Betrieb + Praxis

Den Druck herausnehmen

Studio Romantic/Adobe Stock ©
Wir müssen reden! Offener Austausch hilft, besondere Belastungen frühzeitig zu erkennen

Schon vor Corona gewann psychische Belastung am Arbeitsplatz an Bedeutung. Durch die Pandemie hat sich das Problem weiter verschärft. Was Unternehmen tun können.

Eva Müller-Tauber, Ausgabe 11/2021

Den Bedürfnissen und Erwartungen mehrerer Menschen gleichzeitig und dauerhaft gerecht zu werden, ist anspruchsvoll, oft stressig. Da wundert es nicht, dass Erzieher zu den Berufsgruppen mit einem erhöhten Burn-out-Risiko gehören. Denn die zu betreuenden Kinder, deren Eltern, die Kollegen, der Arbeitgeber und natürlich sie selbst haben Ansprüche, die sie ständig und oft unter Zeitdruck miteinander vereinbaren müssen.

Christina Ramgraber, die mit David Siekaczek 2012 die sira Kinderbetreuung in München gegründet hat, weiß um die psychischen Belastungen, die sich zu ernst zu nehmenden Erkrankungen entwickeln können. »Deshalb haben wir schon immer versucht, den Druck im Rahmen unserer Möglichkeiten herauszunehmen, setzen auf kleine Betreuungsgruppen, flache Hierarchien, Selbstverantwortung, größtmögliche Freiheit und auf Vertrauen statt Kontrolle. Gleichwohl müssen wir natürlich Bildungspläne einhalten und Vorgaben der öffentlichen Hand«, so die Firmenchefin, die mittlerweile rund 90 Mitarbeitende beschäftigt.

Corona hat das Thema psychische Gesundheit am Arbeitsplatz bei sira allerdings wieder stärker in den Fokus gerückt. »Es herrschte bei der Geschäftsleitung wie den Mitarbeitenden lange Zeit große Unsicherheit«, erzählt Ramgraber. Erst musste ihr Unternehmen wegen Corona seine Mini-Kitas im Frühjahr 2020 knapp zwei Monate schließen. Zudem konnte die Firma manchen neuen Standort nicht eröffnen und musste die dort neu eingestellten Mitarbeiter sofort in Kurzarbeit schicken, »was mir sehr schwerfiel und bei den Betroffenen natürlich Existenzängste auslöste«, so die 40-Jährige.

Dann durften die Kitas wieder öffnen – mit ständig wechselnden Hygienekonzepten und der Auflage für das Personal, stets Maske zu tragen. Das sei zum Gesundheitsschutz aller natürlich richtig, räumt Ramgraber ein. »Aber wie sollen kleine Kinder zwischen null und drei Jahren Gefühle einordnen und sprechen lernen, wenn sie die Gesichter, die Mimik, die Lippen ihrer Bezugspersonen nicht sehen?« Ihren Bildungs- und Betreuungsauftrag nicht so erfüllen zu können, wie es den eigenen Ansprüchen entspricht, machte vielen Beschäftigten schwer zu schaffen.

Zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen

»Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz und wie man sie bestmöglich erhält oder wiederherstellt, ist ein Thema, das Unternehmen auf dem Schirm haben sollten und zum Teil auch schon haben«, sagt Elfriede Kerschl, Leiterin des IHK-Referats Fachkräfte, Weiterbildung, Frauen in der Wirtschaft. Denn während psychische Erkrankungen vor 20 Jahren noch nahezu bedeutungslos waren, sind sie heute die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibungen beziehungsweise Arbeitsunfähigkeit, so der BKK Gesundheitsreport. »Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen treten immer häufiger auf«, bestätigt Werner Kissling (73), Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Leiter des Centrums für Disease Management (CFDM) an der Technischen Universität München (TUM). »Das wirkt sich unmittelbar in den Unternehmen aus, weil Mitarbeiter, die über die Maßen psychisch belastet oder erkrankt sind, weniger produktiv sind, leichter Fehler machen und nachweislich mehr Fehltage als in gesunden Zeiten verzeichnen.«

