Herausforderungen.

EVA ELISABETH ERNST, Ausgabe 03/2022

Besucher der Therme Erding, denen vor der Kasse erst einfällt, dass sie Badehose, Saunatuch oder Schwimmflügel vergessen haben, dürften ausgesprochen froh darüber sein, dass sich im Eingangsbereich der Therme auch das Gruber Badhaus befindet. Die Dependance der Gewandhaus Hugo Gruber KG bietet vor allem Bademode, Wasserspielzeug, Hand- und Badetücher.

Gute Umsätze vor Corona

Vor Corona war Leopold Gruber (32), Mitglied der Geschäftsleitung, mit der Entwicklung der Umsätze dort sehr zufrieden. »Vor der pandemiebedingten Schließungszeit der Therme haben wir unser Badhaus sogar noch erweitert«, sagt er.

Um die Kunden zum Besuch des Stammhauses in der Erdinger Altstadt zu motivieren, zeigen im Badhaus Videos, was das Gewandhaus auf seinen 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche alles zu bieten hat. Darüber hinaus liegen Flyer des Unternehmens aus. »Auch unsere Mitarbeiter im Badhaus weisen die Kunden auf unser Angebot im Stammhaus hin«, sagt Gruber.

1,85 Millionen Besucher als interessante Zielgruppe

Doch nicht nur für das Gewandhaus Gruber, sondern auch für alle anderen Einzelhändler und Gastronomen in der Innenstadt sind die Thermengäste eine interessante Zielgruppe. 2019, vor der Pandemie, zählte die Therme Erding über 1,85 Millionen Besucher und gilt damit als große touristische Attraktion Bayerns.

Dieses gewaltige Kundenpotenzial ist für den Einzelhandel in der Innenstadt allerdings nicht ganz leicht zu erschließen. Denn das Thermengelände liegt rund drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Chancen des Shopping-Tourismus

In einer Studie hat die CIMA Beratung und Management GmbH im Auftrag des Bayerischen Wirtschaftsministeriums die Chancen des Shopping-Tourismus für Einzelhandel und Innenstädte in Bayern untersucht. Darin empfehlen die Experten den Händlern und Gastronomen in Städten mit starken Freizeiteinrichtungen, eine intensive Kooperation mit den meist außerhalb des Zentrums gelegenen Attraktionen aufzubauen.

Außerdem sei es wichtig, einfache und kostengünstige Verbindungen zwischen den Freizeiteinrichtungen und der Innenstadt zu realisieren, um den Aufwand für die Gäste möglichst gering zu halten. Für die Studie wurden elf besonders erfolgreiche touristische Orte untersucht. Neben Erding waren das Bad Neustadt a. d. Saale, Cham, Coburg, Fehmarn, Kufstein, Lindau, Rothenburg o. d. Tauber, Waldkirchen und Wismar.

Onlinepräsenz und Kundenansprache

Um vom Shopping-Tourismus zu profitieren, sollten sich vor allem inhabergeführte Einzelhändler in den Klein- und Mittelstädten Bayerns im Wesentlichen bei Onlinepräsenz und Kundenansprache profilieren. Darüber hinaus, so die Studie, erleichtern bargeldlose Zahlungsmöglichkeiten die Spontankäufe von Touristen. Ergänzende Geschäftsmodelle rund um Service und Präsentation stärken Einkaufsbequemlichkeit und -erlebnis.

10,6 Milliarden Euro Umsatz mit Touristen

Dass sich ein gewisser Fokus auf nationale und internationale Gäste durchaus lohnen kann, belegt die CIMA-Studie anhand von Zahlen des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr: 2017 erwirtschaftete der bayerische Einzelhandel rund 10,6 Milliarden Euro Umsatz mit Touristen. Davon entfielen rund 2,6 Milliarden Euro auf Übernachtungs- und acht Milliarden Euro auf Tagesgäste.

Zwei Drittel der Touristen kaufen gerne ein

Für die meisten Reisenden stehen zwar Naturerlebnisse im Vordergrund. Doch auch dem Shopping ist das Gros der Touristen nicht abgeneigt: Lediglich ein Drittel der Befragten gab an, dass dies für sie grundsätzlich nicht von Interesse sei. Die übrigen kaufen gern auf Reisen ein, weil sie dann mehr Zeit und Ruhe haben, sie etwas Schönes nach Hause mitbringen möchten und/oder es im Urlaub besondere Waren gibt, die man zu Hause nicht kaufen kann. Die Gastronomie spielt ebenfalls eine Rolle.

Für die Besucher der Therme in Erding sind die Restaurants, Cafés und Freischankflächen laut CIMA-Studie sogar der Hauptanlass, in die Innenstadt zu fahren.

Rund 65.000 Übernachtungen

»Während die meisten Tagesgäste nach ihrem Thermenbesuch gleich wieder heimfahren, haben die Übernachtungsgäste nach ein, zwei Thermentagen eher Lust, noch in die Altstadt zu fahren«, hat Leopold Gruber vom Gewandhaus beobachtet. Das Potenzial dieser Gästegruppe ist nicht zu unterschätzen: 2019 verbuchte das Hotel Victory Therme Erding knapp 43.000 Übernachtungen, das Victory Gästehaus Therme Erding rund 22.000. »Darüber hinaus kommen Touristen aber auch zu unseren Volksfesten und den Brauereiführungen des Erdinger Weißbräu«, sagt Gruber.

Abgrenzung fremde und lokale Besucher schwierig

Vor Pandemie und Lockdown erwirtschaftete das Gewandhaus Gruber daher einen zwar kleinen, aber dennoch relevanten Umsatzanteil mit Stadtbesuchern von außerhalb. »Wie hoch unser Umsatz mit Touristen ausfällt, lässt sich aber nicht genau sagen«, so Gruber. Denn ob ein Kunde aus Dachau, Landshut oder dem Chiemgau als Tourist oder als Nachbar gilt, sei Definitionssache. »Bei uns kaufen viele Menschen aus dem Umland ein, von denen einige auch nur wegen des Gewandhauses nach Erding kommen.«

Im Erdinger Gewerbeverein Ardeo, in dem sich rund 75 Einzelhändler, Dienstleister, Handwerker sowie weitere Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen für ein lebenswertes Erding engagieren, wird seit Jahren diskutiert, wie es gelingt, mehr Thermengäste in die Altstadt zu bringen.

Cityguide mit Gratisstadtplan

»Ein erstes Ergebnis ist unser Cityguide mit Gratisstadtplan, in dem sich auch unsere Mitglieder aus Gastronomie, Dienstleistung und Handel präsentieren«, sagt Vereinsvorstand Wolfgang Kraus (41). Der Unternehmer führt das Erdinger Modehaus Kraus GmbH in achter Generation.

Auch er erwirtschaftete vor Corona einen spürbaren Umsatzanteil mit Thermengästen. Dass die Stadt seit einigen Jahren eine Buslinie zwischen Therme und Innenstadt betreibt, sieht er ausgesprochen positiv. »Darüber hinaus wollen wir künftig den Kontakt zu den Führungskräften der Therme verstärken, um gemeinsam zu überlegen, wie eine stärkere Vernetzung der Therme mit der Innenstadt aussehen kann.«

Bezüglich eines Erding-Gutscheins, der bei lokalen Unternehmen gekauft und eingelöst werden kann, sei man bei Ardeo noch in der Konzeptionsphase. Kraus: »Ideal wäre es, wenn hier auch die Therme Erding einsteigen würde.«

 

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