Homes & Holiday AG/Petra Stadler ©
»Es ist ja nicht meine erste Krise« – Unternehmer Joachim Semrau

Joachim Semrau, Vorstandsvorsitzender der Münchner Homes & Holiday AG, spricht im Telefoninterview über die aktuelle Krise und frühere, sehr persönliche Einschläge. Der 71-Jährige ist erprobt im Umgang mit großen Herausforderungen und daher auch jetzt optimistisch.

Sabine Hölper, Ausgabe 06/20

Herr Semrau, Sie klingen gut gelaunt. Ich hoffe, mein Eindruck stimmt.
Ich bin gesund und munter. Ich bin fast den ganzen Tag zu Hause im Homeoffice. Nur gegen Abend drehe ich eine Runde mit dem Hund.

Die Tourismusbranche liegt am Boden. Wie ergeht es Ihnen derzeit als Unternehmer?
Uns trifft es knallhart. Durch den Alarmzustand in Spanien, unserem Kernmarkt für Ferienimmobilien und Ferienvermietung, haben wir seit dem 13. März 2020 keinen Cent Einnahmen. Selbst die bestehenden Termine, die so gut wie abgeschlossenen Immobilienverkäufe, sind alle vorläufig abgesagt worden. Und in der Ferienvermietung ist natürlich auch tote Hose. Es kann ja keiner reisen. Unsere Einnahmen sind von heute auf morgen auf null eingebrochen. Gleichzeitig laufen die Kosten weiter.

Was tun Sie aktuell, um das Unternehmen zu retten?
Ich habe den Vermieter gebeten, die Mieten für einige Monate zu stunden. Wir wollen nichts geschenkt bekommen, wenn es wieder gut läuft, wollen wir alles zurückzahlen. Aber im Moment brauchen wir Luft.

Was machen Sie noch, um die Kosten zu senken?
Für alle Angestellten haben wir Kurzarbeit und für die Unternehmen Corona-Soforthilfen beantragt. Außerdem haben wir Vorstände unsere Bezüge und alle externen Honorare für die nächsten sechs Monate um bis zu 50 Prozent heruntergesetzt. Mit den Maßnahmen können wir einige Monate überleben. Gleichzeitig halte ich den Kontakt zu den Mitarbeitern und Freien aufrecht. Täglich besprechen wir die Situation in Telefonkonferenzen.

Homes & Holiday ist 2018 an die Börse gegangen. Der Start war schon schwierig, da die Immobilienpreise auf Mallorca just in diesem Jahr rückläufig waren. Nun kommt noch das Virus hinzu. Die Aktie befindet sich auf einem Tiefstand. Das sieht nicht gut aus.
Ja, es ist schlimm. Wir wollten dieses Jahr den Break-even erreichen. Ich habe eine Ad-hoc-Meldung herausgeben müssen, dass wir dies nicht schaffen werden. Wir rechnen frühestens Anfang Juni mit einem leicht beginnenden Geschäft.

Und wenn nicht?
Klar, keiner weiß wirklich, wie es weitergeht. Aber von der Logik und meiner Lebenserfahrung her – es ist ja nicht meine erste Krise – weiß ich: Nach Tiefen geht es wieder bergauf. Zweitens: Wenn die Krise tatsächlich sechs oder mehr Monate dauern würde, käme das einem Weltuntergang gleich. Das würde die gesamte Weltwirtschaft nicht verkraften.

Sie bleiben also trotz allem positiv?
Ja. Die Krise wird vorübergehen, scheibchenweise werden die Beschränkungen wieder gelockert werden. Natürlich müssen wir abwarten, ob wir als Unternehmen das überleben. Aber wenn wir es überstehen, gehen wir vielleicht gestärkt aus der Krise heraus. Wahrscheinlich bereinigt sich der Markt, Mitbewerber brechen weg. Gleichzeitig war und bleibt Mallorca ein Hotspot. Für unsere Zukunft sehe ich also vor allem Positives.

Als Unternehmer haben Sie viele Hochs und Tiefs erlebt. Eines dieser Erlebnisse ist eng mit Ägypten verbunden ...
1975 bin ich dorthin. Meine Verlobte war tödlich verunglückt, ich wollte mich von diesem Schmerz verabschieden. Es gab zwei Touristenschiffe, die zwischen Luxor und Assuan fuhren, sie waren über Jahre ausgebucht. Die Schiffe wurden aus Deutschland importiert. Nachdem der Assuan-Staudamm gebaut worden war, konnten keine Schiffe mehr importiert werden. Ich machte es mir zur Aufgabe, dies zu lösen. Am Ende habe ich gemeinsam mit der indischen Hotelkette Oberoi einen Vertrag mit einer Hamburger Werft unterzeichnet. Sie wollten den Ägyptern beibringen, vor Ort die Schiffe zu bauen. Es handelte sich um ein 24-Millionen-Dollar-Projekt, ich hatte am Kapitalmarkt Geld dafür eingesammelt.

An dem Tag, an dem ich die Finanzierung geschlossen hatte, wir in einem Hotel in Kairo feierten, wurde der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat bei einer Militärparade getötet. Fast die gesamte Mannschaft verließ fluchtartig das Land, es gab Unruhen, der Flughafen wurde geschlossen.

Haben auch Sie Ägypten sofort verlassen?
Ich blieb noch drei Monate, bis sich wieder alles beruhigt hatte. Aber: Das Projekt war gestorben. Die Investoren waren abgesprungen. Ich wollte nach acht Jahren in Ägypten nicht noch einmal von vorne anfangen. Im Oberoi-Hotel, wo ich lange gewohnt hatte, hatte ich andere Deutsche kennengelernt, unter anderem Peter Dauth. Mit ihm bin ich nach München zurück, gemeinsam haben wir die Flugbörse gegründet, das deutschlandweit erste unabhängige Franchise-System im Touristikbereich. 1995, wir hatten rund 160 Büros, haben wir das Unternehmen erfolgreich verkauft. Also habe ich mich auf Mallorca zur Ruhe gesetzt.

Offenbar nur kurzzeitig.

Ich hatte die Führungsmannschaft der Flugbörse quasi mitverkauft. Eines Morgens frühstücke ich am Strand, und denke, ich guck nicht richtig: Da sitzt die Mannschaft und sagt: »Lass uns was Neues machen. « Haben wir gemacht. Wir haben die Travel24 gegründet ...

... die später abstürzte.

Am 15. März 2000 sind wir an die Börse gegangen. Die Aktie war 32-fach überzeichnet, das Unternehmen wurde mit 570 Millionen Mark bewertet. Wahnsinn. Am nächsten Tag schlug der Börsencrash ein, es ging sofort massiv bergab.

Das Unternehmen hat überlebt, es ging mehrheitlich in andere Hände über. Was genau haben Sie aus all den Rückschlägen gelernt?

Dass man nach vorn schauen muss. Das gilt auch jetzt für Homes & Holiday. Wir überlegen, wie wir uns für die Zukunft rüsten. Wir werden zum Beispiel noch mehr virtuelle Besichtigungen anbieten.

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