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Vielseitig und sauber

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Wasserstoff im Tank – gute Marktchancen für Nutzfahrzeuge

Wasserstoff gilt als Alternative zu fossilen Brennstoffen und möglicher Baustein einer CO₂-neutralen Mobilität. Wie weit sind Anwendungen in Oberbayern?

Josef Stelzer, Ausgabe 11/20

Wasserstoff ist ein echtes Multitalent. Das geruchlose, ungiftige Gas kann Autos und Nutzfahrzeuge mit Brennstoffzelle antreiben oder als Grundlage für synthetische Kraftstoffe dienen. Es kann in Schiffen oder Regionalzügen ebenso zum Einsatz kommen wie in Minikraftwerken oder in stationären Energiespeichern. Das Potenzial ist groß. Doch wie steht es um die praktische Umsetzung?

Gerade in Bayern wollen Unternehmen, Kommunen und die Landesregierung die Technologie weiter vorantreiben. Das Spektrum reicht von mobilen Anwendungen bis zu Plänen für eine klimaneutrale Wasserstofferzeugung. »Wasserstoff eignet sich für viele Bereiche als ein zentraler Energieträger und wird in der Industrie bereits umfangreich eingesetzt«, sagt Norbert Ammann, Referatsleiter Umwelt, Energie, Rohstoffe bei der IHK für München und Oberbayern. »Klimaneutral hergestellt, kann Wasserstoff einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende leisten.« Das vielseitige Gas entsteht, wenn Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt wird. Dazu ist Energie erforderlich, die am besten klimaneutral aus Wasserkraft, Sonnenoder Windenergie stammen sollte. Bisher allerdings kann sie auch aus fossilen Brennstoffen wie Erdgas kommen, wobei klimaschädliches CO₂ entsteht.

Bald fünf öffentliche Wasserstofftankstellen in München

Die sogenannten Brennstoffzellen bilden gewissermaßen das Herzstück der Technologie: Das in einem Drucktank gespeicherte Gas strömt kontinuierlich in solche Zellen. Dort entstehen in einer elektrochemischen Reaktion nur Wasser, Wärme und Strom, der einen E-Motor völlig abgasfrei antreiben kann. Bislang konnten sich solche Brennstoffzellenantriebe nicht recht durchsetzen, zumal es kaum öffentlich zugängliche Wasserstofftankstellen gibt. In München werden es ab Dezember fünf sein.

Das könnte sich bald ändern. Die Landkreise Ebersberg, München und Landshut wollen zu den ersten Regionen in Bayern gehören, die das zukunftsträchtige Gas als Kraftstoff für Linienbusse einsetzen. In einigen Jahren bereits soll für Busunternehmen und andere Betriebe grüner Wasserstoff angeboten werden, der ausschließlich mit Strom aus erneuerbaren Energien produziert wird. Am Projekt beteiligen sich neben den Initiatoren – die Hynergy GmbH, Grasbrunn, sowie die Landkreise Landshut, München und Ebersberg – unter anderem 17 Unternehmen, zwei Stadtwerke sowie die Energieagentur in Ebersberg. Ein Isar-Wasserkraftwerk sowie Photovoltaikanlagen sollen klimaneutralen Strom liefern, der Wasser per Elektrolyse in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. In den drei Landkreisen ist je eine Wasserstofftankstelle vorgesehen.

Betanken in rund vier Minuten

Die BMW AG plant für 2022 eine Kleinserie eines Brennstoffzellenautos und könnte womöglich ab 2025 ein solches Modell auf den Markt bringen. Die Fahrzeuge lassen sich in rund vier Minuten betanken und ermöglichen deutlich größere Reichweiten als die meisten rein batteriebetriebenen Elektroautos. Der Ingolstädter Automobilhersteller Audi, der die Brennstoffzellenentwicklung am Firmenstandort Neckarsulm vorantreibt, tüftelt ebenfalls an einem künftigen Serienmodell mit Wasserstoffantrieb.

