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Bahn frei für TEE 2.0

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Schienennetz – Engpässe beseitigen

Die EU möchte transnationale Schienenverkehre in der Tradition des TEE aufbauen. Von diesem Projekt sollen Personen- und Güterverkehr profitieren.

Stefan Bottler, Ausgabe 01/2022

Manch ältere Bahnfahrer können sich womöglich noch an den TransEuropExpress (TEE) erinnern. Von 1957 bis 1988 vernetzten die Personenfernverkehrszüge im auffälligen rot-weißen Design mit ihren stromlinienförmigen Dieseltriebköpfen viele europäische Länder. An diese grenzüberschreitenden Verkehre, die zum Synonym für besonders komfortables Reisen wurden, will die EU mit ihrer Initiative TransEuropExpress (TEE) 2.0 anknüpfen.

In den kommenden Jahren sollen Netze für internationale Personenfernzüge, die durch mindestens drei Länder fahren und in bestehende Taktverkehre integriert werden, aufgebaut werden. Auch für Güterverkehre möchte die EU solche Linien etablieren. Auf lange Sicht plant sie ein europäisches Nachtzugnetz, das aus vorhandenen Angeboten etwa über die Alpen entwickelt wird.

»Magistrale für Europa«

Zuvor haben sich bereits private Initiativen für solche Ziele starkgemacht. Ein Beispiel ist der 1990 gegründete Zusammenschluss »Magistrale für Europa«, dem sich rund 25 Städte, Regionen, Bundesländer und IHKs, darunter die IHK für München und Oberbayern, angeschlossen haben. Er setzt sich für eine zügige Modernisierung der Schienentrasse Paris – Stuttgart – München – Wien – Budapest/Bratislava ein. Die EU selbst hat einen zweiphasigen Umsetzungsplan für mehrere West-Ost- und Nord-Süd-Trassen ausgearbeitet. Wenn möglich, sollen diese von Infrastrukturmaßnahmen profitieren, die bereits seit Jahren, manchmal auch seit Jahrzehnten geplant sind.

»Für überfällige Ausbau- und Modernisierungsmaßnahmen in Südbayern kann TEE 2.0 einen wichtigen Schub auslösen«, hofft IHK-Referent Gerhard Wieland. Der Eisenbahnexperte spielt nicht nur auf die Nord-Süd-Trasse ab Berlin über München durch den künftigen Brenner-Basistunnel nach Rom an, die mit einem neuen Brenner-Nordzulauf deutlich mehr Züge aufnehmen kann. Vor allem hat er die »Magistrale für Europa« von Paris über München nach Budapest/Bratislava im Blick.

Ein jahrzehntealter Engpass ist hier der Abschnitt München–Mühldorf–Freilassing, der immer noch nicht vollständig auf zwei Spuren ausgebaut und elektrifiziert ist. 2021 hat die Deutsche Bahn (DB) die Planungen für weitere 45 Kilometer der rund 145 Kilometer langen Trasse fertiggestellt. Außerdem will die DB nach dem Ausbau des Abschnitts Augsburg–München auch den Abschnitt Ulm–Augsburg modernisieren. Im Herbst 2021 stellte der Konzern erstmals genauere Pläne für dieses Projekt vor, das größtenteils auf einer neuen Trasse realisiert werden soll.

Schienengüterverkehr von West nach Ost

»Dieses Bauvorhaben ist ähnlich ambitioniert wie der Nordzulauf des Brenner Basistunnels«, sagt Ferdinand Kloiber (57), Inhaber des Logistikunternehmens Kloiber GmbH in Petershausen. Wenn in Zukunft deutlich mehr Züge mit deutlich höheren Geschwindigkeiten auf der Trasse unterwegs sind, werde diese Verbindung auch für grenzüberschreitende Ganzzüge und kombinierte Verkehre (KV) in West-Ost-Richtung attraktiv, erwartet der Unternehmer. Gegenwärtig sind die meisten Schienengüterverkehre in Nord-Süd-Richtung unterwegs.

Auch außerhalb von Bayern müssen Enpässe möglichst schnell beseitigt werden. Für dieses Ziel setzt sich die Initiative »Mgistrale für Europa« seit Jahren ein. »Die wichtigsten Infrastrukturprojekte entlang der Trasse sind in Bau oder in Planung«, stellt Geschäftsführerin Annika Hummel (30) fest. Allerdings habe nur Frankreich alle Ausbaumaßnahmen bis Straßburg abgeschlossen. Auf den übrigen Abschnitten zieht sich der Ausbau hin. In Baden-Württemberg wird die Modernisierung auf mehreren Teilstrecken erst 2027 starten. In Österreich dürften die Ausbauarbeiten ebenfalls nicht früher beginnen. Wohl erst in den 2030er-Jahren werde die Trasse durchgehend modernisiert sein, schätzt Hummel.

Nötiger Digitalisierungsbedarf bei Leitsystem

Rund 220.000 zusätzliche Lkw-Ladungen kann die Magistrale nach dem Ausbau aufnehmen, hat die Initiative errechnet. Das wäre ganz im Sinne der EU, die im Zuge des Green Deal den Schienengüterverkehr bis 2050 verdoppeln will. Allerdings kann dises Ziel auf der Magistrale wie auf den übrigen TEE-2.0-Trassen nur mit technologischen Innovationen erreicht werden. »Auch die Schiene hat einen großen Digitalisierungsbedarf«, sagt IHK-Experte Wieland. Mit dem neuen Leitsystem European Train Control System (ETCS) könnten flächendeckend auf dem ganzen Kontinent Schienenverkehre automatisch gesteuert werden. Bislang haben die meisten Länder, darunter alle Anrainerstaaten der »Magistrale«, erst einzelne Trassen mit ETCS ausgerüstet.

Für den Schienengüterverkehr ist überdies die digitale automatische Kupplung (DAK) wichtig, die das Zusammenstellen von Güterzügen deutlich beschleunigt. Handarbeit von Rangierpersonal wird dann überflüssig. Mit der Umrüstung von knapp 80.000 Güterwaggons will die Konzerntochter DB Cargo voraussichtlich 2023/24 beginnen.

Zudem müssen neue Terminals und andere Anlagen gebaut werden, die den Güterumschlag von der Straße auf die Schiene erleichtern. »Gerade für die Trasse Paris– Bratislava/Budapest ist eine solche Infrastruktur wichtig, weil in ihrer Reichweite viele wichtige Unternehmen beispielsweise aus der Automobilindustrie Standorte haben«, sagt Initiativen-Geschäftsführerin Hummel. Für die Magistrale wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die Standorte für zusätzliche Umschlagsanlagen vor allem für den KV prüfen soll.

60.000 Container in Augsburg

Für Südbayern gibt es längst entsprechende Pläne. In Augsburg entsteht ein neues Terminal am Güterverkehrszentrum unweit der Autobahn A8, das ab 2030 rund 60.000 Container und andere Ladeeinheiten pro Jahr umschlagen wird. Die Anlage löst den völlig überlasteten Bahnhof Augsburg-Oberhausen ab, der nur 22.000 Container aufnehmen kann.

In München soll zusätzlich zum Terminal Riem, das ebenfalls ausgelastet ist, eine zweite Anlage im Norden entstehen. Auf dieser könnten Verladungen für gleich zwei TEE-2.0-Trassen stattfinden – die Ost-West-Verbindung von Paris nach Bratislava/Budapest und die Nord-Süd-Verbindung von Berlin durch den künftigen Brenner-Basistunnel nach Rom.

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