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Unkonventionelle Wege

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Immer mehr Firmen beteiligen sich am Kampf gegen Corona

In Oberbayern gibt es zahlreiche Unternehmen, die an Impfstoffen und Medikamenten gegen Covid-19 arbeiten. Sie glänzen mit exzellentem Fachwissen und großer Kooperationsbereitschaft, wie drei Firmen beispielhaft zeigen.

Steffi Sammet, Ausgabe 05/2021

Michael Isele mag Vergleiche, um schwierige Sachverhalte verständlich zu machen. Isele leitet für das schwedische Pharmaunternehmen Recipharm AB den Produktionsstandort im oberbayerischen Wasserburg. Wenn der 55-Jährige von seiner aktuellen Arbeit berichtet, spricht er von der »Champions League der Gefriertrocknung«. Sie sei die größte Herausforderung in der Pharmaproduktion, für die es extrem viel Know-how brauche.

Seit Oktober 2020 arbeitet Isele mit einem 35-köpfigen Team daran, flüssigen Covid-19-Impfstoff zu lyophilisieren, ihn also mithilfe eines physikalischen Prozesses schonend zu trocknen. »In Pulverform lässt sich ein Impfstoff wesentlich leichter lagern und die Haltbarkeit ist deutlich länger«, erklärt er. Sobald Mediziner den Stoff impfen wollen, müssen sie ihn nur mit einem Lösungsmittel versetzen und die Flüssigkeit spritzen.

Oberbayern als Cluster der Anti-Corona-Forschung

Recipharm braucht etwa 100 Stunden, um eine Charge Impfstoff zu trocknen. Eine entsprechende Charge besteht aus 80.000 Stück mit jeweils zehn Impfdosen. »Anschließend analysieren wir bis zu fünf Wochen lang, ob das Produkt beziehungsweise die Werte so vorliegen, wie es der Kunde in seiner Spezifikation bestellt hat«, erklärt Isele. Aktuell wartet man in Wasserburg darauf, dass der Kunde, für den das Pharmaunternehmen die Gefriertrocknung des Impfstoffs übernimmt, die Zulassung erhält. Da der Markt feststelle, dass Recipharm Gefriertrocknung könne, »rennen uns derzeit viele Hersteller die Tür ein«, ergänzt der Standortleiter.

»Alle sind losgaloppiert«

Recipharm ist eines von 15 Unternehmen in Oberbayern, die sich der Forschung, Entwicklung und Produktion von Impfstoffen und Medikamenten gegen Sars-CoV-2 verschrieben haben – und es kommen immer noch mehr dazu. »Durchschnittlich zählen wir fünf Unternehmen pro Monat mehr«, sagt Rolf Hömke vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Am meisten beeindruckt Hömke die Dynamik und Kooperationsbereitschaft, mit der die Unternehmen sich Sars-CoV-2 annehmen. »Ich arbeite seit 20 Jahren in diesem Bereich«, erzählt er, »aber dieses Mal ist alles anders: Alle sind losgaloppiert, haben zum Teil ihre Wissenschaftler schon gemeinsam forschen lassen, ehe überhaupt irgendein Kooperationsvertrag geschlossen war.«

Egal, ob Konzern oder Start-up – alle hätten sich über ihre Kompetenzen und Ressourcen ausgetauscht und versucht, die bestmöglichen Kombinationen zu finden, um möglichst schnell Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 zu finden. »So eine Initiative ist bisher einzigartig!«, betont Hömke.

Ein Lob, das auch für die Leukocare AG gilt. Das Unternehmen aus Martinsried bei München hat im April 2020 ein Konsortium gegründet, in dem das italienische Pharmaunternehmen ReiThera und der belgische Produzent Univercells mit von der Partie sind. Während die Spezialisten von ReiThera an einem adenoviralen, vektorbasierten Impfstoff arbeiten, entwickelt Leukocare die Flüssigkeit, in der der Impfstoff stabil gehalten und transportiert werden kann. »Wir schaffen eine Formulierung – eine Darreichungsform –, die den Wirkstoff abfüll- und lagerbar und am Ende spritzbar macht«, erklärt Michael Scholl, Gründer von Leukocare.