Nutzfahrzeuge: »enorme Marktchancen«

Vielversprechend erscheint die Technologie vor allem für Nutzfahrzeuge wie zum Beispiel Busse. Die Wasserstofftanks, die etwa vier- bis fünfmal größer sind als herkömmliche Dieseltanks, lassen sich auf dem Dach platzieren. Bei Lkws werden sie hinter dem Fahrerhaus montiert. »Besonders für Busse und Lastkraftwagen, die täglich Strecken von mehr als 200 Kilometern zurücklegen, bieten sich enorme Marktchancen«, glaubt Manfred Limbrunner (50), Marketing- und Vertriebschef der Proton Motor Fuel Cell GmbH in Puchheim. Das 1998 gegründete Unternehmen produziert Wasserstoffbrennstoffzellen unter anderem für die niederländisch-belgische E-Trucks Europe, die derzeit Müllsammelfahrzeuge mit Proton-Brennstoffzellen-Lösungen ausrüstet.

Mit dem tschechischen Fahrzeughersteller Škoda Electric ist die gemeinsame Entwicklung von Brennstoffzellen-Elektrobussen samt Vertrieb und Wartung geplant. Das dünne Tankstellennetz sei für den Wasserstoffeinsatz in Linienbussen und betrieblichen Logistik- oder Kommunalfahrzeugen kein Problem, sagt Limbrunner, der seit fast 20 Jahren bei Proton Motor tätig ist. »Nachtanken kann man auch zentral in den Fahrzeugdepots der Betriebe.«

Anschaffungskosten versus Reichweite

Allerdings sind wasserstoffbetriebene Busse, wie sie etwa die Regionalverkehr Köln GmbH in Betrieb genommen hat, mit Anschaffungskosten von über 625.000 Euro deutlich teurer als vergleichbare Dieselfahrzeuge, die mit etwa 250.000 Euro zu Buche schlagen. Die Preise rein batterieelektrisch angetriebener Busse liegen bei rund 550.000 Euro, wobei das »Nachtanken« erheblich länger dauert und die Reichweiten deutlich geringer sind als mit Wasserstoffantrieb.

Die Münchner MAN Truck & Bus SE beschäftigt sich mit den Einsatzmöglichkeiten der Wasserstofftechnologie für den Fernverkehr. Gemeinsam mit dem Mineralölanbieter Shell und weiteren Partnern entwickelt das Unternehmen derzeit ein Brennstoffzellensystem sowie eine mobile Betankungseinrichtung für schwere Nutzfahrzeuge. Das Bundesverkehrsministerium hat im Herbst 2019 hierfür rund 8,1 Millionen Euro Fördermittel bewilligt.

Regionale Projektpartner

Die Innsbrucker TIWAG-Tiroler Wasserkraft AG wiederum plant den Bau des Wasserstoffzentrums Power 2X Kufstein samt Anlage zur Wasserstofferzeugung mit Tankstelle. Der Testbetrieb könnte voraussichtlich im Herbst 2023 starten. Zu den Projektpartnern gehören unter anderem MAN, der Automobilhersteller Hyundai und das Speditionsunternehmen Dettendorfer Gruppe, Nußdorf/Inn. Zum Einsatz kommen soll der in Kufstein erzeugte Wasserstoff in Brennstoffzellen-Lkws, die über weite Strecken schwere Lasten transportieren und möglichst kurze Betankungszeiten benötigen.

»Triebfeder für Wasserstoffanwendungen«

Auch die Politik will die Technologie vorantreiben. Anfang September 2019 startete die Bayerische Staatsregierung das Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B) in Nürnberg. Als Kompetenzcluster soll es dazu beitragen, die Potenziale einer künftigen Wasserstoffwirtschaft in Bayern auszuschöpfen.
Gleichzeitig schloss die Staatsregierung mit Unternehmen sowie Forschungsinstituten das »Wasserstoffbündnis Bayern«. Die Mitglieder, darunter Audi, BMW, Bosch, Linde, MAN und Siemens, sollen die Aktivitäten des Kompetenzclusters unterstützen und helfen, den Energieträger zu etablieren. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zeigt sich zuversichtlich: »Wasserstoff.Bayern wird Triebfeder für Wasserstoffanwendungen.«

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