2,4 Millionen Euro Kosten pro Jahr durch Fehltage

Insgesamt seien einem Unternehmen mit 500 Mitarbeiter durch Fehltage infolge psychischer Belastungen und Erkrankungen schon vor Corona Kosten von mindestens 2,4 Millionen Euro jährlich entstanden, rechnet der Experte hoch. Nun hat die Pandemie den psychischen Druck generell und speziell im Arbeitsleben nochmals verändert, die Belastung und damit den Handlungsbedarf für Unternehmen erhöht. »Das ständige Hin und Her, die Unplanbarkeit, Angst um die Gesundheit und den Job, reduzierte Sozialkontakte oder das Verschwimmen der Grenzen von Arbeits- und Privatleben durch Homeoffice – das setzt viele Menschen unter starken negativen Stress«, sagt Kissling. So sei die Nachfrage nach ambulanten Psychotherapieplätzen gestiegen. Immer mehr Gesundheitsmanager, Personaler, Betriebsräte und Geschäftsführer nehmen zudem due kostenlose Hotline des CFDM in Anspruch, das umfassend zum Thema psychische Gesundheit berät.

Firmenbeispiel der Stadtsparkasse München hier.

Wo können Firmen ansetzen?

Ein erster Schritt kann eine Gefährdungsbeurteilung sein. Sie ist laut Arbeitsschutzgesetz für psychische Belastungen seit 2013 für Unternehmen ohnehin Pflicht. »Mit ihr kann das Unternehmen wie auf einer Landkarte sehen, in welchen Bereichen erhöhte Belastungen auftreten, wo also Handlungsbedarf besteht«, so Kissling. Entsprechende Maßnahmen zur Vorbeugung oder Wiederherstellung müssen dann beim Arbeitgeber, den Betroffenen und – den Führungskräften ansetzen, Diese müssten nicht nur wissen, was gesundes Führen bedeutet und wie das speziell unter Corona zu leisten ist, sagt der Experte. Sie müssten auch »geschult werden, um plötzliche Stressanzeichen, Veränderungen bei ihren Mitarbeitern zu erkennen, die auf psychische Probleme hindeuten könnten«. Ist ein Kollege etwa nicht mehr so kontaktfreudig wie früher? Schaut er häufig weg, spricht er leiser?

Das habe Corona deutlich erschwert, »denn um dies via Videocall, ohne persönlichen Kontakt, einschätzen und Betroffene darauf ansprechen, ihnen Hilfe anbieten zu können, braucht es Fingerspitzengefühl«, warnt der Experte. »Sonst besteht die Gefahr, dass diese das als Micromanagement und als permanente Kontrolle interpretieren und sich noch mehr gestresst, da beobachtet fühlen.« Arbeitgeber wiederum sollten Rahmenbedingungen schaffen, um ihren Angestellten ein angenehmes und somit produktives Arbeiten zu ermöglichen. Die sira-Gründer haben dies in ihrem Unternehmenskonzept bereits berücksichtigt. Ihre Mini-Kitas orientieren sich am Konzept der Großtagespflege, ursprünglich für selbstständige Tagesmütter und -väter gedacht, setzen also auf einen hohen Personalschlüssel: Dabei betreuen zwei bis drei Pädagogen maximal zehn Kinder im Krippen- oder Kindergartenalter.

Raum-für-Entfaltungs-Gespräche

Das jeweilige individuelle Hauskonzept und dessen Umsetzung entwickeln die Mitarbeitenden mit. Neben dem pädagogischen Team gibt es ein Unterstützer sowie ein Verwaltungsteam, die alle im stetigen Austausch miteinander stehen. Auch die Urlaubsplanung liegt bei den jeweiligen Standorten selbst. Mindestens einmal jährlich gibt es zudem einzelne Raum-für-Entfaltungs-Gespräche zwischen Mitarbeitenden und Geschäftsführung. »Sich regelmäßig auszutauschen, miteinander offen zu reden, ist ein ganz wichtiger Faktor, um Probleme zu erkennen, sie auszuräumen und negativen Stress am Arbeitsplatz möglichst gering zu halten«, betont Firmenchefin Ramgraber. »Manchmal hilft es schon ein wenig, ein offenes Ohr für die Sorgen seiner Mitarbeitenden zu haben, sie ernst zu nehmen.«

Die Hotline des Centrums für Disease Management (CFDM) ist erreichbar unter Tel. 0176 7648 3694 oder info.unternehmen(at)cfdm.de

Verwandte Themen