Fähigkeiten verknüpfen

Um die optimale Zusammensetzung der wässrigen Basis mit ihren biochemischen Stoffen wie Aminosäuren und Zucker zu finden, nutzen die fünf zuständigen Mitarbeiter des Projekts genau die Fähigkeiten, die das Unternehmen auszeichnen: sein Wissen in Bioinformatik, künstliche Intelligenz und seine äußerst umfangreiche Datenbank. »Wir simulieren sehr viel mit den infrage kommenden Hilfsstoffen, um so für den Impfstoff die fünf bis sieben relevanten Zusätze zu der Flüssigkeit zu identifizieren«, erklärt Scholl. Mithilfe der Datenbank und mit Algorithmen könne Leukocare viele Varianten bereits von vornherein ausschließen, in denen der Impfstoff nicht stabil bliebe. So kristallisierten sich mögliche Kombinationen heraus, die das Unternehmen dann im Labor testet.

Eine Impfung ausreichend?

»Im Spätsommer 2021 wird ReiThera voraussichtlich die Zulassung des Impfstoffs beantragen«, sagt Geschäftsführer Scholl. Aktuell sehe es so aus, dass das Vakzin des Konsortiums sogar nur einmal verabreicht werden müsse. »Die ersten Studien haben gezeigt, dass die Immunantwort der Impflinge so groß ist, dass eine Impfung ausreichen könnte.« Sobald die Zulassung erfolgt, wird unter anderem mit der Produktion des Vakzins bei Univercells gestartet.

Nur wenige Meter vom Leukocare-Firmensitz entfernt findet sich ein weiteres Unternehmen, das dem Coronavirus den Kampf angesagt hat: die Planegger Eisbach Bio GmbH. »Unser Steckenpferd ist eigentlich die Forschung an Krebszellen«, sagt Vorstandschef Adrian Schomburg. Die Molekularbiologen, Chemiker und Virologen von Eisbach Bio suchen in Krebszellen nach einem Protein, auf das Tumore nicht verzichten können. »Erst analysieren wir riesige Datenmengen des menschlichen Genoms, um diese Schwachstelle zu finden. Dann schalten wir dieses Protein mit einem gezielten Wirkstoff aus.«

Neue Moleküle gegen Sars-CoV-2 designt

Nachdem Schomburg Ende Januar 2020 den Aufbau des Sars-CoV-2-Virus studiert hatte, sei ihm sofort aufgefallen, dass das Virus ein Eiweiß enthalte, das dem unverzichtbaren Protein in einer bestimmten Tumorzelle extrem ähnlich sei. Also habe Eisbach Bio einige neue Moleküle gegen Sars-CoV-2 designt. Mit Erfolg: »Im ersten Schritt haben wir Lungenzellen in einer Petrischale gezüchtet und mit Coronaviren versetzt«, erklärt Schomburg. Als die Wissenschaftler dann aber zusätzlich ihre Moleküle dazugegeben hätten, »haben die Lungenzellen überlebt«. Schomburg vergleicht diesen Prozess mit einem Schlüssel, der in ein Schloss passt, es aber verklemmt. »Wir sind auf dem Weg, ein Medikament zu entwickeln, das nur auf das Coronaprotein zielt – so wie ein Schlüssel nur in ein Schlüsselloch passt.«

Vorreiter-Unternehmen

Aktuell hofft Eisbach Bio auf die Bewilligung von Fördergeldern für die nächste Testphase. Gelingt es dem Unternehmen, alle Entwicklungsschritte erfolgreich abzuschließen, »hätten die Menschen Tabletten zur Verfügung, von denen sie beispielsweise bei Auftreten von leichten Coronasymptomen einmal täglich etwa eine Woche lang eine schlucken«, sagt der Firmenchef. Schomburg ist sicher, dass sich der Ansatz von Eisbach Bio neben der Entwicklungsarbeit von Impfstoffen zu einer wesentlichen Säule im Kampf gegen diese und zukünftige Pandemien entwickeln wird: »Je mehr neue antivirale therapeutische Ansätze sich etablieren, desto besser.«

Für den Gründer gibt es keinen Zweifel, dass Eisbach Bio früher oder später ein Medikament gegen Corona auf den Markt bringen könnte. Einen Produzenten, der die Tabletten aus Planegg herstellen würde, sobald sie zugelassen sind, hat Eisbach Bio jedenfalls schon.

Möglicherweise werden die Namen der oberbayerischen Unternehmen Leukocare, Eisbach Bio und Recipharm dann in ein paar Wochen oder Monaten ebenso selbstverständlich in der Bevölkerung geläufig sein wie derzeit Biontech, Moderna oder AstraZeneca.

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