Ackermannbogen e.V. ©
Bald reif – Gemüsepflanzungen am Ackermannbogen

Beim Urban Gardening, dem Gärtnern auf kleineren Flächen in der Stadt, geht es um mehr als nur Ökologie und Gemüse.

Cornelia Knust, Ausgabe 07/20

Sie ist weder Botanikerin noch Landschaftsplanerin oder selbst ernannte Meisterin des grünen Daumens. Diese Frau hat sicherlich Interesse für Blumen, Kräuter, Gemüse oder Stauden. Aber noch viel mehr interessiert sie sich für Menschen, vor allem für Menschen in Gärten: Manuela Barth (47), die in München das Gärtnern im öffentlichen Raum fördert und vernetzt, ist Kulturanthropologin, betreibt also eine moderne Form von Volkskunde. Sie ist seit 2018 das Gesicht von »Urbane Gärten München«, einer Initiative von fünf privaten Stiftungen aus dem Jahr 2011, die vom Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München finanziell unterstützt wird.

Menschen verändern

Die Botschaft der Initiative und der durch sie vernetzten Gärten ist ambitioniert. Es geht nicht allein darum, Biotope zu bauen, Straßenschluchten zu kühlen oder die Stadt zu verschönern. Es geht vor allem darum, den Menschen durch die Arbeit im Garten zu verändern.

Ortstermin an der Bushaltestelle Ackermannbogen. Das ehemalige Kasernengelände zwischen Schwere-Reiter-Straße und Olympiapark wurde in den vergangenen zehn Jahren umgebaut zum Wohnareal für 7.000 Menschen. Wuchtige Häuserriegel, Schule, Supermarkt, Kita, Rasenflächen. Doch in einem der Karrees liegt ein geschmackvoll umzäunter Gemeinschaftsgarten von 1.000 Quadratmetern: Beete, Wege, Gehölze, ein Bienenstock, ein Komposthaufen, ein Geräteschuppen. »Stadtacker« nennt sich das Projekt des Quartiersvereins Ackermannbogen aus dem Jahr 2017.

»Instrument, um Nachbarschaft zu schaffen«

Um die Fläche musste der Verein zunächst kämpfen, doch dann wurde sie vom Baureferat in die »städtebauliche Entwicklungsmaßnahme« von vornherein mit eingeplant. »Der Gemeinschaftsgarten dient als Instrument, um Nachbarschaft zu schaffen«, sagt Konrad Bucher (50), Koordinator und Moderator des Stadtackers. Der Stadtacker wurde zwei Jahren lang mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert; nun finanziert ihn weitgehend die Stadt München. »Spontanes Mitgarteln unter fachkundiger Anleitung«, dazu lädt Bucher (»Landschaftsarchitekt mit Gärtnerseele«) die Anwohner ein, in Flyern oder auch direkt. 127 Adressen hat er in seinem Verteiler.

Wissenstransfer und Umweltbildung inklusive

Zugezogene Familien mit kleinen Kindern, die lernen wollen oder sollen, wie was wächst, sind die natürliche Zielgruppe, um Gemüsebeete anzulegen oder Beerensträucher zu pflanzen. Aber nicht nur sie. Ältere Menschen können rückenschonend im Hochbeet jäten, Kochbegeisterte können frische Zutaten heranziehen und verarbeiten, Migranten können Gartenwissen und Rezepte aus der alten Heimat mit den Nachbarn teilen. Dieses gemeinsame Arbeiten (und manchmal auch Feiern) im Garten habe geradezu therapeutische Wirkung, meint Bucher. Wissenstransfer und Umweltbildung sind inklusive. »Die Leute lernen hier, wie Mischkultur und Fruchtfolge funktionieren und wie ein lebendiger Boden entsteht«, sagt Bucher.

Mehr Fürsorge, Verantwortung, Begleitung

Er beschreibt, wie durch die Gartenarbeit eine Verbindung wächst mit dem Platz und den Pflanzen, wie man mit der Zeit immer mehr Fürsorge und Verantwortung empfindet: »Das ist dann sehr schnell wahnsinnig aufgeladen«, erklärt er. Daher brauche so ein Gemeinschaftsgarten auch »Begleitung«, also einen festen Ansprechpartner, der Streit schlichtet, Interessen ausgleicht, die Fäden in der Hand hält. Die Emotionen kochen eben hoch, »wenn dein Kürbis meinen Erdbeeren das Licht wegnimmt«.

Der Garten als Schule der Demokratie

Für Manuela Barth ist deshalb der Garten eine Schule der Demokratie. Er ist auch ein Mittel, die oft so vereinzelten Menschen, die entfremdeten Generationen, die abgegrenzten Nationalitäten in den Vierteln zusammenzubringen, sodass sie sich wohlfühlen. Damit nicht genug. Barth meint, dass die Mühe, die die Gärtner für ihre Pflanzungen aufwenden, ihre Wertvorstellungen verändert, das Einkaufs- und Konsumverhalten, den ganzen Lebensstil. »Wer sieht, wie mühsam ein Radieschen heranwächst, wundert sich demnächst vielleicht über den Niedrigpreis beim Discounter. « Ginge es nach Manuela Barth, gäbe es noch viel mehr Gärten in Schulen, Kindergärten und Altenheimen. Wirtschaftsunternehmen, meint sie, sollten ihre Mitarbeiter für solch ein Projekt begeistern, wie das in Großbritannien und den Niederlanden schon häufig der Fall sei.

Viele jüngere Gartenbegeisterte

Privat stürzten sich die Münchner ja geradezu auf solche Angebote. Die traditionellen Kleingartenanlagen, unter Urbanisten lange verpönt, haben inzwischen endlose Wartelisten. Ausgebucht sind auch die von Bauern saisonweise verpachteten »Krautgärten« am Stadtrand. Oder die »Essbare Stadt«: Das sind Patenschaften für Minigemüsebeete beim Giesinger Rosengarten, die der Verein Green City vergibt. Er bietet zudem ein Grünpaten-Programm an, bei dem Bürger die Grünstreifen vor den Häusern bepflanzen und pflegen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Pflanzungen abgemäht werden. Sogar auf Baubrachen legen immer öfter Gartenbegeisterte Hand an, obwohl sie wissen, dass bald die Bagger anrollen. Vor allem junge Münchner scheinen auf die Arbeit im Hochbeetkasten zunehmend verrückt zu sein – ganz nach dem Vorbild Berlin, das allerdings auch verwilderte Brachflächen in Fülle zu bieten hat.

Kontaktlose Pflanzentauschbörsen

Obwohl es in München geordneter zugeht und Flächen knapp sind, ist Urban Gardening auch hier hip und »instagramable«. Am Schlachthof, im Werksviertel, im Kreativquartier – überall gibt es Orte, an denen man sich die Hände schmutzig machen kann. »Urbane Gärten München« aktualisiert die Karte auf der eigenen Webseite ständig. Selbstverständlich haben die Gemeinschaftsgärten auch Hygienekonzepte entwickelt, um die Flächen selbst in Coronazeiten bewirtschaften zu können. So gibt es derzeit keine Veranstaltungen und die Zahl der Gärtner muss je nach Größe der Fläche begrenzt werden. Dafür sind die Gärtner kreativ geworden und haben zum Beispiel kontaktlose Pflanzentauschbörsen erfunden.

Erzeugung von Lebensmitteln aus der Hand genommen

Urban Gardening sei seit der Pandemie allgemein noch beliebter geworden, beobachtet Manuela Barth. »Viele sprechen von einem Hype, aber das ist mehr, das wird nicht abflachen«, prognostiziert sie. »Die Entfremdung von der Erzeugung unserer Lebensmittel treibt die Menschen um. Sie spüren, dass ihnen das völlig aus der Hand genommen ist. «
 

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